Leseprobe

Worüber Lilith mit Odin streiten
ASGARD

Zwei Fackeln tropften Licht in die Dunkelheit des Ganges, der Lilith zu der runden Tür führte, hinter der Walhall lag. Liliths dunkle Haut und ihr nachtfarbenes Haar verschmolzen fast gänzlich mit dem schattigen Korridor. Sie drehte den Griff, öffnete und betrat Walhall, die Halle der Begegnungen! Lilith sah Odins blonden Schopf über die Rücklehne ihres Weltenthrons ragen. Frigg lauschte und Odin las.

„Bei Flüchen, mit denen man Krankheiten versendet, musst du die Augen fest geschlossen halten und dich gen Osten wenden, dem Element Luft zu.“

Odin blickte erst auf, als Lilith direkt neben ihm stand. Doch er sah nicht auf seine Mutter.Er starrte auf eine dunkle Mauer, aus der heraus ihn zwei Augen schattig musterten.
Odins Haar hing wie ein zerzaustes Weizenfeld tief in sein Gesicht und fiel weich bis hinab auf seine Schultern. Seine Hand wollte gerade eine Haarsträhne aus der Stirn streichen. Sie blieb mitten in der Luft an etwas Unsichtbarem hängen.Die Überraschung nahm ihm seine Stimme, doch nur einen Augenaufschlag später hatte er sich gefangen. Er strich die Strähne weg und wollte seine Mutter begrüßen. Lilith streckte ihre offene Handfläche in seine Richtung und hielt ihn ab, sich ihr zu nähern.

„Frigg meine Liebe“, sprach Lilith ihre Tochter an, „ich muss kurz allein mit deinem Bruder sprechen.“

Friggs Augen stahlen sich zu dem Buch, das auf dem Tisch lag wie ein mühsam verdeckter Vorwurf. Nur ein Blatt Papier lag zwischen dem Titel und den Blicken ihrer Mutter. Ihr großer Bruder hatte ihn eilig verdeckt.

„Bin schon weg“, sagte sie.

War es wegen des Buches oder wegen der Kälte, die plötzlich zwischen ihrer Mutter und ihrem Bruder herrschte? Frigg fror, als sie Walhall durch einen Seiteneingang verließ.
Odin blieb auf dem Thron sitzen und wich Liliths Augen aus. Sein Fuß wippte hin und her, während er einen Lichtfleck am Silbernen Baum in allen Details betrachtete. Dann holte tief Luft und zauberte ein so bezauberndes Jünglingslächeln in sein Gesicht, dass jede Mutter stolz auf ihren Sohn sein müsste. Doch er konnte Lilith nicht täuschen, sein Lachen reichte nur bis knapp unterhalb seiner Augen.

„Also, was gibt’s?“, fragte er.

Lilith nahm an der Weltentafel Platz und schob mit nur einem Finger das Blatt Pergament beiseite. Zum Vorschein kamen düsterblaue Buchstaben in rabenschwarzes Leder getrieben.

„‘Verwünschungen und Flüche‘“, Liliths Stimme hatte den Klang eines geschliffenen Messers, das aus Metall kratzte. Sie nahm das Buch und überflog ein paar Seiten.
„Krankheitsflüche sind also besonders wirkungsvoll, wenn man sie gen Osten ausspricht. Und sowas lernt deine Schwester von ihrem großen Bruder?“

Odin schaute erstaunt aus seinen ozeanblauen Augen, als wunderte er sich, dass seine Mutter daran Anstoß nahm.

„Ach das? Das ist doch…“, er zuckte mit den Schultern, als verschwendeten sie ihre Zeit mit Lappalien.

Liliths Blick verengte sich. „Das ist was?“

Sie hob die Hand, als wollte sie dozieren. Doch sie zerteilte die Luft, während sie sprach.

„Das ist eine Ungeheuerlichkeit! Im Oste liegen Salisborn, das Große Meer und das Losalfheim. Willst du Menschen, Elfen und Meeresbewohner verfluchen? Das ist Schwarze Magie, Odin! Was ist in dich gefahren?“

Eigentlich hatte Lilith nur verhindern wollen, dass ihre Stimme zitterte. Doch sie schoss weit über das Ziel hinaus und ihre Worte reihten sich zu einem frostklirrenden Spaziergang durch die Niefelheimer Eiswelt.Die mittlerweile kärglichen Reste seines Lächelns versickerten ganz in Odins Gesicht. Seine Augen begannen gehetzt zu flackern. Zwischen Lilith und ihrem Sohn herrschte gerade Eiszeit. Liliths Jagdinstinkt war der einer Wölfin und bei niedrigen Temperaturen besonders wach. Also los! Mit anmutiger Bewegung und festem Boden unter den Pfoten wählte sie den direkten Weg. Sie spitzte ihren Zeigefinger an und legte ihn auf den Einband.

„Odin, sag mir, woher dieses Buch kommt!“

Liliths Aufmerksamkeit lag gebündelt auf den schwarzblauen Buchstaben. Dann schaute sie zu ihrem Sohn, der zurück starrte, als seien seine Pupillen aus Gletschereis.

„Was willst du?“, blaffte er sie an.

„…wissen, wer dir dieses Buch gab: groß, schwarz und so mit Flüchen und Verwünschungen beladen, dass der Verfasser es vorgezogen hat, anonym zu bleiben! So ein Buch gibt es nicht in Asgard. Und wenn es nicht aus Asgard stammt, drängt sich die Frage auf, woher kommt es dann?“

Während Odin antwortete, klang seine Stimme etwas zu uninteressiert für seinen aufmerksamen Blick, der an Lilith haftete, als beobachtete ein Wildpferd eine Wölfin, die mit gebleckten Zähnen auf ihn zu hetzte. Wildpferde mussten die Witterung einer Wölfin täuschen, um Gefahren zu entfliehen.

„Ich hab es hier irgendwo gefunden“, sagte Odin. „Ich kann mich nicht mal mehr erinnern wann und wo.“

„Und da hast du dir gedacht, wenn’s schon mal hier ist, bring ich meiner Schwester Frigg gleich ein paar Verwünschungen bei.“ Lilith gab sich nicht mal Mühe, nur zweifelnd zu klingen, sie hörte eine geradezu irrwitzige Geschichte. „Was verschweigst du mir?"

Zögerte Odin jetzt mit der Antwort, zögerte er mit der Flucht. Worte waren Waffen im Kampf um sein Ziel, die Wahrheit zu verdecken.Doch Worte ebneten auch den Weg nach vorne in die Zukunft, sie ebneten die Straße der Wahrheit, die er bislang gemeinsam mit seiner Mutter gegangen war. Bis ihn längst vergangen Geglaubtes eingeholt hat.

„Gut, das Buch war schon lange hier. Ich habe nichts davon gesagt, weil ich weiß, was du von Schwarzer Magie hältst.“ Odin galoppierte sich warm in seiner Geschichte. „Ich habe es damals in Hel gefunden. Es sollte mich an meinen Ausflug ins Wüstenland zu den Riesinnen erinnern“, sagte er.

„So, jetzt kommt es also aus Hel. Und was an Hel hat dich so fasziniert, dass du ein SCHWARZES BUCH, das du dort gefunden hast, die ganze Zeit über hier versteckst? Wolltest du dich unbedingt an die Wüste erinnern?“, fragte Lilith. „Welcher von den Riesinnen hat es denn gehört? Sie sind bislang nicht als besonders belesen in Erscheinung getreten.“

„Es war nur so als Andenken.“ Odin schnodderte seine Antwort genervt heraus.

„Ich wiederhole deine Worte, du hattest das Buch die ganze Zeit hier?“, vergewisserte sich Lilith.

Odin nickte. Doch er schaute etwas zu lange auf den Fußboden.

„Lüg mich nicht an!“ Lilith geriet außer sich.

Odin schrie seine Mutter zornig an. „Die Riesinnen sagten mir damals, dein Bruder, mein Onkel, hätte es auf seiner Flucht aus den Yggdrasil-Welten bei ihnen vergessen. Deswegen habe ich es mitgenommen.“ Und wurde noch wütender. Wieder war es ihr gelungen, auf den Grund einer Sache zu schauen, die er vor ihrem Blick verbergen sollte. Er hasste sie dafür. Lilith war im ersten Moment sicher, sich verhört zu haben. Ihr Bruder? Welche Rolle spielte ihr Zwillingsbruder Ariman plötzlich wieder im Leben ihres Sohnes?

„Dein Onkel also!“, wiederholte sie, als Odin beharrlich schwieg.

Ihre rechte Augenbraue schoss in die Höhe, die Arme verschränkten sich wie von alleine und auch das Fußwippen schien sie nicht vorgeschlagen zu haben. Das Wildpferd stockte. Die Ablenkung schien gründlich fehlgeschlagen. Es musste den Kern der Wahrheit weitläufig meiden. Also schlug es Haken, um ein Stück weiter seitlich nach vorne zu preschen. Vielleicht ließ die Wölfin sich diesmal täuschen oder, noch besser, sogar abhängen. Die Richtung wechseln und mit dem nächsten Stück Wahrheit herausrücken!

„…nichts weiter. Ich wollte meine Entdeckung von damals einfach mit Frigg teilen.“ Odin setzte sich wieder auf den Thron seiner Mutter und trank aus seinem Pokal.

Lilith klopfte auf das Buch.

„Dir ist aber bekannt, dass dieser Mann, über den wir hier sprechen, wegen genau solcherart schwarzmagischer Erinnerungen, die hier vor mir auf dem Tisch liegen, für alle Zeiten aus den Yggdrasil-Welten verbannt wurde. Und jetzt bringst du diese Gedanken zurück in unser Dasein? Einfach so? Und das soll ich dir glauben?“

Die Wölfin verstand sich im Moment besser aufs Jagen, als das Wildpferd auf die Flucht. Odin spürte, wie der Atem zwischen den Zähnen seiner Wölfinnenmutter hervor an seinen Hals dampfte. Liliths Zähne berührten seine Pferdemähne und rissen ihm bereits kleine Fellfetzen heraus. Das Wildpferd rannte, brauchte seinen Atem zur Flucht. Keine Antwort möglich. Seine Lungen begannen zu brennen, seine Seite schmerzte.Die Wölfin hatte sich leicht zurückfallen lassen, aber nur um erneut Anlauf zu nehmen, um sich in ihn zu verbeißen.

„Hat er gesagt, warum er dir das Buch gab?“

Schweigen, Jagd und Atemnot beim Wildpferd. Jede Regung auf Odins Gesicht erstarb endgültig. Die Wölfin hetzte ihn scheinbar mühelos.

„Davon hab ich nichts gesagt!“, japste Odin.

„Nein, das ist ja das Schlimme. Du lügst mich an.“

Liliths Vertrauen hatte einen von jenen Sprüngen bekommen, die innerhalb kürzester Zeit unzählige Risse nach sich zogen. Denn Vertrauen ist so zerbrechlich wie Glas und wie dieses, kann niemand es mehr reparieren. Odin schien blind und taub für alles, was er mit seiner Sprachlosigkeit zerschlug. Lilith sprach leise weiter.

„Hast du wirklich vergessen, was in Asgard auf dich wartet, wenn du Schwarze Magie betreibst? Wir haben wahrlich nur eine Regel in unserem Miteinander: Schade niemandem, dann tu was du willst.“

Das Wildpferd floh entgegen jeder Einsicht weiter. „Ich kenne die Regel und ich kenne das Gesetz“, keuchte Odin in einem letzten Versuch.

„Was nützt es, wenn du die Regel kennst, dich aber nicht daran hältst?“, fragte Lilith.

Die Wölfin reckte ihren Rachen erneut an seinen Hals. Sie spürte den Sieg nahen und wusste, es würde kein Triumph sein. Die Wölfin kletterte aus dem Krater von Odins Ausreden herauf und sah ihm fest in die Augen. Dann schlugen ihre Zähne in den Hals des Wildpferdes.

„Odin, du lügst! Das SCHWARZE BUCH ist noch nicht lange hier. Zum letzten Mal: wo ist mein Bruder? Odin, wo ist ARIMAN?“