Zittert, zittert, die Hexen sind wieder da!

Autorin: 

Isabel Busch, Haus der Frauengeschichte Bonn

Schauen wir uns die Hexengeschichte durch die Jahrhunderte genauer an, stand am Anfang die Verehrung autonomer Muttergöttinnen in den frühen städtischen Kulturen, als die Menschen sesshaft wurden, anfingen, Ackerbau zu betreiben und Tiere zu domestizieren. Frauen spielten in der Gesellschaft eine gewichtige Rolle, weil sie die Verantwortung für Aussaat und Ernte trugen. Die Frau wurde symbolisch verknüpft mit der Schöpfungskraft der Erde, so dass die Verehrung einer obersten Muttergöttin eine logische Schlussfolgerung war. Dabei war die Muttergöttin sowohl Lebensspenderin, als auch Todbringerin. Leben und Tod wurden allerdings als Kreislauf verstanden, so dass der todbringende Schattenaspekt der Göttin nicht als Ausbund des Bösen betrachtet wurde, sondern als notwendige Transzendenz in ein neues Leben. Durch den Handel zwischen den Städten kam es teilweise zu Verschmelzungen der Göttinnen. So entspricht beispielsweise die sumerische Göttin Inanna (mit ihrem Schattenselbst Ereshkigal) der babylonischen Ischtar.

Der erste Bruch kam mit der kriegerischen Eroberung dieser Kulturen durch semitische, hellenische und indogermanische Völker. Unter ihrem Einfluss wurde die Göttin in den Mythen entweder deformiert  oder unterdrückt. Sie wird zur verdammenswerten Dämonin oder als Monster stilisiert (besonders als Schlange); so wurde aus der babylonischen Tiamat eine böse alte Frau, die von einem männlichen Heros, dem Sonnengott Marduk, besiegt werden muss.

Aber auch in den patriarchalischen Religionen gab es noch geachtete Priesterinnen, wie bei den Kelten und Germanen, die der Heilkunst fähig waren und für Weissagung zuständig waren. Auch in Rom gab es, neben der patriarchalischen Staatsreligion, u.a. Kulte, die frauenzentriert waren. Diese Kulte wurden allerdings mit Misstrauen beäugt.

Im christlichen Mittelalter war der Glaube an Magie und Dämonen eher in den unteren Bevölkerungsschichten verbreitet. Man glaubte sowohl an wohltätige, als auch an schädliche Magie. Erstere machte Hoffnung, letztere Angst. Zaubersprüche und magische Handlungen wurden als Volksmagie, gerade von Frauen, von Generation zu Generation weitergetragen. Der obere Klerus und der Adel waren eher mit den sogenannten Ketzern beschäftigt, wie den Katharern und Waldensern; an Magie und Dämonen glaubten die Gebildeteren in den Städten weniger. Die Inquisition konzentrierte sich ganz auf die Auslöschung der Ketzer. Erst, als diese ketzerischen Sekten (fürs Erste) besiegt zu sein schienen, brauchte die Kirche eine neue Herausforderung/ ein neues Feindbild. Der Hexenglaube der unteren Schichten v.a. der ländlichen Bevölkerung kam da gerade recht. Ein tragisches Opfer des Paradigmenwechsels war die Mailänderin Pierina de Bugatis, die wohl mit anderen Frauen einer Art Frauenkult angehörte, die einer gewissen Madonna Oriente huldigten. Sie hielt ihre Verehrung der Madonna Oriente durchaus vereinbar mit ihrem Glauben an Jesus Christus. 1384 wurde sie das erste Mal für ihre ketzerischen Ansichten belangt. Da die Kirche offiziell noch den Glauben an Magie und Gott-ähnliche Gestalten als Aberglauben abtat, musste Pierina zunächst nur Buße tun. Als sie 1390 rückfällig wurde, hatte leider bereits der Paradigmenwechsel  eingesetzt.  Plötzlich galten ihre Visionen nicht mehr als harmlose, ketzerische Spinnerei, sondern als reale Bedrohung. Nun musste Pierina mit dem Leben bezahlen. Spätestens mit dem Malleus Maleficarum (Hexenhammer) der Dominikanermönche Heinrich Kramer und Jakob Sprenger, zusammen mit der Hexenbulle von Papst Innozenz VIII aus dem Jahr 1484, setzte der Hexenwahn flächendeckend ein; und Heinrich Kramers deutlich ausgeprägter Misogynismus spielte eine wesentliche Rolle.   

Überhaupt schien die groß angelegte Hexenverfolgung, die nun einsetzte und rund 200 Jahre andauerte, und dessen Opfer zu ¾ weiblich waren, auch eine Gegenreaktion auf die Frauen des Mittelalters zu sein. Im Mittelalter waren nämlich nicht nur die privilegierten Frauen des Adels und der Monarchie in der Lage, sich innerhalb ihrer Sphären großen Einfluss und Macht zu verschaffen. Es ist zwar richtig, dass Frauen juristisch nicht als eigenständige Personen anerkannt waren, aber dennoch konnten Frauen gerade in Handwerksberufen ihre Männer in den Betrieben vertreten (beispielsweise, wenn der Mann in den Kriegsdienst gerufen wurde), teilweise hatten sie Zugang zu den Zünften, und durften Lehrlinge ausbilden. In der mailändischen Stadt Salerno gab es im Mittelalter eine Universität nach jüdisch-arabischen Vorbild, wo Frauen Medizin studieren und hinterher als Ärztinnen praktizieren durften. Einflussreiche Nonnen wie Hildegard von Bingen sind bekannt, aber auch die Beginen, also Frauen, die sich unabhängig von einem männlich dominierten Orden in Frauengemeinschaften (mit durchaus religiösem Hintergrund) zusammentaten, verschafften sich wirtschaftliche Unabhängigkeit und entzogen sich gesellschaftlich dem Patriarchat. Und dann waren da noch die Hebammen. Sie besaßen auch verbotenes Wissen: das Wissen um Schwangerschaftsverhütung und –abbruch. Das muss Vielen ein Dorn im Auge gewesen sein. Eine These geht sogar davon aus, dass die Verfolgung und Vernichtung von Hebammen als vermeintliche  Hexen auch eine Strategie gewesen sein könnten, um den Bevölkerungsschwund (durch Kriege, Hungersnöte, Krankheiten) zu stoppen. Tatsache ist, dass sich in der Frühen Neuzeit, und dabei spielten die Reformation und die Gegenreformation eine gewichtige Rolle, die allgemeine Situation der meisten Frauen dramatisch verschlechterte. Und auch wenn viele der Hexenwahnopfer angepasste Frauen gewesen sein dürften, kann frau sich nicht des Eindrucks erwehren, dass die allgemein zu stark gewordenen und eben auch die ein oder anderen unangepassten Frauen auf diese Art beseitigt werden sollten. Es gab aber auch Frauen, die Widerstand leisteten, wie Christina von Schweden, die 1634 ihrem Vater als eigenmächtige Herrscherin auf den schwedischen Thron folgte und die Hexenverfolgung in Schweden und in den zu Schweden gehörenden Territorien  beendete.

Schließlich, nach weiteren Irrungen zum Thema Hexen, entdeckte die Frauenbewegung der 70er Jahre den Begriff für sich und deutete ihn bewusst positiv um. Sie sah in den Hexen die starken, unangepassten Frauen, die sich dem Patriarchat nicht unterwerfen  wollten. In dieser Tradition sahen die Feministinnen sich selbst, als sie an den sogenannten Walpurgisnachtdemonstrationen auf die Straßen gingen und im Protest gegen die sexuelle Gewalt, der Frauen ungeschützt ausgeliefert waren bzw. sind, sich die Nacht zurückerobern wollten. So riefen auch italienische Demonstrantinnen: Tremate, tremate, le streghe son tornate! (Zittert, zittert, die Hexen sind wieder da!). Auch spirituell haben Frauen die Hexe für sich entdeckt, hauptsächlich im neuheidnischen Wicca-Kult, der besonders in den USA verbreitet und generell anerkannt ist (teilweise werden aber auch dort Wicca-Anhängerinnen und -anhänger Diskriminierungen ausgesetzt). Wicca ist vor allem in seiner dianischen Ausprägung sehr Göttin- und frauenzentriert.  

(Quelle: Hexenforum)

Mittlerweile hat sich die Hexe in der Literatur und Popkultur, auch fernab der Grimm´schen Märchenhexe, fest etabliert, und stellt im schlimmsten Fall als die Böse ein Abziehbild der  Schreckensvorstellung einer  unangepassten Frau für Männer dar, wie in C.S. Lewis´ Die Chroniken von Narnia (s. Blog-Beitrag Die Töchter Liliths). Im besten Fall präsentiert sie sich als ein selbstbewusstes und kluges Rollenmodell für Mädchen und Frauen, wie Hermine Granger und Ginny Weasley in Harry Potter.        

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Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

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Barbara Fischer Reitzer.