Wikingerinnen

Autorin: 

Barbara Fischer

Eine Reihe von Missverständnissen haftet dem Begriff Wikinger an. Wenn in historischen, in der Wikingerzeit angesiedelten Filmen, die berühmten drachenförmigen Boote am Horizont auftauchen und an Land der Schrei Wikinger! gellt, so sind wir schon mitten drin in der ersten Ungereimtheit. Der altnordische Begriff Wikinger war in anderen Gebieten, z.B. an der Küste Englands oder Irlands, die oft von den Nordländern heimgesucht wurden, unbekannt.

Der Begriff Vikinger ist im Altisländischen seit dem 12. Jhd. schriftlich überliefert und bezeichnet nichts anderes als die Tätigkeit eines Vikingers, die da wäre: er! geht auf Fahrt.

In verschiedenen nordischen Sagas ist die Konnotation des Begriffs durchaus negativ und heißt nichts anderes als Pirat. Von Piratinnen ist in diesem Fall explizit nicht die Rede! Was durchaus  f ü r  die Frauen gewertet werden darf. Wobei der Begriff multifunktional ist, so konnten die Wikinger, also die skandinavischen Piraten, im Winter durchaus sesshafte Bauern sein. Die  Ära der Wikinger endete 1066 im Jahr der legendären Schlacht von Hastings. Der englische König unterlag dem Normannenherzog Wilhelm dem Eroberer, einem Wikingerspross. Die Wikinger blieben und gingen nicht länger auf Fahrt. Ihre Ära war zu Ende.

Was ist nun mit den Wikingerinnen? In diesem Reigen der Begriffsklärung sei deutlich formuliert: es gab sie nicht, die Wikingerinnen! Es gab Skandinavierinnen der Wikingerzeit zwischen 793 – 1066, aber keine Wikingerinnen.

Natürlich waren bemerkenswerte Frauen in den Reihen der Wikinger. Schriftliche Zeugnisse sind aber ausschließlich aus der Zeit nach 1200 zu haben, wie bei dem dänischen Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus, der eine Kriegerin Lathgerta  erwähnt, die dann praktischerweise im Kampf unterliegt und in der Ehe strandet. Und ja, wer hier Anklänge an christianisierte und latinisierte Bildungsbürgertums-Attitüden heraushört, sei ermutigt, diesen Faden weiterzuspinnen. Auch in der Edda findet sich kaum eine Kriegerin und Prof. Krause (Foto) hat wirklich gesucht. Lathgertha, die eine, aber hat es denn auch in einen Hollywood Blockbuster geschafft, wie vor ihr schon einschlägig aufgeputzte Piratinnen.

Neben der Kriegerin gab es auch den Typus gehobene Hausfrau, die mit auf Erkundungsfahrt geht, selten. Das macht aus ihr noch immer keine Wikingerin, denn sie fährt ja nur mit. Prof. Krause allerdings fand Hinweise auf solche Frauen u.a. in der Saga von Erik dem Roten, dessen Tochter ihre blutrünstige Seite an den Siedlern der Küsten Grönlands und Neufundlands ausgelebt haben soll.

Herrscherinnen gab es selbstverständlich auch bei den Skandinavierinnen zu Zeiten der Wikinger. Herausragend für diesen Frauentyp steht ein archäologischer Fund in Südnorwegen im Oseberg-Grabhügel. Ein überdimensionales Grab mit reichen Grabbeigaben, u.a. Pferde, Hunde, Schlitten, Möbel, Webstühle und zwei Frauenleichen, von denen eine die Dienerin sein soll, die ihre Herrin in den Tod begleitet.

Dann gibt es als gesicherte Quelle den Reisebericht eines maurischen Gesandten, der am Hof des Dänenkönigs Horik von selbstbestimmten Frauen berichtet, die „bei ihrem Mann bleiben, solange sie Lust haben.“

Eine bemerkenswerte Frauenquote gegenüber den eher dürftigen realen Zeugnissen gibt es in der Welt der Göttinnen und überirdischen Wesen der Wikingerzeit. Die weiblichen Gottheiten sind eindeutig in der Überzahl. Stehen wir vor einem Perspektivwechsel, der die Annahme von den selbstbewussten Nordländerinnen wissenschaftlich stützt? Warum nicht..,. wie unten so oben? Wie oben so unten? Dafür fehlen zwar schlicht die Belege aus dem Alltagsleben. Aber wir haben dafür reichlich Zeugnisse aus der Göttinnenwelt jener Zeit: Waninnen - wie Freyja, Asinnen - wie Frigg, Walküren - die Todesbotinnen, Nornen - die Schicksalsweberinnen... Und nicht zu vergessen, die Völva, in der mythischen Welt hoch angesehene Seherinnen. Von ihnen gibt es so detaillierte schriftliche Zeugnisse, dass die Annahme, es handele sich hier um eine konkrete Person und keine mythische Gestalt durchaus vertretbar scheint. Das Grab einer Völva im dänischen Fyrkat lässt sich auf das ausgehende 10. Jahrhundert datieren. Mythisch oder real?

Einen tieferen Einblick in die Lebenswelten der Frauen der damaligen Zeit gewähren uns die Runensteine seit dem 11. Jahrhundert in Schweden. Auftraggeberinnen solcher Steine waren zumeist Frauen. Auf ihnen wurden u.a. auch  Erbangelegenheiten dokumentiert, wie z.B. in Hillersjö (Foto oben), wo Frau Gerlaug bekundete, dass sie durch das Erbe ihrer zwei früh verstorbenen Ehemänner und dem Vermögen ihrer Tochter, das sie ebenfalls nach ihrem Tod erbte, zu Reichtum und Macht gelangte. Ein solches Zeugnis besagt eindeutig: Frauen konnten erben, eigenständig und selbstbestimmt leben und ihr Erbe verwalten. Zu jener Zeit bestimmt keine Selbstverständlichkeit in anderen Gegenden der Welt.

Wenngleich schriftliche Zeugnisse aus jener Zeit als nicht authentisch angesehen werden können, da sie allesamt einen christianisierten und latinisierten Hintergrund aufweisen, ermöglichen uns archäologische Funde und Runensteine gesicherte Aussagen über das Leben in der damaligen Zeit. Im Ganzen ergibt sich das Bild einer patriarchalen Gesellschaft der Wikingerwelt, in der es keine Wikingerinnen gab, wohl aber Freiräume für selbstbestimmtes Frauenleben.

Quelle: Vortrag Prof. Arnul Krause im Haus der Frauengeschichte Bonn am 23.4.2017

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Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

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