Einführung

Dafür, dass der Frauenanteil im realen Leben der Menschheit fünfzig Prozent beträgt, ist ihre Präsenz in den klassischen Bildungsbereichen vergangener Jahrhunderte wirklich dünn. Keine bahnbrechende und neue Erkenntnis, die glücklicherweise schon vor langer Zeit gedacht wurde, bereits Wirkung zeigt und Früchte trägt. Denn wenn ich das Brockhaus-Lexikon der 80er/90er Jahre durchblättere, dann sehe ich, dass viele Frauen in Forschung, Politik oder Kunst für die ehrenwerten Herren der Kommission entbehrbar waren. War das blanke Nichtachtung für Frauendenken, -forschung und ihr geistiges und künstlerisches Leben überhaupt. Oder haben Frauen nie geforscht, gedacht, geschrieben oder gemalt? Natürlich haben sie das. Die Frauen selbst füllten die Lücke, veröffentlichten ihre eigenen Frauenlexika. Auch die heutigen Wikipedia-Einträge stehen vergleichsweise gut sortiert da und ich finde Frauen und ihr Wirken besser vertreten, als in den Lexika vergangener Tage. Ein Schritt, der mich optimistisch stimmt.

Auch bei den tradierten Mythologien sollten wir genauer hinschauen. Mythen bedienen sich Bilder um ihre Geschichten zu erzählen und verweisen in ihrer Sinnhaftigkeit immer über den dargestellten Sachverhalt hinaus. Denn wer würde ernsthaft glauben, dass selbst ein Gott wie Zeus es unbeschadet überstehen könnte, wenn man ihm den Schädel spaltet, damit er seine Tochter Athene zur Welt bringt. Und überhaupt: ein Mann bekommt ein Kind? Das Unbewusste rebelliert nicht, sondern verschlingt diese und andere Bilder willig, die ihnen Mythen vorgeben und lagert sie als „Bodensatz“ der Bildung ab. Wie oft wurden sie nicht alle beschrieben oder gemalt? Agamemnon, der Sieger über Troja, Odin, der Wolf von Asgard oder Zeus, der Göttervater vom Olymp. All diese Namen erzeugen doch umgehend Vorstellungen von muskelprotzenden Kämpfern und Siegertypen. Dagegen reicht Demeter, die Göttinnenmutter, bis in die Gegenwart gerade noch als Ikone für Ökos, die die Welt mit Biogemüse retten wollen. Rhea, als griechische Titanin, fällt gleich ganz raus aus der mythologischen Bewusstseinskette. Und die Amazonen? Man raunt, sie seien ein Mythos… Das nenne ich eintakten auf die Geschehnisse von Weltgeschichten und –mythologien.

„Es hat[…] den Anschein, daß für dich jede Äußerung eines Philosophen den Status eines Glaubensgrundsatzes hat und du es für ausgeschlossen hältst, daß auch sie irren könnten. Was die Dichter angeht, von denen du sprichst: weißt du denn nicht, daß sie schon oft nichts anderes als Ammenmärchen verbreitet haben und zuweilen das Gegenteil von dem meinen, was sie in ihren Schriften kundtun? Aber man bekommt sie mit Hilfe einer rhetorischen Figur zu fassen, die »Antiphrase« heißt; wie du weißt, bezeichnet sie den Sachverhalt, daß man jemanden als schlecht bezeichnet, in Wirklichkeit aber meint, er sei gut, und umgekehrt. Deshalb rate ich dir, ihre Werke in deinem Sinne zu lesen und die frauenfeindlichen Passagen, in welcher Absicht auch immer sie verfaßt sein mögen, so zu verstehen.“ (Christine de Pizan, Das Buch von der Stadt der Frauen, Orlando Verlag, Berlin 1986, S. 40)

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