Unter uns.... im Frauenhaus

Autorin: 

Ulrike Nimz, Süddeutsche Zeitung

Die Familie trifft sich dort, wo Deutschland grün und bergig ist. Der Frühling fühlt sich schon an wie Sommer, und die Festgesellschaft ist ausgelassen. So als würde das Leben beginnen und nicht enden. Sie habe ein Kleid getragen und gefroren, erinnert sich Adrijana, obwohl draußen fast zwanzig Grad herrschten. Elf Jahre alt ist sie an jenem Tag im März, gefeiert wird eine serbische Hochzeit - Adrijanas Hochzeit mit einem Dreizehnjährigen. "Er ist hässlich", denkt sie, als sie ihn das erste Mal sieht. Wie eine Schülerin, die mit einem neuen Sitznachbarn klarkommen muss. Nur dass sie mit diesem Jungen nicht die Schulbank teilen soll, sondern das Leben und das Bett. Die Eltern haben ihr Jawort gegeben und Adrijanas Vater viel Geld. Nach der Hochzeitsnacht ist das Laken rot vom Blut seiner Tochter. Mit zwölf bekommt Adrijana ihr erstes Kind. Mit 18 flieht sie vor den Schlägen ihres Ehemannes.

Fünfundzwanzig Jahre später sitzt die Frau, die nur in diesem Text Adrijana heißt, an einem Holztisch, vor sich eine Kaffeetasse und eine Schale Würfelzucker. Sie hätte sich gern an einem Ort getroffen, wo es heimeliger ist als hier. Ihre Geschichte ist lang, und es schmerzt, sie zu erzählen. Ein Daheim aber hat Adrijana nicht. Seit einem halben Jahr lebt sie im Frauenhaus. Zwei gibt es in Köln, eines links und eines rechts des Rheins, unauffällige Fassaden, keine Namensschilder. 20 Frauen und 27 Kinder können in Zimmern unterkommen, in die kaum mehr als ein Bett passt. Küche und Bad müssen sich die Bewohnerinnen teilen. Das ist übrig geblieben vom Kommunengedanken der Siebziger.

Vor 40 Jahren öffnete das Haus. Heute gibt es zwei in Köln, und auch das reicht nicht aus.

Damals stürmen Studentinnen in Köln ein Haus, dem der Abriss droht, und öffnen die Tür nur noch für Frauen, die ausgerissen sind. Wenige Wochen nachdem in West-Berlin das erste autonome Frauenhaus entstanden ist, hat nun auch Köln eine Zuflucht für geschlagene Frauen. Darum soll es gehen in dieser Geschichte: um die Frauenbewegung und ihren Kampf gegen häusliche Gewalt. Um die Frage, ob sich etwas geändert hat in den vergangenen 40 Jahren. Dass die Geschichte in Köln spielt und nicht in Berlin, liegt auch an der Silvesternacht und den mehr als 1000 Anzeigen, die seither eingegangen sind. Viel ist gesagt und geschrieben worden über Machokultur und den Nordafrikaner an sich. Wenig geredet worden ist zuletzt über Frauen wie Adrijana und das, was sie so erleben - an Silvester und den anderen 364 Tagen im Jahr.

Köln-Klettenberg, im Südwesten der Stadt. Hier wohnen überdurchschnittlich viele Frauen und Singles. Es gibt einen Rosengarten, ein Seniorenheim und viel Ruhe. Hier zieht hin, wer spürt, dass die Zeit der Hausbesetzungen vorbei ist. Maria Mies, 85, sitzt in ihrem Sessel und knackt Walnüsse. Auf der Wohnzimmerkommode hinter ihr drängen sich kugelige Gestalten aus Ton, mit ausladenden Hüften und großen Brüsten. Sie nennt das ihren Altar des Matriarchats. 22 Jahre lang war Maria Mies Professorin für Soziologie an der Fachhochschule Köln. Wenn sie spricht, beugt sie sich vor und legt die Hände auf die Knie. Das sieht dann aus, als wolle sie gleich aufbrechen.

So wie im Sommer 1976, als sie ein ganzes Seminar aufgewiegelt hat mit Texten zum frühen Feminismus: Zetkin, Butler, Luxemburg - das Patriarchat muss weg und ein Schutzraum für unterdrückte Frauen her. In der Kölner Fußgängerzone startet die "Aktion prügelnde Männer". An einem verkaufsoffenen Sonntag sammeln die Studentinnen um Maria Mies mehr als 2000 Unterschriften für ein Frauenhaus. Später gründen sie den Verein "Frauen helfen Frauen". Bläck Fööss und Ina Deter rumpeln sich durch ein Spendenkonzert in der Kölner Flora - Muzepuckel, Affjebröhte, neue Männer braucht das Land - doch die Stadt sagt: überflüssig. In einer Schubkarre könne man sie wegfahren, die wenigen gewalttätigen Männer. Das Zitat wird dem damaligen Kölner Sozialdezernenten Hans Erich Körner zugeschrieben. Aber als der Winter kommt, kann die Stadt ein Haus nicht abreißen, weil drinnen Frauen versuchen, neu anzufangen.

1976, das ist auch das Jahr, in dem der Kölner Stadtanzeiger eine Serie über unverheiratete Kölnerinnen bringt, weil das ein gewagter Lebensentwurf ist. Frauen, die eine Abtreibung wollen, aber keine Strafe, müssen bis nach Holland fahren. Eine Vergewaltigung ist noch "erzwungener außerehelicher Beischlaf" und eine Professorin wie Maria Mies selten. Professorinnen sind selten.

Es ist nur ein Rollenspiel, aber wenn die Trainerin sagt, "Komm, hab dich nich so!", steigt der Puls.

Mies wächst mit elf Geschwistern unter Kleinbauern in der Eifel auf. Als Mädchen vom Dorf ist ihr klar, was sie mal wird: Sie wird Betten beziehen und Staub wischen unter den Stuckdecken der großen Stadt. Doch Mies hat Glück, sie kann eine Ausbildung zur Volksschullehrerin machen. In den frühen Sechzigern arbeitet sie als Lektorin am Goethe-Institut in Pune, promoviert später über die bescheidenen Lebensbedingungen indischer Frauen. Ihre Bücher sind klug und zornig und manchmal lustvoll unsachlich. Sie erzählen von der Ausbeutung der Frauen und dem Ungeheuer Globalisierung. Die Welt am Sonntag hat eines dieser Bücher rezensiert, die Autorin eine "geifernde Professorin" genannt. Mies nennt das ein Kompliment. Nach der Silvesternacht hat sie eine dreiseitige Rede geschrieben, die niemand drucken wollte. Nun hält sie die bei jeder Gelegenheit aus dem Stand.

Als die Raketen zum Jahreswechsel in den Himmel über Köln stiegen, sagt Maria Mies, erhellten sie nicht nur das Gedränge auf dem Bahnhofsvorplatz, sondern ein ganz anderes Problem. Es gebe ja nicht einmal eine Sprache für das, was da passiert sei. "Nötigung, sexueller Übergriff - nichts als abstrakte Begriffe. Wenn ein Mann einer Frau im Gedränge den Finger in den Körper schiebt, benutzen wir lieber ein verharmlosendes Wort."

Für Maria Mies ist nicht der Mann das Problem, die Gesellschaft ist es. Eine Gesellschaft, die es bei Straßenverkehrsdelikten gern genau und ungewollten Geschlechtsverkehr nicht so ernst nimmt. Es hat nicht lange gedauert, bis die Politik nach der Silvesternacht eine Verschärfung des Sexualstrafrechts ankündigte. Der aktuelle Entwurf stellt zwar das Grapschen an Po, Brust oder zwischen die Beine unter Strafe. Aber noch immer muss das Opfer beweisen, dass es sich gewehrt hat oder dazu nicht fähig war. Wenn doch alte Muster so leicht zu knacken wären wie die Schale einer Walnuss.

Der Geschirrspüler piept. Maria Mies' Ehemann wird ihn ausräumen, wenn er vom Einkaufen zurück ist. Verheiratet und glücklich sei sie - meistens -, aber nicht so dumm, von sich auf andere zu schließen. Woher kommt diese Hartnäckigkeit? Maria Mies und ihre Studentinnen haben nicht nur ein Frauenhaus erkämpft und rund um die Uhr bewacht. Sie haben mit den Frauen, die in der Anfangszeit Unterschlupf suchten, gesprochen, nächtelang. Die Protokolle gibt es noch.

Die Frauen damals heißen nicht Adrijana, sie heißen Gisela, Erika, Heike. Letztere, 24, redet von nichts anderem als den Händen ihres Freundes und den Zärtlichkeiten, zu denen sie imstande sind. Dieselben Hände rammen ihr eine leere Weinbrandflasche ins Gesicht. Sie stopfen ihr ein Foto ihres Bruders in die Vagina: "Mit dem haste auch gefickt." Da ist die Frau, 60, deren Namen Maria Mies vergessen hat, aber nicht diesen einen Satz: "Am schlimmsten war, wenn er sich nachts über mich stellte und mich anpinkelte."

Es gibt Ehen, in denen wird die Würde der Frau nicht bloß angetastet, sie wird zertrümmert. "Jahrelang hat das niemanden interessiert", sagt Maria Mies. "Wenn nun aber der Araber Hand anlegt, wird der deutsche Mann plötzlich zum Frauenrechtler, so als habe man ihm etwas weggenommen. Das ist es, was mich gestört hat, nach Silvester."

Nach Silvester lag an den Büdchen am Kölner Hauptbahnhof das Boulevardblatt Express aus. Ausnahmsweise grüßte kein neues schlüpfriges Detail aus dieser einen Nacht von der Titelseite, sondern ein entflohener Vergewaltiger mit schwarzem Balken über den Augen, der die Passanten daran erinnerte, dass die Deutschen das auch ganz gut können: Sex-Gangster sein. Und natürlich war die AfD vor den Bahnhof gezogen - Schulter an Schulter standen sie zu sechst hinter dem Banner mit dem roten Pfeil, aus dem das Satire-Portal Postillion mal einen Penis gephotoshopped hat, um zu illustrieren, dass die AfD sich vor allem aus Männern rekrutiert, die Interessen von Männern vertritt und von Männern gewählt wird. So standen sie dann da, im Nieselregen und verteidigten die Ehre der deutschen Frau mit Thesen irgendwo zwischen Kuckucksuhr und Ku-Klux-Klan. Seit dem Jahreswechsel, das hat Oberbürgermeisterin Henriette Reker in der vergangenen Woche beim traditionellen "Herrenessen" gesagt, gehen Risse durch die Stadt. Köln ist nicht mehr nur die Metropole am Rhein, die einmal im Jahr zum Mekka der Frohnaturen wird. Köln, das ist plötzlich ein Argument gegen die Willkommenskultur. "Ich lächle nicht mehr jeden an", sagt die Verkäuferin am Büdchen. Nicht nur die AfD hat Zulauf, Selbstverteidigungskurse für Frauen auch.

Wendo ist eine Art, sich zu wehren. In den Siebzigern waren Frauen nicht nur bereit, ihre Rechte durchzuboxen, sondern auch physisch zum Gegenschlag auszuholen - mit eigens entwickelten Techniken zur Selbstbehauptung. Wer die heute noch lernen will, muss nach Köln-Ehrenfeld fahren: viele Studenten, Frauen mit Kopftuch, Kneipen mit Sofas, aus denen man nur schwer wieder aufsteht. Durch einen verwilderten Garten geht es in eine Halle mit Holzparkett und Spiegelwand, vor der sonst Tanzgruppen ihre Körper justieren. Sabine Rasquin hängt sie mit einem Laken ab. Seit 17 Jahren unterrichtet sie Wendo, eine schmale Frau mit warmer Stimme. In den Wochen nach der Silvesternacht beantwortete sie fast täglich Medienanfragen, vom Billbecker Anzeiger bis zur BBC. Mittlerweile ist es ruhiger geworden. "Es hat mich genervt, wie alle hyperventilieren", sagt Rasquin. "Natürlich war das am Hauptbahnhof ein Exzess. Aber im Kleinen passiert so was jeden Tag."

Viele Frauen haben nun doppelt Angst. Vor ihren Männern und vor fahnenschwingenden Deutschen.

So was - das simulieren sie beim Wendo in Rollenspielen. Wenn Sabine Rasquin zum Mann wird, setzt sie eine gelbe Schirmmütze auf. Breitbeinig stakst sie auf die Kursteilnehmerinnen zu, greift sie am Handgelenk und grollt: "Komm, hab dich nich so!" Und obwohl das hier nicht der Kölner Hauptbahnhof ist, sondern ein Künstlerhinterhof, jagt so ein Geprolle den Puls hoch. Die Frauen brüllen Fuck you, nicht Hilfe. Sie treten, gezielt. Sie drehen sich aus Rasquins Klammergriff wie Hammerwerferinnen. Da ist Claudia, die Stadtführerin, die es leid ist, dass Männer den Arm um sie legen, wann immer ihnen danach ist. Da ist Samira, Perserin, die gerade ihren ersten Karneval erlebt hat, eingeklemmt zwischen Polyesterfröschen und Dorfpiraten.

Auch Samira lebte eine Zeit lang im Frauenhaus, wie viele Frauen, die Sabine Rasquin trainiert. Sie kommen herüber aus Chorweiler oder Ostheim. Von dort, wo die Kriminalität hoch ist und die Wohnungen in den Betonburgen günstig sind. Anfang des Jahres ist eine junge Türkin von ihrem Ex-Freund an der Stadtbahnhaltestelle erstochen worden. In Ossendorf wurde eine 29-Jährige von ihrem Ex-Freund getötet, als sie ihre Sachen aus seiner Wohnung holen wollte. Es gehört zu den bitteren Wahrheiten, dass ein Neuanfang für die Bewohnerinnen der Frauenhäuser oft bedeutet, in die Milieus zurückzukehren, aus denen sie geflohen sind.

Um die 350 Frauenhäuser gibt es in Deutschland, 62 fördert das Land Nordrhein-Westfalen. Das klingt wie eine gute Sache, nach einem gelösten Problem. Tatsächlich kann in Köln nur etwa jede zehnte Schutz suchende Frau aufgenommen werden. Seit Jahren fordern sie hier ein drittes Haus und mehr Personal. Doch die Stadt sagt: kein Geld. Die Frauen, die kommen, sind um die dreißig, haben Kinder, einen Migrationshintergrund, kein Einkommen, nur den Mut, zu fliehen. Unter ihnen viele Importbräute - Frauen ohne Deutschkenntnisse und soziale Beziehungen, die sich nicht ins Gästezimmer der Eltern zurückziehen und verleugnen lassen können, wenn er draußen steht, fleht oder droht. Seit der Silvesternacht haben viele dieser Frauen doppelt Angst. Vor ihren Männern und deren Familien, weil sie gewagt haben zu gehen. Und vor den fahnenschwingenden Deutschen, weil sie gewagt haben zu kommen.

Mehrere Frauen wollen für diese Geschichte von sich erzählen - wenn nicht herauskommt, wo sie vorher gelebt haben, wie sie aussehen, wie sie heißen. All diese Frauen sagen kurzfristig ab, rufen wieder an, sagen wieder ab. Am Ende ist es Adrijana, die als Elfjährige ein Hochzeitskleid trug, die zu einem Treffen bereit ist. An einem Nachmittag, zwischen zwei Aushilfsjobs. Adrijana stammt aus einer streng religiösen christlichen Familie, in der Gebote meist Verbote sind. Was ein Mädchen darf: verheiratet werden, sobald es seine Periode bekommt. Was ein Mädchen nicht darf: Widerworte geben, sich dem Ehemann verweigern, sich in eine Frau verlieben. Adrijana hat alle drei Regeln gebrochen.

Sie lernt Ivana kennen, Jahre nachdem sie aus der Wohnung geflohen ist, in der ihr gerade volljähriger Mann die Tür absperrte, wenn er ging und sie würgte, wenn er kam. Auch Ivana ist Serbin, mehrmals verheiratet worden und zu Hause rausgeflogen, weil sie sich weigerte, das Geld, das sie als Putzfrau verdiente, an die Familie durchzureichen. Sie schläft auf der Straße. Adrijana nimmt sie mit zu sich. Die Frauen werden Freundinnen, später ein Paar. "Wir dachten, es ist eine Phase", sagt Adrijana. Die Phase dauert jetzt sechs Jahre. Genauso lange werden beide von ihren Familien mit dem Tode bedroht.

Man kann doch keine ganze Familie einsperren, sagt Adrijana, Onkel, Bruder, Vater, Schwager.

Zum 40. Jahrestag des Kölner Frauenhauses haben sie einen Dokumentarfilm gedreht. Darin kommen Bewohnerinnen zu Wort. Viele sinken in sich zusammen, wenn sie erzählen. Pausen zwischen den Sätzen werden länger, so als fürchteten sie, dass ein falsches Wort dazu führt, dass er wieder mit einem Teppichmesser an der Wand unter der Treppe lehnt. Adrijana aber sitzt gerade, sie blickt einem direkt in die Augen, spricht von Einbrüchen und Überfällen auf offener Straße. Von blauen Flecken und durchwühlten Handtaschen. Von Polizisten, die nur die Schultern heben, als Ivanas Cousins drohen, die Frauen aufzuschlitzen wie die Polstermöbel in ihrer Wohnung. "Auf Serbisch klingt das noch viel hässlicher", sagt Adrijana und reibt sich die Hände wie jemand, der friert. Warum hat sie keine Anzeige erstattet?

Man kann doch keine ganze Familie einsperren, sagt sie - Onkel, Bruder, Vater, Schwager. Wenn sie kommen, fahren zehn Autos vor. Gewalt, das sagt die Statistik, droht einer Frau vor allem durch den Partner, von der eigenen Verwandtschaft, männlichen Bekannten, nicht durch Horden vor Hauptbahnhöfen. "Diese Familien beruhigen sich nie", sagt Adrijana. Was sie meint, ist, dass es Probleme gibt, die nur der Tod lösen kann. Und nur eine Sache, für die sich all das lohnt.

Liebe - das Wort hatten zwei Studentinnen nach der Silvesternacht mit weißer Tünche quer über die Kölner Domtreppe geschrieben. So als solle die Stadt sich wieder auf das besinnen, was wichtig ist. Es wird der Regen gewesen sein und eine allzu pflichtbewusste Stadtreinigung, der Schriftzug jedenfalls ist längst verblasst.

 

Quelle: http://www.sueddeutsche.de

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Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

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Barbara Fischer Reitzer.