Zu meinem 75. Geburtstag wünsch ich mir von dir was Besonderes!

Autorin: 

Julia Paffenholz, Allerweltshaus Köln

 

Pommern: klingt deutsch, aber liegt in Polen und damit hinter meinem bisherigen Horizont. Diesen zu erweitern bin ich angetreten und erfahre als erstes, dass Pommern mitnichten eine deutsche Bezeichnung ist, sondern aus dem Slawischen stammt und (po more) Land “am Meer” heißt.

“Zu meinem 75. Geburtstag wünsch ich mir von dir was Besonderes!”, teilte meine Mutter mir im Dezember 2013 mit Unschuldsmiene mit.

“Was denn?”, mir schwante schon irgendwas ...

“Dass du mit mir nach Pommern fährst, dahin wo ich geboren bin!”

“Pommern?” Das ist doch in Polen......Oh jeee. Eine Gegend, die bisher relativ hinter meinem geistigen Horizont lag. Eine Woche, sie lädt ein. Die Kinder werden meinem Mann aufs Auge gedrückt (Teil des Geschenks, dass er da mitmacht!).

Pommern existierte für mich bisher nur in den Erzählungen meiner Mutter und ihrer Familie, und das seit ich denken kann. “Pommerle ein deutsches Mädel”, Pommersche Einheitsstampfer”, “Pommerland ist abgebrannt”. Vertreibung und Verlust der Heimat tauchten als Thema in meiner Kindheit oft auf. Mein Opa erzählte oft von Pommern, war in Vertriebenenvereinen und unternahm mit diesen Vereinen auch Reisen dorthin.

So kam es, dass wir uns schließlich Ende Mai für fünf Tage auf den Weg dorthin machten. Meine Mutter wollte alles organisieren, hatte sich um die Bahnfahrt gekümmert, einen Reiseführer besorgt und mit Hilfe eines polnischen Bekannten, den sie hat anrufen lassen, eine kleine Ferienwohnung gebucht: in dem Ort, wo ihr Vater herkommt und sie auch das letzte Kriegsjahr verbracht hatte.

Es ist Dezember 2013 und noch ein paar Monate bis zum Geburtstag meiner Mutter. Sie wurde in Pommern geboren und verbrachte dort ihre ersten Lebensjahre in Polczyn-Zdroj, das damals Bad Polzin hieß. Meine Mutter hat viel davon erzählt, genauso wie mein Opa. Er kommt aus Czaplinek, früher Tempelburg und reiste öfters nach Polen. Aber trotzdem, Pommern hat es nie zu einer realen Größe in meinem Leben geschafft. Pommern, das sind Erzählungen meiner Mutter und ihrer Familie. Geschichten, kein echtes Leben. Es geht oft um Vertreibung und den Verlust von Heimat. Ein Thema, das sich durch meine Kindheit zieht, zusammen mit einschlägigen Liedern und Redewendungen, deren Texte ich heute noch kenne. Und doch ist mir die Heimat meiner Mutter fern geblieben.

Das soll sich jetzt ändern. Ich fange erstmal an zu lesen. Pommerns Geschichte beginnt in der Steinzeit. Das ist mir zu weit weg. Aha, Germanen, das Wort ist mir geläufiger, sie verließen das Gebiet im Zuge der Völkerwanderung im 5. Jhd. Dann kamen die Slawen und die gerieten im 10. Jhd. unter den Einfluss ihrer Nachbarn. Das kommt mir nun endgültig bekannt vor und ich habe noch 1000 Jahre Geschichte vor mir. Aber erstmal weg mit den Büchern und los.

Meine Mutter und ich packen Ende Mai 2014 unsere Koffer, die Kinder überlassen wir meinem Mann und meine Mutter und ich machen uns auf den Weg zur Bahn. Reiseführer, Ticket und die Hilfe eines polnischen Bekannten, der uns die Ferienwohnung gebucht hat, im Gepäck, steigen wir in den Zug und sollen nach 10 Stunden Fahrt Czaplinek erreichen. Willkommen in der Gegenwart.

Erst ab Berlin beginne ich mich für die organisatorischen Details unserer Reise zu interessieren. Bisher hatte ich mich blind auf meine Mutter verlassen. Meine Neugierde zahlt sich aus. Hätte ich nicht nachgefragt, besäßen wir ab der deutsch-polnischen Grenze kein gültiges Ticket mehr und auch kein polnisches Geld.

Mama: “Ja, kann man denn da nicht mit Euros bezahlen?”  Ich: “Nein, geht nicht.”

Ich lese: Im Jahr 983 wurden große Teile des Slawengebietes östlich der Elbe durch einen Slawenaufstand wieder unabhängig vom Ostfrankenreich. Otto I. hatte das Gebiet in verschiedenen Schlachten seinem Reich angegliedert. Hm, noch ein Krieg in den Geschichtsbüchern. Die Sonne scheint mir ins Gesicht. Draußen zieht die pommersche Landschaft vorüber. Ich lege das Buch weg und bewundere die Landschaft. Ich bin schon von Vorpommern fasziniert.  Zum Glück bleibt genügend Zeit und wir können die Gegend dann auch noch länger genießen als geplant, die Zugverspätung steigt mit jedem Bahnhof, an dem wir halten.

Wir nähern uns der Grenze. Letzter Halt am östlichen Rand von McPomm: Angermünde, ein Bahnhof, der aussieht, wie aus einem Western. Hitze brütet über den Gleisen. Bis nach Polen sind es noch 15 Kilometer.  Den zwei freundlichen Cowboys am Bahnhof können wir keine Details über den Bahnhof in Szczecin entlocken, unserer nächsten Station. Ob und wo wir hinter der Grenze Tickets kaufen oder Geld wechseln können? “Nö, wissen wir nicht, da waren wir nie”.

Mit Vertrauen und Wagemut im Gepäck fahren wir weiter.  Das Schicksal der Slawen ist erstmal egal, die werden im Jahr 979 unter Herzog Mieszko I. einem polanischen Staat angegliedert. Viel wichtiger, alles klappt reibungslos: Tickets und Geld kann ich innerhalb von nur 12 Minuten Umsteigezeit in Szczecin (früher: Stettin) und ohne polnische Sprachkenntnisse besorgen. Ein echter Grund stolz zu sein! Apropos Polnisch, eine unglaublich schwere Sprache? Ja, ich fürchte schon. Ich bin in Fremdsprachen einigermassen bewandert, aber die drei wichtigsten polnischen Wörter, die ich mir auf die Handfläche geschrieben hatte, konnte ich auch nach drei Tagen immer noch nicht spontan anwenden (Danke; Guten Tag und Ich moechte bitte). Ich war seit Jahrzehnten nicht mehr in einem Land, dessen Sprache ich nicht verstand und komme mir ziemlich idiotisch vor. Dann eines Abends, ein Wort auf der Speisekarte, das ich entschlüsseln kann: Spinacki.

Und überhaupt, Polen präsentiert sich von Beginn unserer Reise an von seiner besten Seite. Im Schein einer Bilderbuchabendsonne zieht sich die Bummelzugfahrt durch halb Pommern über mehrere Stunden hin und das Land macht einen sympathischen Eindruck. 

In meinem Buch zwingen heidnische Pomoranen im Jahr 1010 den Bischof von Kolberg zur Flucht und machen sich irgendwann gänzlich unabhängig.

Doch uns fällt unterwegs noch ein weiteres Detail auf: der Bahnhof von Szczecinek (früher: Neustettin), unser Ziel, liegt ca. 5 Kilometer vom Zentrum entfernt, wo sich unsere Wohnung befindet. Alles lässt sich lösen, wenn man nur will. Auftritt meine Mutter: Sie kuckt sich im Zug einen jungen Mann aus, der Englisch spricht, vertrauenswürdig wirkt und bis Szczecinek fährt. Er ist dazu auserkoren, uns in den Ort mitzunehmen. Und tatsächlich verspricht er uns zu helfen. Dann erzählt sie ihm in einer Mischung aus gebrochenem Russisch (Reiseführer warnt: bloß kein Russisch!), Italienisch und Englisch, dass ihr Vater aus Czaplinek kommt (Reiseführer warnt: bloß keine Vertriebenengeschichten!). Dass wir Deutsche sind, weiß längst das ganze Abteil. Aber jetzt bekommen die Reisenden endgültig Riesenohren. Ich lege mein Buch zur Seite (im Winter 1068/69 wird das lutizische Hauptheiligtum Rethra durch deutsche Truppen zerstört) versinke im Sessel und meine Gesichtszüge nehmen die Farbe einer Riesentomate an.

Am Ende kommen wir da an, wohin wir wollen und die Schwester des jungen Mannes nimmt uns mit in den Ort.

Wir können uns nach vierstündiger Verspätung über das 60 Euro günstigere Ticket freuen. Um 22 Uhr steigen wir in Szczecinek aus und fahren direkt zu unserer Unterkunft. Dort erwartet uns… ersteinmal absolut gar nichts: kein Mensch, kein Licht, nicht mal ein Hund bellt auf dem Hof. Ist das nun ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Auf unser Schellen reagiert niemand, zum Glück gibt es eine Telefonnummer und wir rufen an. Irgendwo im Ort klingelt ein Telefon - und niemand nimmt ab.

Wir suchen rund um das Haus und treffen eine junge Frau, die irgendwie auch hier untergeschlüpft zu sein scheint. Welches Glück, sie spricht Englisch und führt uns zum Haus des Vermieters. Der ist nicht böse, dass wir ihn aus dem Bett klingeln, zieht sich an, begrüßt uns und zeigt uns unsere Wohnung. Ein sehr schönes Domizil direkt am See und alles ist gut. Der Vermieter heißt Jan und ist sehr nett. Die Kommunikation bleibt schwierig, aber klar, dass meine Mutter es trotzdem schafft, auch ihm zu erzählen, warum wir hier sind (s. oben, Reiseführer warnt: bloß keine Vertriebenengeschichten!). Jan bleibt unverändert freundlich und ich überlege, ob ich einen neuen Reiseführer schreiben soll.

Die Reise geht weiter: Teil 2 und 3 in Kürze hier…

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Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

Kontakt

Barbara Fischer Reitzer.