Symbole des Weiblichen in unserer Kultur

Autorin: 

Anna Holub, Abenteuer Philosophie im Gespräch mit Vera Zingsem

Frau Zingsem, Sie haben einen polytheistischen Tempel gegründet. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Als ich vor Jahren an meiner Doktorarbeit arbeitete, ahnte ich, dass ich mein Lebensthema gefunden hatte, das mich nicht mehr loslassen würde. Das Thema lautete: „Bilder des Weiblichen in den Kulturen der Welt und ihr Einfluss auf die Ethik.“

 

Welche weibliche Gottheit hat Sie am stärksten beeindruckt?

Das war Isis, die Göttin mit den Tausend Namen. Sie ist die erste – und bisher einzigeUniversalgottheit der Geschichte. Der antike Dichter Apuleius sagte von ihr in seinem Roman „Der goldene Esel“ (2. Jh. n. Chr.), dass siedarin dem Vollmond ähnlich - „mit fraulichem Schein alle Religionen erleuchtet“, und das ist bis heute unerreicht geblieben.

 

Was verkörpert für Sie diese Göttin?

Sie ist bis heute ein Vorbild an Toleranz und Ausgewogenheit. Isis, zusammen mit ihrem Gatten Osiris, nahm alle Religionen der antiken Welt an ihr Herz, fand sich in sämtlichen Göttinnen der Erde wieder, ohne sich im Geringsten aufzwingen zu wollen. Nicht bekämpfen, schon gar nicht missionieren hieß die Devise, sondern annehmen und wiedererkennen, verstehen, was alle Religionen im Innersten zusammenhält. So kam Isis von Ägypten aus über die Griechen und Römer bis nach Mainz und Köln, nach Klagenfurt und Chartres, Paris und London. Überall wurden ihr große Tempel geweiht. Sie wurde sozusagen zur ersten paneuropäischen Gottheit, in der sich alle Kulturen der damaligen Welt wiederfinden konnten: „Una, quae est omnia“, so ihr weltberühmter Titel. Die All-Eine, die unter mancherlei Gestalt, vielfältigen Namen und verschiedensten Bräuchen auf der ganzen Erde Verehrung genoss.

 

Wie sehen Sie die Verbindung von Isis mit Osiris?

Ich nenne es gerne „Weltdeutung als Liebesgeschichte“. Es handelt sich um eine Religiosität, bei der ein liebendes, erwachsenes Paar auf Augenhöhe im Mittelpunkt der Verehrung steht, welches in der Vieldeutigkeit seiner symbolischen Bezüge Göttliches, Mensch und Natur in sich umgreift.

 

Ist das Weibliche in den Religionen verloren gegangen?

Mit dem aufkommenden Monotheismus – durch drei Religionen verankert – wurde „Mono“ Trumpf. Es gab nur noch eine Gottheit – eine männliche. Damit fing eine Unausgewogenheit an, die seither unsere Welt durchzieht.

Den weiblichen Part muss jetzt also eine menschliche „Frau“ übernehmen. Auch die Liebe zwischen den Geschlechtern befindet sich folglich im freien (Ver)Fall.

Im Judentum wird die alte Liebesgöttin Lilith verteufelt. Die christliche Kirche betrachtet Maria zwar als Mutter des Gottessohns, sie selbst ist aber keine Göttin, obwohl sie viele Göttinnenattribute aufweist. Im Johannesevangelium (Joh. 19, 27) wird sie sogar zum Sacheigentum (tà ídia) des Lieblingsjüngers Jesu und hat zu allem „Ja“ zu sagen. In der Gestalt der Pietà hält sie, wie einst Isis, den toten Geliebten auf den Knien, ohne jedoch wie Isis, die Macht zu haben, ihn wiederzuerwecken. Die einzige Form der Liebe, die wir kirchlich im Frau-Mann-Bereich auf der Symbolebene gelten lassen, ist die zwischen Mutter und Sohn. Maria mit dem Jesuskind auf dem Schoß findet sich überall – allerdings immer ohne Vater. Vielleicht muss man es so krass ausdrücken, um zu verstehen, was hier vor sich geht. Formen der Elternliebe, die fehlen, sind schnell aufgezählt, in ihrer Konsequenz aber noch lange nicht soziologisch und psychologisch durchdacht. Es gibt keine gefeierte Liebe zwischen Mutter und Tochter, wie sie etwa zwischen Demeter und Kore oder Freya und ihren Töchtern besteht. Auch die Liebe zwischen Vater und Sohn ist zwiespältig, bei einem Gottvater, der den eigenen Sohn ans Kreuz schlagen ließ.

Am allerwenigsten ist in unserer Kultur die Liebe zwischen Vater und Tochter symbolbildend geworden. Wo Isis noch ganz selbstverständlich sagen konnte: „Mich erzog mein Vater zum Wissen, ich bin seine geliebte leibliche Tochter“, finden wir nichts dergleichen in unserer Kultur. Sich einen eigenen Seitenaltar mit einem göttlichen Vater vorzustellen, der seine ebenso göttliche Tochter im Arm oder auf dem Schoß hält, verbietet sich geradezu. Die Folgen sind bis tief in unsere Psyche hinein spürbar.

 

Seit einem Jahr gibt es den ersten polytheistischen Göttinnentempel von Deutschland. Er wurde von Ihnen und PolyThea e. V., der sich für die Vielfalt der Göttinnen und Götter und geschlechtergerechte Visionen einsetzt, gegründet. Was erhoffen Sie sich dadurch?

Der Name soll an Isis erinnern, die „Panthea“, die Göttin mit den vielen Namen. Im Mittelpunkt unseres „Raumes für Göttinnenkultur“, wie wir ihn nennen, steht ein göttliches Paar, Isis und Osiris. Solch ein Paar ist das Tor zur Vielfalt. In diesem Raum haben entsprechend viele Religionen Platz – bis jetzt schon über 80 Exponate.

 

Was möchten Sie unseren Leser*innen zum Abschluss sagen?

Wo Polytheismus neu angesagt ist, geht es um Toleranz, Akzeptanz, Austausch und Kooperation, liebende Zuwendung anstelle von Alleinherrschafts- und Allmachtsfantasien, Damit erhält auch die Natur wieder ihren Platz im Göttlichen. Wir können Göttliches in seinem Sein mit unserem Verstand nicht erfassen. Halten wir es also mit den alten Ägyptern: Je vielfältiger wir Göttinnen und Götter sichtbar machen, um so mehr werden wir von ihrem Reichtum erkennen. Lassen wir ihnen wieder Spielraum, sich zu entfalten!

 

Literatur:

Caryad, Römer, Thomas, Zingsem, Vera: Wanderer am Himmel. Die Welt der Planeten in Astronomie und Mythologie, Heidelberg 2014

Zingsem, Vera: Der Himmel ist mein, die Erde ist mein. Göttinnen großer Kulturen im Wandel der Zeiten, Schalksmühle 2008

Dies.: Die Kölsche Göttin und ihr Karneval. Über die Ursprünge des rheinischen Karnevals in der Isis-Tradition, Schalksmühle 2015

 

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Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

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Barbara Fischer Reitzer.