Zur Frankfurter Buchmesse: Saman von Ayu Utami

Autorin: 

Barbara Fischer

Namensgeber des Romans ist Saman, ein katholischer Geistlicher, der im Verlauf der Erzählung vom Gottesdiener zum Widerstandskämpfer gegen die Ungerechtigkeiten eines politischen Systems wird, das alle Verfehlungen der Reichen und Mächtigen nicht nur schützt, sondern sie geradezu auffordert Gesetze und Menschenrechte zu brechen, um weiter im Klub der Großen mitspielen zu können.

Nachts im Schlafzimmer der Pfarrei ließ ihn die Unruhe nicht schlafen, er wälzte sich von einer Seite auf die andere, er kam sich vor wie ein Fisch, der in der Pfanne hin- und her gewendet wird. Er hatte schon manches Leid bei den Leuten auf dem Lande, fern von modernen Städten mit angesehen, aber was er heute an Rückständigkeit erlebt hatte, übertraf alles, was er bisher gesehen hatte. In Bantargebag lebten die Menschen vom Müll der Reichen und Habgierigen Jakartas […] Doch nur siebzig Kilometer von der Erdölstadt Perabumulih wurde ein Mädchen misshandelt, nicht weil die Menschen dort herzlos waren, sondern weil sie zu arm waren und keine Chance hatten, am Fortschritt teilzunehmen. Kann ich denn da ruhig auf meiner Matratze liegen? […]

Auf verschiedenen Ebenen leuchtet Ayu Utami das Leben ihrer Figuren aus, so dass sie und ihre Schicksale glaubhaft und plastisch wirken. Sie setzt die drastische, indonesische Wirklichkeit armer Plantagenbauer, die sich gegen multinationale Konzerne wehren müssen gegen Detailaufnahmen aus dem Leben einer New Yorker Kunststipendiatin und ihrer indonesischen Freundinnen.

Eine Packung Nudeln musste als Beilage für fünf Leute dienen. Als Hauptgericht wäre sie zu schade gewesen. Die Nacht verbrachte er im Haus der Arganis, das praktisch nicht unterteilt war. Es gab nur eine geflochtene Wand aus Bambus, vielleicht zwei mal drei Meter hinter der die Eltern schliefen. Die beiden Brüder, Anson und Nasri, machten sich ihr Lager zusammen mit Wis auf der Veranda, die etwa drei mal drei Meter maß. Ab und an wehte der Wind den Gestank von Fäkalien aus der Gosse nebenan herauf, saurer, beißender Ammoniakdunst. Ein kleines Stück Himmel fiel – sozusagen als Erfrischung – durchs Fenster. Im Dunkel von Wald und Wand funkelte er wie ein blauer Saphir. Im Umkreis von zehn, zwanzig Kilometern gab es keinen Strom.

Utami beschreibt die Grausamkeiten gegen die Landbevölkerung, die sich mehr schlecht als recht nur selbst schützen können, wenn fernab in den Schaltzentralen der Macht anonymisiert Befehle erteilt werden, die, immer im Dienste der Profitgier, Menschen wie Schachfiguren auf einem Brett nach Bedarf hin und her verschieben. Und was passiert, wenn die Menschen das nicht hinnehmen, wie solche Lebensumstände Menschen verändern.

Um das Bild von der Lebenswirklichkeit in Indonesien abzurunden, darf der Konflikt mit der ehemaligen Kolonialmacht Holland nicht fehlen. Die Kolonialisten forderten immer eine Anpassungsbereitschaft von der Bevölkerung, zu der sie selber nie bereit waren. Das fängt schon bei den Namen an und hört bei den patriarchalen Verhältnissen hier wie da auf.

Als ich zum ersten Mal versuchte, bei der Niederländischen Botschaft ein Visum zu beantragen, fragte man mich nach meinem Familiennamen:

„Ich heiße Shakuntala. Javaner besitzen keinen Familiennamen.“

„Aber sie haben doch einen Vater, ja?“

„Wie herrlich, wenn ich keinen hätte!“

„Aber Sie müssen den Namen ihres Vaters hier eintragen“, meinte die Dame am Schalter.

„Warum soll ich das tun?“

„Das Formular muss ausgefüllt werden.“

Ich war wütend. „Sie sind doch Christin, nicht? Ich nicht, aber ich war in einer katholischen Schule. Dort habe ich gelernt, dass Jesus keinen Vater hatte. Warum muss jemand den Namen seines Vaters verwenden?“

Aus dem Visum wurde nichts. Ich zog meinen Antrag zurück. Warum sollte mein Vater einen Teil von mir besitzen? […]In früheren Zeiten konnten wir unseren Namen selber wählen. Meine Großmutter nannte meinen Vater Timin. Als Dozent nannte er sich dann Mintoraharjo. Meine Mutter hatte ihren Namen nie geändert, er gefiel ihr schon als Kind.. Sie stammte aus einer angesehenen Familie, von einer Fee, die wunderbar singen konnte. Aber in der heutigen Zeit werden die Menschen geboren, und auf dem Standesamt wird ihr Name in einer Akte festgehalten. Das kommt mir vor wie ein Fluch auf Lebenszeit. Noch einmal, warum muss ich den Namen meines Vaters benutzen? Was ist mit dem Namen meiner Mutter?

Die verständigen Leserinnen ahnen, wo der Feminismus beschworen wird, und sei es nur in Nebensätzen, da findet auch eine Liebesgeschichte ihren Platz, denn in welchem Rahmen ließe es sich besser über die Geschlechterpolarität ausbreiten? Diese Liebesgeschichte ist dann auch eine, die frau gerne liest. Eine, die immer auch die verschiedenen Wirklichkeiten und Lebenswelten reflektiert: Indonesien – New York, Christin – Muslima, westlich - östlich. Aus westlicher Sicht könnte diese Geschichte als züchtig gelten, ganz im Sinne der muslimischen Mehrheit in Indonesien. Aus indonesischer Sicht gilt sie als aufmüpfig und sehr mutig. Aus beiden Sichten heraus ergibt sich ein tiefgründiges Bild über die Beziehung zweier Menschen. Wer Kitsch mag, muss woanders suchen. Auch wenn die Beziehungen der Freundinnen in New York und Indonesien beschrieben werden, sollte sich bitte niemand an eine der diversen US-amerikanischen Frauenserien erinnert fühlen, denn gerade auch der Erzählstrang, der sich rund um die Frauen flechtet, wird getragen von Utamis bildreicher Sprache und politisch-feministischen und manchmal einfach ulkigen Reflexionen, die aus einem clash of culture, aus Differenzen zwischen Christentum und Islam oder Patriarchat und Feminismus entstehen. Sie sind immer auch politische Stellungnahmen.

In der Tat heirateten die beiden […] Sie war sogar bereit, ihrem Lukas als Zeichen tiefster Ergebenheit einer Frau gegenüber ihrem Ehemann die Füße zu waschen. In Menado kennt man diese Zeremonie nicht. Mir ging das gegen den Strich. Ich protestierte: „Willst du das wirklich tun?“ Das brachte sie auf: „Jesus hat doch auch seinen Jüngern die Füße gewaschen. Und was soll’s, du bist doch selbst Javanerin.“ Ich war drauf und dran, sie mit Argumenten zu ihrem Jesus und meinem Java zu überschütten. Zum Beispiel, dass Jesus‘ Fußwaschung eine Umkehrung aller Normen darstellte, während das, was eine javanische Ehefrau tat, nur Gehorsam und Ohnmacht symbolisierte.

In diesem Roman gibt es Politikaktivist_innen mit ethischen Ambitionen und Frauen mit Ansprüchen. Alle riskieren einiges, um sich selbst gerecht zu werden. Die Sprache ist ungemein bildhaft, mit viel Liebe zum Detail und humorvoll. Eine ausgezeichnete Art sich dem Land Indonesien, seiner Geschichte und Literatur zu nähern.

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Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

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Barbara Fischer Reitzer.