Zu meinem 75. Geburtstag wünsch ich mir von dir was Besonderes! (3)

Autorin: 

Julia Paffenholz, Allerweltshaus Köln

 

Mein Buch über die Pommersche Geschichte bleibt in der Ferienwohnung. Mir ist es mittlerweile egal, wer, wo, wann und warum siedelte. Das Leben findet hier und jetzt statt. Unsere Suche nach Mutters Vergangenheit führt uns zu den Originalschauplätzen. Erstmal sehen wir nur jede Menge Seen, Flüsse und Wälder. Aber wo ist das Haus meines Urgroßvaters, ihres GroßvatersWir wollen Czaplinek erkunden bei sehr heißen Wetter und ohne ein Wort polnisch. 7000 Einwohner –und wir die einzigen Nicht-Polen. Meine Mutter sucht das alte Haus und findet es nach einigem Suchen und Fotovergleichen tatsächlich. Können wir hinein? Wen sollen wir fragen und in welcher Sprache? Wir schlawenzeln ziemlich lange um das Haus rum. Unsere Ziele könnten in dem Moment nicht weiter auseinander klaffenmeine Mutter harrt auf eine Gelegenheit, hinein zu kommen und ich harre auf eine Gelegenheit, sie wegzuziehen. Schließlich einigen wir uns auf: “Mama, wenn du da rein willst, dann ohne mich!”

Der Kompromiss ist gut, aber sie hat es dann doch nicht geschafft. Das Haus ist total verändert, so umgebaut, dass sie Schwierigkeiten hatte, es wiederzuerkennenMeine Mutter akzeptiert das, was bleibt ihr andres... Vor 10 Jahren war sie mit ihrer Schwester schon mal hier. Da haben sie noch Einlass bekommen. Aber jetzt wohnen wohl andere Leute da.

Czaplinek hat zum Glück noch mehr zu bieten. Schließlich sind wir in Polen und irgendwie erstaunt es mich nicht, dass die Hauptattraktion in diesem kleinen Ort ein Denkmal für Papst Johannes Paul II. ist. Er kam als Karol Józef Wojtyła gleich zweimal! in seiner Jugend hierhin, um zu einer Kanutour über die Pommersche Seenplatte zu starten. Diese Momente wurden in Stein verewigt.

Ansonsten wahrt der Ort seine Geheimnisse ganz gut vor uns, die wir die polnische Sprache nicht können. Meine Mutter leidet zwar genauso wie ich unter den mangelnden Sprachkenntnissen, aber sie lässt sich davon nicht beeindrucken. Und so erfahren wir, wo man was zu Essen bekommt, und dass es im Grunde unmöglich ist, mit öffentlichen Verkehrsmitteln eine Tagestour an die 60 km entfernte Ostsee zu machen.

Na gut, fahren wir nach Polczyn-Zdroj, Bad Polzin. Wir finden den Busbahnhof recht umstandslos. Nur kann uns aber niemand wirklich sagen, von wo genau der Bus fährt oder wann. Eineinhalb Stunden rennen wir zu jedem Bus. Letztlich versteht niemand, was wir wollen. Vielleicht ist uns der Bus ja gerade vor der Nase weggefahren? Wer weiß das schon, der kein polnisch versteht.  Na ja, auch egal. Plan A, Trip zur Ostsee aufgeben und Plan B, Reise nach  Polczyn-Zdroj, Bad Polzin auf den nächsten Tag verlegen. Und ab ins nächste, wunderschöne Strandbad!

Grundsätzlich sind wir etwas irritert von den Menschen dort. Irgendwie scheint es nicht so gut anzukommen, dass wir jedem, dem wir begegnen, zunicken - ein Verhalten, was wir in kleinen Orten - egal wo auf der Welt - bisher für durchaus üblich hielten. Zunächst dachten wir, sind die denn alle so unfreundlich zu Fremden? Aber das scheint es auch nicht zu sein, weil untereinander grüßen sich die Leute auch kaum. Sie schauen uns alle eher völlig überrascht als unfreundlich an. Tja ja, andere Länder andere Sitten...aber meine liebe Mutter lässt sich von sowas kaum erschüttern. Weil, wenn man insistiert, dann reden die schon mit einem... Und trotzdem, diese Fremdheit bleibt für meine Mutter schmerzhaft.

Ok, am nächsten Tag machen wir uns auf nach Bad Polzin, dem Geburtsort meiner Mutter. Die Hinfahrt geht relativ glatt. Eine Fahrt durch den allerschönsten dichtesten Wald, vorbei an diesem wunderbaren See. Bei Ankunft allerdings Dauerregen, den es im Busbahnhof abzuwarten gilt, bis es aufklart. Dann stellt sich dieser Ort als ein ganz nettes Städtchen heraus mit dem absolutem Highlight eines riesengroßen verwunschenen Kurparks mit sechs fetten, alten, riesigen Jugendstilkurhotels darin. So in etwa eins für die Deutschen, eins für die Polen, eins für was weiss ich wen... Natürlich ist Muttern int fast jedes Hotel rein, um sich mit Prospekten zu bewaffnen und ihren zukünftigen Kururlaub zu planen. Idealerweise mit ihrer Schwester Janni, die darüber auch gleich telefonisch informiert wurde (60 Euro Vollpension plus drei Anwendungen!!!) Dazwischen leckersten Kaffee und Kuchen im Kurcafé und den Kellner und die Gäste ausfragen. Und danach ein bisschen Julia-Style Bierhumpen-Trinken im polnischen Pub. Meine Mutter hat auch eins getrunken, ein polnisches natürlich. Meine Mutter: “Julia, aber das ist so gross”. Ich: “Macht nix, ich helf dir!” Schöner Tag! Schöne Geburtsstadt hat die Mama da.

Am nächsten und letzten Tag brechen wir auf zu einer Wanderung zum sechs Kilometer entfernten Stare Drawsko, wo es eine schöne alte Burg sowie nette Lokalitäten zum Einkehren geben soll. Die Wanderung steht im deutschen und im polnischen Reiseführer, gekennzeichnet als Wander- und Fahrradweg. Die ersten 3 Kilometer stimmt das auch so. Danach muss ich feststellen, dass es so was wie Dschungel wohl auch in Polen gibt. Wir kämpfen uns durch derartigen Sumpf ohne wirklichen Pfad am Ufer durch und Mama hat Hausschlappen an! “Mama, warum Hausschlappen?” “Öh, ich dachte das ist besser als die Pömps, sonst hab ich nichts.....” ok......wohl wahr... Jedenfalls kommt irgendwann die Erkenntnis, dass der Pfad wohl nicht mehr da ist und wir uns besser übers Feld auf die Straße schlagen. Das Problem auf der Landstraße sind am Sonntag viele rasende Autos und leider kein Randweg, so dass mir Angst und Bange wird auf den verbleibenden zwei Kilometern. Die Fahrer schauen auf uns auch wie auf Weltwunder, warum wir da so an der Straße entlang marschieren. Scheint selten vorzukommen. Obwohl unsere Präsenz sich sicherlich schon rumgesprochen hat: die beiden verrückten deutschen Tanten! Jedenfalls glückliche Ankunft, bisschen am See liegen, dann im genialen Obstgarten leckere Sachen essen.

Den Rückweg wollen wir anders gestalten. Bus! Doch der Bus kommt nicht oder hält nicht. Trampen! Die 200 vorbeifahrenden Autos schauen uns an, als hätten wir sie nicht mehr alle. Taxi! Mangels meiner Polnischkenntnisse legte der nette Gesprächspartner der einzigen auffindbaren Taxinummer mal lieber direkt auf. Also doch wieder Landstraße latschen. Aber da es echt viel zu gefährlich ist, irgendwann querfeldein. Mami hält es wirklich tapfer in ihren Hausschuhen durch, sich über unwirtlichstes Gelände ohne zu Murren zu bewegen. Und irgendwann sind wir da (zwei Stunden später!). Abends dann will sie mich endlich schick zum Essen einladen ins Hotelrestaurant von Czaplinek. Das ist eine schöne Belohnung und wir essen sehr interessante Sachen, die wir uns da auf der Speisekarte nach dem Zufallsprinzip aussuchen. 

Schon sind wir am Ende unserer kleinen Reise angelangt. Montagfrüh muss nur noch Mamas Bedürfnis, eine Stunde vor Abfahrt auf dem Gleis zu stehen, mit meinem Bedürfnis, eine Minute vor Abfahrt aufs Gleis zu hetzen, koordiniert werden. Auch das klappt und diesmal verpassen wir keinen Anschluss. Dämlicherweise fällt mir hinter der Grenze auf, dass ich mein Portemonnaie mitsamt aller Dokumente unter meiner Matratze in der Ferienwohnung hab liegen lassen. Und ich kam mir noch so schlau vor, als ich morgens an mein Handykabel dachte....Gut, einiges Hin- und Hertelefonieren mit unserem polnischem Freund, der wiederum mit dem Vermieter, und nur eine Woche später liegt alles in meinem Briefkasten in Köln.

Insgesamt haben wir eine schöne Zeit in Polen. Wir führen intensive Gespräche, vor allem über Kindheit, über die meiner Mutter und meine eigene. Sie empfindet es noch heute als sehr merkwürdig, dass sie in ihrer eigenen Heimat jetzt eine echte Ausländerin ist. Die Frage, ob das nun verdient ist oder nicht, stellt sich ihr aus ihrer Innenperspektive nicht. Noch absurder wird die Frage nach Heimat, wenn man bedenkt, dass viele Bewohner_innen des heutigen Pommerns Umgesiedelte sind, aus den russischen und ehemals polnischen Gebieten rund um Königsberg. Also auch sie sind Heimatverlorene. Eine Hitlerhasserin ist meine Mutter durch und durch (ok, wer ist das nicht?). Er hat so wahnsinnig viel Leid über so viele Leute gebracht. Trotzdem trauert sie ihrer Heimat hinterher, die seit nunmehr fast 70 Jahren im Ausland liegt.  Alles was mit Krieg zu tun hat, findet meine Mutter ganz schrecklich. Sie will davon überhaupt nichts wissen. Sie schaut sich kaum Filme zu dem Thema an und wenn doch, dann heult sie nur. Und wenn sie heute Nachrichten schaut, dann erinnern all die Kriege und Berichte über Vertriebene und Flüchtlinge sie an ihre eigene Geschichte.

Und trotzdem, wir haben viele lustige Momente auf unserer Reise, über unsere Andersartigkeit und unsere Ähnlichkeit. Meine Mutter ist eine erstaunliche Frau, sie kommt immer durch und kriegt auch meistens was sie will. Wenn das mal nicht der Fall sein sollte, dann sieht sie nur die positive Seite an dem, was sie hat. Das ist doch mal eine Haltung!

Letztendlich: ich bin froh, dass sie mich zu diesem Geburtstagsgeschenk verdonnert hat!

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Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

Kontakt

Barbara Fischer Reitzer.