Der Mythos

Was ist Mythos oder Mythologie? „Geschichten über Götter und Themen von universeller Bedeutung, von der Schöpfung bis zum Tod und darüber hinaus.“1 Frauen sind schon in der Formulierung hoher Autoritäten bei diesem männlichen Autorenduo eine Fehlanzeige.

Mythen sind bedeutende Teile des Unbewussten, die dem Bewusstsein einige Selbstverständlichkeiten diktieren, von denen der Mensch oftmals gar nicht mehr weiß, woher diese Annahmen eigentlich kommen.

„Echter Mythos weist auf Wirklichkeit hin, will bedeuten und stellt die Gegebenheiten in Natur, Gesellschaft und Individuum in bildhaft-symbolischer Form dar. […] Märchen ist bedeutungslos gewordener Mythos, der seine Funktion als Ausdruck gesellschaftlichen Bewusstseins verloren hat.“2

Über diese Aussage zwischen gesellschaftlichem Bewusstsein und Mythos ließe sich trefflich streiten, sie kann aber zumindest bedacht werden.

Interessanter, nicht zuletzt auch deutlicher sind die Zusammenhänge zwischen der Aussage eines Mythos und seiner Überlieferung. Die zeitgenössische europäische Geistesgeschichte war jahrhundertelang eine männlich geprägte. Männer schrieben über Männer und ihre Taten. Keine neue Erkenntnis. Wer und wie aber sollte die Funde von ArchäologInnen und AnthropologInnen einordnen, die vielen Zeichen von vor tausenden Jahren: Königinnen, Priesterinnen, Göttinnen, großartige Wandmalereien wie die in Catal Hüyuk, sumerische oder babylonische Gräber, antike Malereien u.v.m. Eine geschlechterspezifische Forschung war längst überfällig, als sie offen von der feministischen Bewegung der 70- und 80er Jahre in Westdeutschland gefordert wurde. Sie etablierte sich gegen viele Widerstände seitens des männlichen Wissenschaftsbetriebes.

Seither wurden nicht nur in der Geschichtswissenschaft die Taschen der Forschungsjacke von innen nach außen gedreht. Frauen beanspruchen mehr und mehr den ihnen gebührenden Platz und der Anfang einer umwälzenden Bewusstseinsarbeit ist gelegt.

Auch die Überlieferungsprozesse von Mythen und Märchen wurden seither von zahlreichen Autorinnen untersucht und auch immer wieder in Verbindung gebracht mit der real einhergehenden Unterdrückung der Frauen. Nur einige herausragende Beispiele aus einer ganzen Reihe sind Vera Zingsems Buch "Lilith. Adams erste Frau.", Clarissa Pinkola Estés, die in ihrem Werk „Die Wolfsfrau“ die „Auferstehung der Wilden Frau“3 proklamiert. Sowie Carola Meier-Seethaler, die in ihrer dissidenten Kulturtheorie aus den 80er Jahren „Ursprünge und Befreiung“4 aus einer patriarchal geprägten Kultur analysiert.

Drei Mechanismen im Prozess der patriarchal geprägten Überlieferungsgeschichte von Mythologien zeigen sich besonders häufig und besonders deutlich. An erster Stelle steht das Verschweigen der bloßen Existenz von bedeutenden Frauen und ihrer Verdienste; zweitens der Nachweis der erfolgreichen Einschüchterung von Frauen durch Gewalt oder Mord. Und an dritter Stelle muss die Verunglimpfung einstmals starker Frauengestalten genannt werden, die im Verlauf patriarchaler Zeugnisse all ihre Macht und ursprünglich starke und positive Persönlichkeit verloren. Lilith, einst eine sumerisch babylonische Göttin, ist in ihrer heutigen Form als kinderfressende und krankmachende Dämonin nur eines von vielen Beispielen.

Kurzum, Frauen müssen sich selbst neu imaginieren, wie Susan Sonntag sagte. Auf belletristischer Ebene können wir tiefen Bewusstseinsebenen gut begegnen, blinde Flecke ausleuchten und sie mit bunten Bildern ersetzen.

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1Mythologie, Philip Wilkinson, Neil Philip, Doring Kindersley 2008, S.10.
2Lexikon der Antike, Leipzig 1985, S. 24.
3Die Wolfsfrau, Clarissa Pinkola Estés, Heyne Verlag, München1993.
4Ursprünge und Befreiung. Die sexistischen Wurzeln der Kultur, Carola Meier-Seethaler, Fischer Tb Verlag 1992.