Veränderung der Normalität durch Genderkompetenz

Autorin: 

Barbara Degen, feministische Juristin, Bonn

Konrads Methode ist die Videoanalyse. Sie hält sie für besonders geeignet, weil sie Datenerhebungen, Interaktionen und Erziehungskonzepte gut sichtbar machen kann und zugleich ein Instrument der Dokumentation von Forschungsvorhaben und ihren Ergebnissen ist. Gender hält die Autorin nicht allein durch Begriffsdiskussionen und Kategorisierungen für erklärbar. Sie geht vielmehr davon aus, dass Gender ein nicht abgeschlossenes Konzept ist, sondern sich im Laufe der Geschichte immer wieder verflüssigt, sich als historisch geworden und wandelbar erweist (Ilse Konrad, Geschlecht und Gender im Geschichtsunterricht, Eine intersektionale Analyse professionellen Wissens und Handelns von Lehrkräften, Opladen Berlin Toronto 2018, S.98). Ein Hauptaspekt von Genderkompetenz stelle die Fähigkeit und Bereitschaft zur (Selbst)reflexivität dar (ebd. S. 132). Aus der Beobachtung des Unterrichts einiger Lehrkräfte entwickelt sie weitergehende Fragen: Herr Ludwig behandelt im Geschichtsunterricht en passant das Thema sexuelle Orientierung und greift ebenfalls im Interview Homophobie beziehungsweise Schwulenfeindlichkeit auf. Gibt es weitere Unterrichtsstunden, die auf homosexuelle Lebensformen Bezug nehmen? Wird Sexualität und sexuelle Vielfalt in anderen Stunden des Geschichtsunterrichts verhandelt und wenn ja in welchen Hinsichten? (ebd. S.221). Sie stellt bei ihrer Untersuchung fest, dass Frauen im Geschichtsunterricht nicht oder kaum vorkommen. Sie beobachtet auch starre Rollenvorgaben für Frauen und Mädchen (ebd. S. 232 ff.). Für alle Beteiligte, SchülerInnen und LehrerInnen ist Sexualität und sexuelle Vielfalt offensichtlich ein schwieriges Thema (ebd. S.237 ff.) und hänge eng mit den tendenziell immer normativen Prägungen von Geschlecht und Sexualität  zusammen. (ebd. S. 294).

Diese Prägungen  führten zwangsläufig  immer wieder zu tiefen Widersprüchen, wie z.B. meiner eigenen Frage als Leserin: Wie lässt sich Homosexualität überhaupt im Unterricht behandeln, wenn weibliche Homosexualität ausgeklammert wird, weil kein frauengeschichtlicher Ansatz (mit)gedacht wird? Es ist der große Vorzug der Untersuchung von Ilse Konrad, dass sie weiterführende Fragen wie zwischen gemeinsamen und differenten Positionen und die Wichtigkeit der Geschlechterfrage mit ihrem wissenschaftlichen Werkzeug der Videoanalyse sichtbarer und nachvollziehbarer macht.

Ilse Konrads Untersuchung verknüpft ihr Forschungsinteresse mit eigenen Methoden und inhaltlich mit gründlichen Literaturanalysen und Antworten, die auch nicht wissenschaftlich geschulte LeserInnen mit Gewinn in ihre Praxis und theoretische Positionen integrieren können. Die brennende Frage von Jugendlichen nach einer demokratischen  Kultur sexueller Vielfalt erweist sich dabei als eine Schlüsselfrage.

Ilse Konrad, Geschlecht und Gender im Geschichtsunterricht, Eine intersektionale Analyse professionellen Wissens und Handelns von Lehrkräften, Opladen Berlin Toronto 2018, 324 S., 39,90 EURO

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Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

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Barbara Fischer Reitzer.