Wie trivial ist Trivialliteratur? - Die Gartenlaube enttrivialisieren Teil 1

Autorin: 

Andrea Günter, Philosophin und Theologin

 

Massenblatt, Liebesgesäusel, biedermeierlich angehauchte Beschwichtigungsliteratur, Die Gartenlaube: Illustrirtes Familienblatt  kam Langezeit oftmals nur mit schlechten Bewertungen weg, was die Qualität der Texte, dann die Meinung über den intellektuellen Anspruch der LeserInnenschaft betrifft. Diese Einschätzung hatte gerade auch damit zu tun, dass in ihr viele Frauen veröffentlichten. Denn Erzählungen und Romane wie die von Eugenie Marlitt (Pseudonym von  Eugenie John), um eine der berühmtesten Gartenlaubenautorinnen zu nennen, galten als Trivialliteratur. Da viele von ihnen als Fortsetzungsgeschichte veröffentlicht wurden, galt als Indiz dafür, dass die Leser_innen derart an der Stange gehalten werden sollten.

Aber schauen wir mal genau hin. Meine erste persönliche Erfahrung mit der  Differenzierung  des Mitteilungsinteresses von Autorinnen der Gartenlaube habe ich als junge Germanistikstudentin Anfang der 80Jahre gemacht, als eine damals beinahe 90jährige Bibliothekarin (geboren also um 1895) und jahrzehntelange Bibliotheksleiterin aus meinem weiteren Bekanntenkreis mir auf meine Frage, welche ihre Lieblingsautoren seien, antwortete: Johann Wolfgang von Goethe und Eugenie Marlitt. Diese Kombination erstaunte mich damals ungeheuer. Eine derart gebildete und mit dem Literaturkanon vertraute Frau, wie kam sie darauf, diese beiden in einem Atemzug zu nennen?

Nun ja, über Goethe wusste ich schon einiges, nicht erst seit dem Studium. Im Bücherregal meiner Eltern wiederum standen Romane der Marlitt. Ich begann, „Das Eulenhaus“ zu lesen, „Die zweite Frau“ und „Das Geheimnis der alten Mamsell“. Und da mir berühmte Romane von Frauen aus anderen europäischen Ländern bekannt waren wie die „Sturmhöhe“ von Emily Brontë und „Rebecca“ von Daphne de Maurier, konnte ich die Wahl der Bibliothekarin nun besser verstehen. Die Konfliktkonstellationen und die Aufklärungs- und Emanzipationsimpulse, die die Marlitt in ihren Frauenfiguren darstellte, konnten Frauen im 19. Jahrhundert inspirieren. Goethe dagegen wurde für Frauen interessant durch die Gestaltung seiner männlichen Figuren, der literarischen Versprachlichung von deren Konflikten und Konfliktverarbeitungsweisen. Männlichkeitsideale wurden aufgrund seiner Texte de- und rekonstruierbar, damit auch Paarstrukturen. Was nun die Frauenbilder des Goethe betrifft, so kann frau diese allerdings durchaus für trivial halten. Seine Frauenfigurationen wie die Iphigenie, Grethe, Mignon oder Melusine stellen Idealtypen dar, an denen sich männliche Figuren wie Faust, Wilhelm Meister oder Werther entwickeln. Weibliche Figuren durchlaufen in seinen Texten kaum Entwicklungen, Persönlichkeitsentfaltung und Bewährungssituationen für Frauen hatte er nicht vorgesehen. Goethe instrumentalisierte Frauen als Spiegelungsfiguren für männliche Entwicklungsaufgaben.

Als ich mich später im Studium mit Rahel Varnhagen auseinandersetzte, hat es mich deshalb auch nicht verwundert, dass siewie viele anderen Frauen auch – von der persönlichen Begegnung mit Goethe enttäuscht war. Er hat sie, die berühmte und intellektuell faszinierende Salonière, beim Besuch ihres Hauses und Salons ignoriert, war allein an ihrem Mann interessiert. Margarete von Trotta hat dies in ihrem Rahel-Film eindrücklich und ironisch inszeniert. Als Rahel ihn freudigst begrüßt, reagiert er kaum. Sie kommuniziert mehr oder weniger mit der steinernen Goethebüste, die im Zentrum  des Raums steht.

Hiergegen, in Auseinandersetzung mit Texten von Goethe oder auch Fontane haben Autorinnen wie die Marlitt geschrieben. Sie haben die Impulse der Aufklärung und französischen Revolution in „Frauenromanen“ entlang von Konflikten und Bewährungssituationen für Frauen und Möglichkeiten ihrer Persönlichkeitsentwicklung durchbuchstabiert. Wie zu zeigen sein wird, ging es diesen Autorinnen allerdings nicht nur um die Rekonstruktion der Normen von Geschlechterbeziehungen sowie von Erzählungen über Heirats- und Liebesverhältnisse. Autoren und Autorinnen der Gartenlaube machten vielfältige gesellschaftliche Positionen von Frauen, deren Konflikt- und Entwicklungspotential sichtbar.

wikisource.org/wiki/Die_Gartenlaube  veröffentlicht derzeit alle Bände der Gartenlaube bis 1900.  Die einzelnen Texte liegen in unterschiedlichen Formaten vor, manchmal als gescannte Seiten, manchmal als mehrfach korrigierte Gesamttexte. Hier kann frau stöbern, recherchieren oder sich an der Bearbeitung beteiligen. Da die Autorennamen, Themen und Inhaltsverzeichnisse vollständig erfasst und damit einfach zu recherchieren sind, werden die Nachweise in folgenden nur vereinzelt nachgewiesen, um den Text lesbar zu halten.

Zum Weiterlesen:

Schenk, Herrad: Die Rache der alten Mamsell. Eugenie Marlitts Lebensroman, Köln 1996

Günter, Andrea: Literatur und Kultur als Geschlechterpolitik. Fe­mi­nis­tisch-literatur­wissenschaftliche Begriffe und ihre Denk(t)räume, König­stein 1997

Günter, Andrea: Konzepte der Ethik – Konzepte der Geschlechterverhältnisse, Wien 2014 – zur Rezeptionsproblematik vgl. v.a. 107-140.

 

Die Gartenlaube: Format, Themen, Autorinnen

In Berührung mit dem Blatt Die Gartenlaube kam ich aufgrund meiner jahrelangen Tätigkeit als wissenschaftliche Hilfskraft bei Prof. Dr. Irmgard Roebling am Deutschen Seminar der Universität Freiburg. An diese Professur war das Projekt gebunden, historische Texte von Frauen aufzufinden und zu bearbeiten. So herrschte in der Literaturwissenschaft beispielsweise das Verdikt, dass Frauen keine Dramen geschrieben hätten, weil sie dazu nicht fähig wären. Jedoch, sobald frau anfängt, nach Dramen von (deutschsprachigen) Autorinnen zu suchen, findet sie unendlich viele. Die Geschlechterideologie dominiert die Wahrnehmung von geschichtlichen Fakten und Verhältnissen. Meine These war sehr schnell: Frauen haben nie geschwiegen, im Gegenteil, sie haben sich immer zu allen Themen ihrer Zeit zu Wort gemeldet und hierfür alle gebräuchlichen Formen und Medien genutzt. Schaut man auf diese Tatsache, dann kann es nicht darum gehen, Frauen zum Sprechen und Schreiben zu ermuntern. Nein, wenn Frauen immer gesprochen haben und sprechen, dann geht es darum, wie das, was sie sagen, aufgegriffen, gewertet wird. Das Sprechen von Frauen prinzipiell als trivial abzuwerten, ist ein sehr einfaches Mittel, um nicht auf sie hören zu müssen.

Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen war ich also auf der Suche nach Autorinnen und ihren Texten. Ich sollte sondieren, welche Texte für eine weitere Bearbeitung interessant wären. Eine Zeitlang sollte ich dafür auch, wenn meine Arbeitszeit es hergab, die Gartenlaube durchforsten. Ich las, machte Notizen, kopierte einzelne kurze Texte für eine Textsammlung, und las. Viele der in der Gartenlaube veröffentlichten Fortsetzungsromane waren als Buch veröffentlicht und in der sehr gut sortierten Freiburger Universitätsbibliothek vorhanden, so dass wir hier nur Kataloge anlegen und eventuelle Bestände durch das Kopieren von Fernleihen ergänzen mussten, wenn wir das Werk einer Autorin vollständig vor Ort haben wollten. Viele dieser Texte wurden dann in unterschiedlichsten Szenarien, in Form von Seminaren, Abschluß- und Doktorarbeiten erforscht.

An eine Kurzgeschichte aus der Gartenlaube kann ich mich besonders gut erinnern, auch wenn ich aller Recherche zum Trotz heute leider nicht mehr rekonstruieren kann, wie der Titel war, welche Autorin sie geschrieben hat, in welchem Heft sie erschienen ist. Aber die Fabel war die folgende: Ein Mädchen, ihr Name war, glaube ich, Anna, hatte einen Spielkameraden, der als junger Erwachsener dann Maler wurde. Dieser junge Maler tauchte in die Künstlerszene ab, dort malte er Frauenporträts. Als Modells für seine Bilder nahm er jedoch keine Mädchen, wie Anna es zuerst befürchtete, sondern Jünglinge. Gegen dieses Bildmachen war Anna zunächst machtlos.  Als er eines dieser Bild fertig hatte, verliebte er sich in es und zog um die Welt, um die Frau seines Bildes zu finden. Diese fand er natürlich nicht. Er hatte vergessen, dass das Modell ein Mann war. In der Zwischenzeit hatte er wieder Kontakt zu seiner Heimat und traf dort auch Anna wieder. Es brauchte dennoch einige Zeit, bis er bemerkte, was das von ihm Dargestellte mit realen Frauen zu tun hat, nämlich nichts, und Anna dann doch heiraten konnte. – Eine pointierende Geschichte  über den Themenkomplex „Frau und Bild“, die das aus männlichem Pinsel Repräsentierte dekonstruiert.

Die Gartenlaube war fast ein Jahrhundert lang (1853-1938, ab 1938-1944 unter dem Titel „Illustriertes Familienblatt“) die deutsche Zeitschrift mit der größten Auflage und LeserInnenschaft. Kurzgeschichten, Romane in Form von Fortsetzungstexten, Gedichte, Reiseberichte, hier wurden Texte unterschiedlichster, nicht nur literarischer Gattung veröffentlicht. So findet sich in der ersten Ausgabe ein biographischer Bericht über das Leben in einem anderen Kontext, der Autor des Berichts „Der Deutsche in Amerika“ wird dabei nicht namentlich genannt, ein Zusammenhang, auf den später noch eingegangen wird. Im zweiten Heft wird die Rubrik „Blätter und Blüten“ kenntlich gemacht, hier werden Kurzberichte und Kommentare zu allen möglichen Themen erscheinen. Außerdem schmücken viele Zeichnungen die Seiten aller Ausgaben – die Gartenlaube gilt aufgrund ihrer vielfältigen Textformen als Vorläufer der Illustrierten.

52 Ausgaben pro Jahr Mal genommen mit quasi einem Jahrhundert, ein solches Blatt braucht viele Texte. Und da es viele Leser und gerade auch Leserinnen an sich binden konnte, welches Profil legt sich nahe? Wöchentlich lesen, wer tut das? Einen gewissen Bildungsgrad zusammen mit einer gewissen Bindung an Bildung setzt das voraus. Und warum betreiben Leser/Leserinnen einen solchen regelmäßigen Bildungsaufwand, was will er/sie dadurch gewinnen? Meinungsbildung? Selbstbestätigung in Form von Konservatismus? Bestätigung in Form von öffentlich neu Formuliertem, das zu Entwicklung anregt?

Einen guten Ruf, was die intellektuelle Qualität betrifft, hat die Gartenlaube wie gesagt nicht. Sie gilt als Organ der Trivialliteratur. Anrührende Geschichten mit Titeln wie „Was wagt nicht ein treues Mutterherz“ tragen zu dieser Wertung bei. Dennoch, dieses Urteil mutete auch deshalb seltsam an, wenn man betrachtet, welche großen zeitgenössischen Autoren in ihr einige ihrer Romane, Erzählungen und Gedichte erstveröffentlicht haben: Joseph Freiherr von Eichendorff zum Beispiel, Hoffmann von Fallersleben, Theodor Fontane, Wilhelm Raabe, politisch engagierte Schriftsteller wie Levin Schücking, Weggefährte von der Schriftstellerin Annette Droste-Hülshoff und Ehemann von der Schriftstellerin Louise von Gall. Und kaum einer würde sagen, dass diejenigen ihrer Texte, die sie zuerst in der Gartenlaube erschienen sind, aufgrund dieses Erscheinungsorts trivial seien.

Das Berufsspektrum der Autoren und Autorinnen reichte weit. Neben literarischen Schriftstellern und Schriftstellerinnen schrieben Archäologen, Naturwissenschaftler, Historiker, Schriftsteller, Turnpädagogen, Maler, Agrarwissenschaftler, Ökonomen, Zoodirektoren. Medizinische Aufklärung über Epilepsie, Erziehungsratgeber für Eltern mit Kindern, die Geistesschwäche zeigen, Berichte über Kinderheilstätten an den deutschen Seeküsten, Tierseelkunde, Sprachwandel und die Bedeutung Darwins, auch das Themenspektrum der Sachtexte und sozialpolitischen Statements ist weit gefächert.

So berichten von den Frauen Schauspielerinnen über ihre Lebensumstände, Lehrerinnen über Bildungsfragen, Marie Luise Loeper-Houselle beispielsweise diskutiert, welche Frauen als Lehrerinnen geeignet sind. Die sozialpolitisch engagierte Lina Morgenstern informiert über soziale Einrichtungen wie die Berliner Volksküchen; Louise Otto nahm ein Schuljubiläum zum Anlass, um an  Schulbildung für alle Kreise zu appellieren; die  Pädagogin und Orthopädin  Auguste Herz, Schülerin des Reformpädagogen Friedrich Froebel, schreibt ein Pädagogisches Tagebuch. Anna Pötsch, deren beruflicher Zusammenhang unbekannt ist, die allerdings mit der Blindenanstalt in Leipzig zu tun hatte, klärt über Blinde und ihre Sinnesvermögen auf. Die Dichterin und Sängerin Elisa Polko kommentiert zwei Thüringer Volkslieder. Als einzige Autorin von botanischen Texten führt Auguste von Roeßler-Lade die „Kulturgeschichtliche Bedeutung der Nesseln“ aus.

Frauenrechtlerinnen wie Helene Adelmann kommentiert die Stellung deutscher Lehrerinnen in England; Marie Calm lobt den englischen Frauenverein „Verein der Freundinnen der jungen Mädchen“, die sich für junge berufstätige Frauen einsetzt. Anna Schuhmacher stellt die Gründung eines Asyls für stellenlose Lehrerinnen unter der Schirmherrschaft von Louise von Baden in Karlsruhe vor.

Kathinka Sutro erklärt, wie Elisabeth Patterson-Bonaparte zu einem Opfer der Politik wurde. Über Fanny Lewald, deren Erzählung „Josias“ 1888 als Fortsetzungsgeschichte abgedruckt wurde, findet sich ein Jahr später ein Nachruf. Biographische Skizzen über bekannte Frauen wie Johanna Kinkel, die mit ihrem Mann nach Amerika ausgewandert war, halten diese präsent.

Kurzberichte aus anderen Ländern stellen Besonderheiten dar. Helene Pichler etwa berichtet von der neuen Bewegung der „National training school for cookery“ mit den reißerischen Titel „Die Engländerinnen wollen kochen lernen!“ Die berühmte Weltreisende Ida Pfeiffer wiederum schreibt Briefe aus dem Ausland, um ihre nächsten Reiseberichte anzukündigen.

Ein Brief von Ida Pfeiffer aus Californien. Die berühmte, kühne Weltreisende, welche gewissermaßen in ihrer Person den kosmopolitischen Drang Deutschlands leibbaftig darstellt, hat ihrem nächsten Werke über Kalifornien Privatbriefe vorausgeschickt, so auch folgenden an unsern berühmten Landsmann, Herrn A. Petermann in London, der uns zur Veröffentlichung zugegangen ist. Er kam in Herrn P.’s Hände am 22sten December und ist datirt: St. Franzisko. 30. Oktober 1853.

http://de.wikisource.org/wiki/Ein_Brief_von_Ida_Pfeiffer_aus_Californien

Aufmerksamkeit erweckt auch der Bericht „Brutus“ von Julie Adeline Volckhausen. Die Autorin tut im Jahre 1872 der Öffentlichkeit kund, wie sie studentische Freiheitskämpfer im April 1833 bei sich versteckte und ihnen bei der Flucht ins Ausland half. Deren Versuch,  in Frankfurt am Main die Wachen zu stürmen und eine Revolution anzuzetteln, war binnen kurzer Zeit gescheitert, so dass sie nur noch fliehen konnten. http://de.wikisource.org/wiki/Brutus_%28Die_Gartenlaube_1872/41%29

Sind diese Flüchtlinge inzwischen rehabilitiert, das Vergehen verjährt, so dass die Autorin knapp 40 Jahre später furchtlos von ihrer Fluchthilfe berichten kann? Sind einige von ihnen vielleicht sogar Autoren der Gartenlaube geworden? Personen wie Otto von Corvin, einer der Anführer der 1848er Revolution, auf den wir später nochmals zu sprechen kommen, stehen dafür. Nach einer Gefängnisstrafe ging er ins Ausland, als freier Mitarbeiter schrieb er für renommierte Blätter wie The Times, New York Times, die Allgemeine Zeitung und eben die Die Gartenlaube.

Trivialität ist eine Perspektive und eine Haltung. Sind diese erst einmal aufgebrochen, können einzelne Inhalte genauer gewürdigt werden. Nun können in einem zweiten Schritt einzelne und sehr unterschiedliche Autorinnen rekonstruktiv gelesen und die Kriterienbildung einzelner Beiträge für die "Frauenemanzipation" hervorgehoben werden.

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Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

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Barbara Fischer Reitzer.