Liliths Weltenchronik

Warum Liliths Weltenchronik?
Allgemein bedeutet Dichten und Forschen für Frauen immer auch eine „Revision […] männlicher Selbstbilder, Weltenentwürfe, Mythen und Kultfiguren“.1 Lilith stellte in der Reihe gelungener Umbildungen und –gestaltungen eine besondere Herausforderung dar. Vor allem dann, wenn sie im christlichen Kontext als Gegenstück zur Menschheitsmutter Eva fungiert, indem sie ihre Gleichberechtigung verteidigte. Gab sich Eva mit ihrer Zweitrangigkeit zufrieden, musste Lilith ihren Freiheitswillen mit einem Fluch und ihrer Dämonisierung bezahlen.

Doch die Wirkungsgeschichte Liliths reicht weiter zurück als die Bibel. Es lassen sich verschiedene Phasen unterscheiden: Die älteste Phase geht auf die sumerische Fassung des Gilgamesch Epos zurück, in dem Lilith als Gefährtin des Sturmgottes Lila auftritt. Sie ist ganz die matriarchale, ambivalente Naturgöttin, wie Ishtar, Innana, Astarte ua. die Lebensspenderin und Todesbringerin. Sie tritt als hochsexualisierte, gleichzeitig aber auch liebende wie alles verschlingende Muttergottheit auf. Dieser verbreitete Doppelaspekt von Göttinnen wurde im Verlauf der Ausbreitung patriarchaler Kulturen und der damit einhergehenden Sexualverdrängung zum Bedrohlichen stilisiert und -wie im Falle der Lilith- dämonisiert.2

Lilith als Adams erste Frau zu installieren, die zweite Phase, ist ein früher rabbinischer Versuch mosaischer Religionen, die sumerisch-babylonische Göttin Belet-ii oder Belili in den jüdisch- mythologischen Kanon zu integrieren. Für die Kanaaniterinnen (=hebräische Bezeichnung, Phönizier = die griechische Bezeichnung für die semitischen Völker im östlichen Mittelmeer) war Lilith die „Heilige Herrin“, die Bala’at. Die Integration Liliths in die jüdische Mythologie war der um sich greifenden Landnahme der Hebräer im östlichen Raum des Mittelmeeres geschuldet.3 Es gibt Hinweise auf Lilith in der ersten von insgesamt zwei Schöpfungsgeschichten: in der ersten Schöpfung werden Mann und Frau gleichzeitig geschaffen (Gen. 1:27). In der zweiten wird die Frau schon aus der Seite des Mannes geformt (Gen. 2:18-23). Namentlich erwähnt wird sie in der Bibel nur einmal: „Und Steppentiere treffen dort mit Hyänen zusammen, und ein Waldbock landet den anderen, nur dort rastet Lilith und findet eine Ruhestatt“ (Jes. 34,14).4

Lilith stellt in Frage, was Eva umständehalber als gegeben hinnimmt und sie ist im Besitz eines Wissens, das Adam verschlossen bleibt. Außerdem hat sie noch den Mut, dieses Wissen anzuwenden, als sie den Namen Gottes ausspricht. Sie flieht in die Freiheit und „[…] entgeht dem Herrschaftsanspruch des Mannes, dessen Schwäche doch offensichtlich ist: Er bittet Gott um Hilfe, ihm die Frau zurückzubringen, die ihn verließ. Lilith ihrerseits hatte sich nicht bei Gott über ihren Mann beschwert; sie nimmt die Dinge selbst in die Hand“.5 Die von Gott gesandten Engel schaffen es nicht, Lilith zurückzubringen. Daraufhin schickt Gott einen Fluch, der Lilith Kinder krankmachen lässt, außerdem muss sie eine Anzahl der eigenen Kinder sterben lassen. Das Bild von Lilith als ihre eigene Kinder fressende Dämonin war geboren. In dieser Phase der Tradierung in der jüdischen Kabbala, wehrt sich die Frau noch gegen ihre Entmachtung und Verdammung in den Bereich des Todes.6

Mit der Integration der europäischen Judenheit in den christlich-religiösen Kontext verschwindet Lilith aus der religiösen Diskussion. Sie tritt in die Phase der literarischen Wirkung ihrer Person. In mittelalterlichen Erzählungen lief die männliche Phantasie zur Hochform auf und bezeichnete Lilith als die personifizierte Verderbtheit, die Tod bringt. Das Spektrum der männlichen Imagination ihrer Person reicht im Laufe der Jahrhunderte vom „leviathanischen Begierde-Teufel bei Wedde über das Urbild der Negativität bei Hugo zum bemitleidenswerten Geschöpf am Rande der Gesellschaft bei Heyse und Widmann“.7

Und warum das Ganze? Für die beruhigende Erkenntnis: das Böse liegt im Anderen, in der Frau.8

---------------------------

1Roebling, Irmgard: Lilith – oder: Der Umsturz der Bilder; feministische Literaturwissenschaft: kontrakursiv. – In: Feministische Erneuerung von Wissenschaft und Kunst. – Arbeitsgemeinschaft Interdisziplinäre Frauenforschung und – studien [Hrg.]. Pfaffenweiler, Centaurus Verlagsgesellschaft GmbH 1990, S. 185.
2Vgl. im Folgenden dazu ebd: S. 186f.
3Das geheime Wissen der Frauen. Ein Lexikon. Hrginnen, Zweitausendeins 1993.
4Zitiert nach: Bebe, Pauline: Isha: Frau und Judentum, Kovar 2004, S.186.
5Ebd.:, S.188.
6Roebling, Irmgard: Lilith – oder: Der Umsturz der Bilde.; Centaurus Verlagsgesellschaft GmbH 1990, S. 197.
7Ebd: S. 188.
8Bebe, Pauline: Isha: Frau und Judentum, Kovar 2004, S.189.