Vom Kopf auf die Füße stellen - Teil II

Autorin: 

Barbara Fischer im Gespräch mit Vera Zingsem

          Warum die ganze Mühe, Frauen so rabiat zu dekonstruieren?

Wegen dem Machtproblem. Da gibt es dieses eine berühmte Zitat von Cato (römischer Politiker, 95 v.u.Z. – 46 v.u.Z., Anm. d. Red.) „Sobald die Frauen uns gleich gestellt sind, sind sie uns überlegen.“ Diese Angst des Mannes rührt letztlich daher, jetzt symbolisch gesehen, nicht auf den Einzelnen bezogen, dass er der Frau ja riesig Unrecht getan hat. Und das kann ja nur dazu führen, dass „Mann“ befürchtet, dass sie sich rächen wird, wenn sie je wieder an die Macht kommen wird. Das läuft für meine Begriffe im Unbewussten ab. Ich meine, das was Frauen angetan wurde, ist ja ein Riesenunrecht. Die sind ja auch wirklich körperlich ausgemerzt worden, in den sogenannten Hexenprozessen und irgendwo weiß „Mann“ das ja auch. Wir alle haben letztlich Anteil an dieser Geschichte. Aber die, die das willentlich initiiert haben, die haben vorzeiten schon gewusst, was sie taten. Da bin ich mir ziemlich sicher. Es geht aber letztlich darum, derjenige, der einen anderen niedermacht, der hat ja dadurch trotzdem ein schlechtes Gewissen.

Wenn wir jetzt nochmal auf die Mythen zurückkommen, wie können wir mit der Überlieferungsgeschichte von Mythen umgehen? Neuschreiben?

Die Mythen als solches sind ja wunderbar, wir müssen sie einfach nur mehr ins Bewusstsein heben. Mythen in sich sind zunächst wertfrei, es ist ja nur die Frage der Unterdrückung. Wenn ich jetzt, sagen wir mal, den Mythos von Inanna oder Isis als Allgöttin unterdrücke, dann komme ich natürlich zu der Schieflage.

...Mythen werden nach meiner Sicht ja nicht nur unterdrückt, sondern regelrecht umgeschrieben oder fehlinterpretiert.

Ich habe nicht den Eindruck, dass sie umgeschrieben werden. Sie werden teilweise sogar so geschrieben, wie sie… gut Lilith ist ein anderer Fall. Und die griechische Mythologie im Grunde auch, die ist teilweise sehr auf die Unterdrückung der großen Göttinnen aus.

Lilith wird ja nur noch negativ attribuiert, als Dämonin. Ich mein, früher war sie eine Göttin und jetzt ist sie im Bewusstsein der Menschen nur noch ein kinderfressendes Monster.  Das hat ja das Christentum zu verantworten.

Ja, bei Lilith kann man das sehen. Aber, ich glaube, Lilith kam auch der biblischen Schöpfungsgeschichte zu nahe. Also Isis ist davon nach wie vor frei. Isis ist die Göttin, in deren Fußstapfen sich das gesamte Christentum bewegt, ohne sie zu benennen. Das ist so klar. Und Isis ist die Allgöttin. Sie ist die Eine, die Alle ist. So wurde sie ja in Köln gefunden. Diese schöne Isis-Statue ohne Kopf, auf ihrem Sockel findet sich der Titel: Una quae est omnia. Eine, die Alles ist. Die große Universalgöttin. Das war sie bevor ein Christ den Boden betreten hat.

Du sagst, bei Lilith ist es anders. Sie ist den christlichen Schöpfungsmythen zu nahe gekommen. Was ist bei Lilith anders als bei Isis?

Lilith ist kein Mythos in dem Sinne. Lilith ist eine halbmythische Figur, könnte man sagen. Also die großen Mythen stehen ja immer in einem Naturzusammenhang. Sie reflektieren gleichzeitig den Naturzusammenhang und die Kräfte des Kosmos, wie sie sich im Göttlichen wie im Menschlichen spiegeln. Lilith ist in dem Sinn schon so ein Zwischenwesen. Sie ist nicht im großen Mythos drin. Sie gilt im Judentum als Adams erste Frau. Auf dieser Stufe hat sie schon einen gewissen größeren Abstieg gemacht. Und im alten Sumer weiß man nicht wirklich, wer sie war. Sie tritt bei den Mythen von Inanna auf und sitzt dort als bedrohliche Gestalt in Inannas Lebensbaum. Wenn man aber jetzt das Bild von Lillake (ihr Name 2000 v.u.Z. aus Ur, Anm. d. Red.) sieht, wie es in meinem Lilith Buch abgebildet ist, die sumerische Tafel, die ich Eingangs beschrieben habe, dann hat sie große Ähnlichkeit mit Inanna, dieser großen Himmelskönigin. Und da kann es natürlich sein, dass sich im alten Sumer schon Abspaltungsprozesse ereignet haben und Lilith früher die Stelle von Inanna inne hatte. Aber darüber haben wir bisher keine schriftlichen Zeugnisse, sondern nur Vermutungen. Auf alle Fälle muss Inanna sich in ihrem Lebensprozess mit Lilith auseinandersetzen. Es kann auch gut sein, dass sie sozusagen das Alter Ego der Inanna ist. Sie könnten sogar vielleicht Schwestern gewesen sein. Wir haben aber wenig Text darüber, insofern wissen wir nicht genau, wie Lilith im alten Sumer gesehen wurde. Vom Wort her hat sie ja mit Lil, also mit Wind zu tun. Wind ist immer geistig gemeint, dazu passt auch, dass sie als Vogel fliegt. Es ist sogar vollkommen natürlich. Alles, was wir als geistig, spirituell empfinden, drücken wir symbolisch  in Vogelform aus. Also der Wind, der Geist weht, wo er will und das wird im Symbol des Vogels dargestellt, klar, der ist dem Himmel am nächsten. Und wenn Lilith als Eule fliegt, sie hat ja die Eulen neben sich, dann verkörpert sie die große Weisheit der Göttin.

…gerade diese Eulenfiguren dienen oft  dazu, um den Zusammenhang von Lilith und Tod herzustellen.

Ja, die Beschäftigung mit dem Tod  wurde als ein Teil der Weisheit verstanden. Also wenn wir zum Beispiel die alten Mythen um Inanna sehen, dann gehört der Abstieg in die Unterwelt, also sprich, die Auseinandersetzung mit dem Tod, zu den Kräften der Weisheit dazu. Kein Mensch, kein Gott darf sich weise nennen, der diese Auseinandersetzung nicht geführt hat. Die Eule kann uns an die Weisheit, aber eben an die tiefgründige Weisheit erinnern, und bedeutet letztlich die Auseinandersetzung mit dem Tod, die dann in die Tiefe führt. Insofern ist es nur in einer Kultur, die den Tod ablehnt oder den Tod überwinden will, möglich, so eine Eulengestalt angsterregend zu interpretieren, weil sie ja auf das Verdrängte hinweist.

Du hast in deinem Lilith-Buch nach der Analyse der heutigen Darstellung  von Mythen die Formel aufgestellt: Lilith = Sex = Tod. Dagegen steht die Formel: Pan = Sex = Leben und Weisheit der Natur. Sind die Folgen dieses Schemas  bis heute gesellschaftlich wirksam?  Oder sind das wieder Fehlinterpretationen?

Naja, die Interpretation wäre ja zunächst mal, Lilith als Geistwesen zu sehen. Sie ist ja diejenige, die  den Geist in die Welt bringt. Deswegen wird sie ja auch mit der Göttin Holle bei uns identifiziert. Holle ist ja auch stürmisch, wenn sie in den Raunächten an die Fenster klopft. Eigentlich wäre Lilith der Heilige Geist, wenn man mal ganz forsch wäre. Aber das will man ja in unserer Kultur nicht sehen. Es gibt ja keinen solch forschen Heiligen Geist, selbst wenn der weiblich wäre. Die ganzen Versuche, den Heiligen Geist weiblich zu sehen, sind ja in unserer Tradition meistens gescheitert. Und da hätte man sich immer noch eher eine ruhige Sophia, aber keine quirlige Lilith gewünscht. Aber Lilith ist reiner Geist. Sie ist Lil und Lil ist Sturm und Drang und damit hat sie die geistige Komponente.

Aber dann hat sie noch den anderen Aspekt des Feuers. Gerade in der jüdischen Kabbala wird sie vom Nabel an abwärts zur Feuersäule, und sie hat das lodernde Schwert in der Hand, also sie ist in dem Sinne eine feurige Gestalt. Und Feuer und Luft sind ja die Elemente, die man heute eigentlich dem Männlichen zugeschrieben hat, auch und vor allem in der Astrologie; das sind dann aber wirklich gequälte Zuschreibungen. Also, es ist überhaupt nicht zu erkennen, warum Erde und Wasser weiblich und Luft und Feuer männlich sein sollten. Das sind vollkommen lose Zuordnungen. Weiblich und männlich sollten  mit allen Elementen verbunden sein.  Und in der antiken Mythologie sieht man, dass sie das auch sind, wenn in einer Göttin und einem Gott die Ambivalenz drin ist.

Wenn du Lilith als Heiligen Geist bezeichnest. Könnten wir sagen, dass Lilith den Muttergöttinnen der Schöpfungsmythen entspricht, wie z.B. bei den Navajos, bei denen es die Himmelseltern gibt? Also Lilith als Himmelsmutter? Oder sind wir dann in einem anderen Erdteil und das ist zu weit hergeholt?

Die Navajos haben eine sehr differenzierte Theologie und Mythologie, das wäre eine ganz eigene Geschichte. Man kann Lilith als Himmelskönigin sehen, im Grunde wie die Inanna auch. Und dass sie durch ihr feuriges Temperament und die roten Haare den kämpferischen Aspekt, aber auch den feurigen, engagierten Aspekt hat. Aber sie ist nicht so bezähmbar.

Du könntest in unserer Kultur nicht den geringsten Ansatz von Himmelseltern entdecken?

Nein, Lilith wird in der Kabbala ja zur weiblichen Seite Gottes und da wird sie der strafende Aspekt Gottes. Aber dann ist sie abhängig, sie agiert nicht eigenständig, sondern im Auftrag Gottes. Da ist sie ebenso ein Teil des männlichen Gottes, wie Eva ein Teil des männlichen Adam ist. Das ist für mich ja schon die Ursünde, das Weibliche zu einem Teil des Männlichen zu machen. Da fängt es ja schon an, und das ist unsere Kultur, in der leben wir.

Wie können wir diese Ursünde überwinden?

Indem wir uns an die Wurzeln der Weiblichkeit anschließen, zum Beispiel an diese kraftvolle Lilith-Gestalt. Und sagen, hier ist etwas entscheidend schief gelaufen, wir müssen uns nicht mehr in diese alten Muster einfügen, wo das Weibliche – auch symbolisch gesehen – zum Spielball männlicher Interessen wird, die dann auch noch theologisch überhöht und gerechtfertigt werden. Und wenn ich mit Lilith gehe, dann habe ich im Grunde alle Aspekte. Dann kann ich mit Lilith und Eva gehen und sagen, ich habe alle Aspekte des Weiblichen in mir, die feurigen-dynamischen Aspekte von Lilith, die geistvollen Aspekte von Lilith. Denn man hat den Frauen in unserer Kultur zeitweise den Geist ja sogar völlig abgesprochen, d.h. sie war dann nur noch Stoff. Also diese Dinge ins Bewusstsein heben und sagen, hier ist Handlungsbedarf und eben dann an die großen Göttinnen-Gestalten anschließen und sehen aha. Das wollen wir ja auch mit unserem Verein PolyThea e.V.  erreichen: die Göttinnen wieder ins Leben holen, die Vielfalt der Göttinnen wieder ins Leben holen, was ja dann auch wieder eine Vielfalt im Weiblichen bedeutet.

Welches ist deine Lieblingsmythologie?

Schwer zu sagen: am wesentlichsten ist mir Isis, wie sie über den Hellenismus zu uns gekommen ist. Sie ist die Göttin mit den vielen Namen und kann die Vielfalt automatisch in das Leben bringen. Sie ist ausgerechnet in Köln und Mainz verehrt worden, d.h. sie ist hier verehrt worden. Vieles haben wir Isis zu verdanken. Maria ist eine verkappte Isis, der man die Krallen gezogen hat. Maria fehlt der Kampfaspekt. Isis hat eine Art von Androgynität, die Maria nicht mehr erreicht. Isis ist die beeindruckende Allgöttin. Daneben steht mir auch die germanische Mythologien nahe: die Göttin Freya aus der nordischen Mythologie hatte ja unendlich viele Aspekte. In der Astrologie haben wir den sumerischen Inanna-Mythos, der ins astrologische Weltbild passt.  Aphrodite auch. Aber letztlich gehen Aphrodite und Inanna zusammen in Isis auf.

Was verabscheust du am meisten?

Unaufrichtigkeit.

Dein Lebensmotto?

Hab ich keins. Hab ich noch nie drüber nachgedacht. Vielleicht fällt es mir nur nicht ein.

 

 

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Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

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Barbara Fischer Reitzer.