Zu meinem 75. Geburtstag wünsch ich mir von dir was Besonderes! (2)

Autorin: 

Julia Paffenholz, Allerweltshaus Köln

Ich wurde 1939 im heutigen Polczyn-Zdroj geboren. Mein Vater, Wilhelm Zirbel, kommt aus Tempelburg (Czaplinek), eine kleine Stadt, an die ich mich nicht so genau erinnere, aber den wunderschönen Jezioro Drawsko, dem Dratzigsee sehe ich noch genau vor mir. Er ist einer der größten Seen der pommerschen Seenplatte. Als junger Mann erlernte mein Vater das Böttcherhandwerk (Fassmacher) von seinem Vater. So wie der es von seinem Vater lernte und der wieder von seinem. In Czaplinek lernte er Anna kennen. Sie stammte aus einem Nachbardorf, war verwitwet und hatte eine Tochter, Gisela. Anna war lebensfroh und er war etwas zu Geld gekommen. Außerdem wollter er mal was anderes sehen. Kurzum, er kaufte für sich, Anna und Gisela ein Häuschen in der nahegelegenen Kurstadt Bad Polzin, Polczyn-Zdroj. Dort kam ich wenig später zur Welt. Doch wenig später brach auch der Krieg aus und alles wurde anders. Wenn Du in die Geschichtsbücher schaust, siehst du, dass Pommern schon seit dem 17. Jahrhundert zwischen Preußen und Polen hin und her geschoben wurde. Und meinem Vater war relativ schnell klar, dass die Zukunft für Deutsche in Pommern in den Sternen steht. Sicher ist sicher, dachte er und nahm eine Arbeit in Leipzig an. Wir siedelten also mit der ganzen Familie schon 1940 um, freiwillig und unvertrieben. Doch im Kriegsverlauf wurden die Bombenangriffe auf deutsche Städte immer verheerender. Auch die Alliierten rückten weiter vor. Anfang 1944 traf es auch Leipzig hart. Unsere Familie entschied, dass wir zwei Mädchen, Gisela und Thea, zusammen mit unserer Mutter ins bis dahin noch ruhige Pommern zurückkehren. Im April wurde dort meine Schwester Janni geboren. Wir kamen bei Verwandten unter und ich verbrachte mein gesamtes fünftes Lebensjahr in Tempelburg. Ich habe wunderbare Erinnerungen an diese Zeit. Der Krieg war weit weg, der Sommer warm und der See war nah. Uns ging es gut. Erst im Winter 1944/45 spitzte sich die Lage zu. Ich war zu klein, um zu wissen, was rumd um uns herum geschah, was wirklich passierte. Aber wir spürten die Anspannung. Der Krieg tobte immer erbarmungsloser. Hitler aktivierte die ganz Jungen und die ganz Alten als Kanonenfutter für seinen Irrsinn und der Krieg hörte einfach nicht auf. Im Gegenteil, er näherte sich Pommern. Und mit dem Krieg kam ein Schreckgespenst. Geschichtliche Zusammenhänge spielten keine Rolle. Es ging ums Überleben. Wir mussten hier schnell weg. Zugverbindungen existierten zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehrEs wurden die ersten Flüchtlingtrecks organisiert. Für uns Geschwister und meine Mutter war es nicht wirklich schwer, wieder zurück nach Leipzig zu Vati zu gehen und hier alles hinter sich zu lassen. Ungleich härter war die Entscheidung für meine Verwandten. Sie mussten Haus, Landwirtschaft, Landschaft, Geschichte und Traditionen aufgeben, um vor “dem Russen” zu fliehen. Ich erinnere mich genau, dass mein Opa im Garten einen Koffer mit unhandlichen Wertsachen verbuddelte. Sie wollten ja zurückkehren…

Und immer noch hatten wir eigentlich Glück. Wir konnten uns im Januar 1945 auf einem der ersten Flüchtlingstrecks auf den Weg nach Leipzig machen: meine Mutter,meine neun Monate alte Schwester Janni und ich. Unsere große Halbschwester war nicht dabei. Die inzwischen siebzehnjährige Gisela musste zu diesem Zeitpunkt schon längst an der Ostseeküste bei Verwandten landwirtschaftlichen Zwangsdienst leisten. Aber das begriff ich alles nicht. Ich musste alle meine Anziehsachen übereinander ziehen. Es war Winter und bitterkalt. Janni, das Baby, lag bequem in ihrem voluminösen Kinderwagen. Babysein brachte in meinen Augen eine gewisse Vorteilsbehandlung. Wie lange es letztendlich dauerte, bis wir in Leipzig ankamen? Ich kann es nicht sagen. Acht Tage? Vier Wochen? Zwei Monate? Wir waren erst mit dem Pferdewagen unterwegs, dann mit dem Zug, dann wieder zu Fuss. Wir kauerten in Viehwaggons, während Bomber über uns flogen und rundherum ihre tödliche Fracht abluden. Wo das war? Keine Ahnung. Ich weiß nur, irgendwann waren wir da, wo wir hin wollten. Auch mein Vater war hierAlle Mitglieder unserer kleinen Familie haben den Krieg überlebt. Meine Halbschwester Gisela kehrte erst im Sommer 1945 nach Leipzig zurück. Da hatte sie “den Russen” schon kennengelernt. Über ihre Erlebnisse sprach sie niemals.

Aktuelle Beiträge

Meistgelesen

Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

Kontakt

Barbara Fischer Reitzer.