Schwerpunkt Indonesien: Schreiben im Schatten der Geschichte

Autorin: 

Ayu Utami, Schriftstellerin

Was offiziell noch immer totgeschwiegen wird, spricht die Literatur an: das Leiden derjenigen, die Opfer der Kommunistenhatz von 1965 wurden.

Zur Zeit des Militärregimes waren September und Oktober in Indonesien nachgerade heilige Monate. Man erwartete den Beginn der Regenzeit. Das Gedenken an die kommunistischen Greueltaten rückte in den Vordergrund. Nein, nicht etwa die Greuel, welche den Kommunisten angetan wurdensondern die Ermordung von sechs Generälen der indonesischen Armee am 30. September 1965, die den Kommunisten angelastet wurde. Das Militär schlug umgehend zurück und begann das Land unter seine Kontrolle zu bringen; das war die Morgendämmerung seiner über dreissig Jahre währenden Herrschaft. Von jenem Zeitpunkt an wurden Kinder mit einem ganz auf die politischen Interessen General Suhartos zugeschnittenen Geschichtsverständnis indoktriniert.

Gehirnwäsche

Ich erinnere mich noch: Es regnete, und wir schauten einen Film über das Martyrium jener Generäle, die wir Helden der Revolution nannten. Der Film hiess «Der Verrat der kommunistischen ‹Bewegung 30. September›». Ich habe ihn mehr als zehnmal gesehen, kenne seine Dialoge und die Filmmusik auswendig; ich verliebte mich in einen der Märtyrer, einen hübschen jungen Leutnant, den Adjutanten eines der ermordeten Generäle. Die Mixtur aus Indoktrination, künstlerisch verpackter Propaganda und Schwärmerei für diesen gutaussehenden Helden machte aus mir ein Kind, das zu hundert Prozent von der Schlechtigkeit und Bosheit des Kommunismus überzeugt war. Erst als ich die zwanzig überschritten hatte, begann ich die Regierung kritischer zu sehen.

Die meisten indonesischen Autorinnen und Autoren, deren Werke anlässlich von Indonesiens Auftritt als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse in deutscher Übersetzung erscheinen, wuchsen unter dem Militärregime auf oder wurden erst in jener Zeit geboren. Sie sind alle auf irgendeine Weise von der damaligen Indoktrination geprägt. Einige fassten den Entschluss, sich dem Trauma – der blutigen Verfolgung der Kommunisten in den Jahren 1965/66 sowie ihrer zu Suhartos Zeiten systematischen und bis heute nicht überwundenen Diskriminierung – zuzuwenden und die offizielle Doktrin zu demontieren.

Schätzungsweise wurden damals mehr als eine halbe Million Menschen binnen eines halben Jahres massakriert; es ist das schwärzeste Blatt in der Geschichte Indonesiens. Eine weitere Million Menschen – auch hier ist man auf stark divergierende Schätzungen angewiesen – wurden gefoltert und ohne Gerichtsverfahren gefangen gehalten; bei der Entlassung kam ein entsprechender Vermerk in ihre Identitätspapiere, staatsbürgerliche Rechte blieben ihnen weitgehend vorenthalten. Bis heute, bis zum fünfzigsten Jahrestag jener Ereignisse, wurden die damaligen Menschenrechtsverletzungen weder formell als solche anerkannt noch sind Anstrengungen zur Wiedergutmachung unternommen worden, obwohl Indonesien seit der Reform von 1998 ein demokratischer Staat ist. Im Gegenteil, man scheint jene Zeit eher dem Vergessen anheimgeben zu wollen.

So hat der Fotograf Adrian Mulya – er trat unter anderem mit einer Porträtserie von damals als Kommunistinnen inhaftierten Frauen an die Öffentlichkeit – unlängst die abgelegene Insel Buru besucht, wo sich ein mehrere Camps umfassendes Konzentrationslager befand. Dabei stellte er fest, dass die berüchtigten Gefängnisbauten und mit ihnen die Erinnerungen an jene Zeit im Verschwinden begriffen sind. Die Lager sind zu normalen Dörfern geworden, die Bewohner der Insel wollen mit der Vergangenheit nichts mehr zu tun haben. Die Behörde hinderte Mulya diskret, aber unmissverständlich daran, die historischen Stätten aufzusuchen. Auf Java – der am dichtesten besiedelten Insel, die auch die meisten Todesopfer zählte – kommt es immer noch gelegentlich zu antikommunistischen Hetzkampagnen, insbesondere im September, als wollte man die Rituale der Vergangenheit wiederaufleben lassen.

Joshua Oppenheimers Dokumentarfilme «The Act of Killing» und «The Look of Silence» zeigen, wie unerbittlich der Blick auf die Wunden von 1965/66 verweigert wird. «Mass Grave», eine Arbeit des jungen indonesischen Dokumentarfilmers Lexy Rambadeta, erzählt vom erbitterten Widerstand gegen das Vorhaben, die sterblichen Überreste von Opfern der Massentötungen auf einen ordentlichen Friedhof umzubetten. Noch Jahrzehnte nach ihrem Tod stösst die Gesellschaft die Ermordeten von sich.

Literatur als historische Quelle

Auf diesem Hintergrund wird die Bedeutung der kontinuierlichen Auseinandersetzung mit jener Zeit evident, welche die indonesische Literatur leistet. Oberflächlich betrachtet, scheint es, als ob derzeit vor allem Schriftstellerinnen dieses Gebiet dominierten: Leila Chudoris Roman «Pulang», Laksmi Pamuntiaks «Alle Farben Rot» und mein «Larung» zählen zu den anlässlich der Buchmesse ins Deutsche übersetzten Romanen, welche die Kommunistenverfolgung direkt oder indirekt thematisieren.

In Indonesien sind diese Bücher nach 2000, also nach der Wende zur Demokratie, erschienen. Aber die Literaturschaffenden befassen sich faktisch schon seit Jahrzehnten mit den Ereignissen der sechziger Jahre; eine erste Welle von Publikationen kam schon in den frühen Siebzigern. Wir können bei Umar Kayams Erzählungen «Bawuk» und «Sri Sumarah» anfangen. Beide Titel sind Frauennamen und verweisen auf die Protagonistinnen der zwei Erzählungen: normale, traditionsgebundene Javanerinnen, die Opfer werden und sich in dieses Schicksal finden müssen. Der Schriftsteller lehrte damals an der Gadjah Mada University in Yogyakarta.

Ich erlebte die Literatur zur Zeit des Militärregimes als wichtige alternative Geschichtsquelle. Es gab noch kein Internet. Die Information unterlag strenger Kontrolle. Von Kind auf indoktriniert, wie ich war, wurden meine Augen erst durch Umar Kayams Erzählungen für die dunkle Seite von Indonesiens Geschichte geöffnet, obwohl diese Texte in den Neunzigern, als ich sie las, schon bald zwanzig Jahre zurückdatierten. Diese Erfahrung machte mir auch bewusst, wie wichtig Literatur sein kann. Sie bewahrt Erinnerungen. Und Erinnerungen sind mehr als nur Daten und Information; sie sind mit Gefühlen und Bedeutung gesättigt. Die Kunstform der Literatur erlaubt es, Erinnerung zu fassen und zu erhalten; sie macht es ihr möglich, durch die Zeit zu reisen und ihren Weg – im glücklichen Fall – vorbei an der Zensur und der Indifferenz der Öffentlichkeit zu finden.

Umar Kayam hatte drei Jahre gebraucht, bis er sein Thema literarisch umsetzen konnte; es dauerte weitere zwanzig Jahre, bis die Geschichten bei mir ankamen. Es war eigentlich nur konsequent, dass ich zur Überzeugung kam, dasselbe tun zu müssen. Ich wollte der Erinnerung an Unbewältigtes, an vergessene und ihrer Rechte beraubte Opfer, an die verdrängte dunkle Seite Indonesiens künstlerisch Gestalt geben, in der Hoffnung, dass sich das Land dieser Schuld eines Tages stellen wird.

Tiefsitzendes Ressentiment

Der politische und gesellschaftliche Widerstand gegen eine offizielle Aufarbeitung der Ereignisse von 1965/66 ist erstaunlich heftig. Das Ressentiment gegen die Kommunisten scheint in der nationalen Psyche tiefe Wurzeln geschlagen zu haben. Obwohl viele Literaturschaffende zur Zeit des Militärregimes durchaus Mitgefühl für die Opfer der Kommunistenhatz zum Ausdruck brachten, hat keiner von ihnen die Kommunistische Partei Indonesiens (PKI) in einem positiven Licht gezeigt. Ahmad Toharis in mehrere Sprachen übersetzte Trilogie «Dukuh Paruk» (der erste Band liegt unter dem Titel «Die Tänzerin von Dukuh Paruk» auf Deutsch vor) erzählt von unschuldigen Dorfbewohnern, die Opfer der Umtriebe eines ehrgeizigen kommunistischen Agitators werden. Auch in Werken anderer Autoren werden Mitglieder der PKI meist als Ränkeschmiede dargestellt. Die Protagonisten dagegen sind durchweg Opfer kommunistischer Intrigen oder der Willkür des Militärs – oder gleich beider Seiten.

Natürlich begreift man, dass Autoren und Verleger unter dem Militärregime jedes positive Wort über die Kommunistische Partei peinlichst vermieden: Kommunismus war (und ist!) in Indonesien verboten. Diesem Gesetz wurde in der Vergangenheit strikte Nachachtung verschafft; die demokratische Regierung wendet es zwar nicht mehr an, hat es aber auch nie annulliert, so dass antikommunistische Bewegungen, die häufig recht ruppig agieren, darin Legitimierung und moralischen Rückhalt finden.

Meiner Ansicht nach ist die kritische Haltung der Literaturschaffenden gegenüber dem Kommunismus aber nicht nur durch Selbstzensur, sondern auch durch eigene Überzeugungen bedingt. Seit den 1970er Jahren, als die literarische Auseinandersetzung mit der Kommunistenverfolgung begann, ist zunehmend klargeworden, dass unter kommunistischen Regimen die Menschenrechte zum Teil noch schlimmer mit Füssen getreten wurden als in Indonesien. Der Zerfall der Sowjetunion, das Scheitern Kubas, der Irrwitz Nordkoreas – das waren gewiss keine Anreize, den Kommunismus öffentlich zu propagieren. So übten Indonesiens Literaturschaffende am Kommunismus wie auch am Militarismus Kritik; sie fokussierten auf die schuldlosen Opfer, weil deren Schicksal die eigentliche Essenz der Tragödie war. Dadurch führen sie ihren Lesern die Geschichte in Bildern und Varianten vor Augen, die sich von der offiziellen Lesart unterscheiden.

Indonesiens Militärregime hielt sich 32 Jahre, von 1966 bis 1998, an der Macht. Es war eine Zeit wirtschaftlichen Wachstums und politischer Stabilität, aber sie hatte ihren Preis – und den bezahlten auch die Opfer von Landenteignungen und von grossen Militäroperationen wie denjenigen in Westneuguinea oder in Osttimor, die linken und islamistischen Aktivisten, die bedrängten oppositionellen Bewegungen. Zusammen mit den ermordeten und verfolgten Kommunisten bilden sie die lange Reihe der Opfer, welche die Menschenrechtsverletzungen des Suharto-Regimes forderten.

Jene Zeit lehrte uns auch den Glauben an die Parole: «Wenn der Journalismus schweigen muss, ist es an der Literatur zu sprechen.» Als einer der engagiertesten Schriftsteller-Journalisten profilierte sich Seno Gumira Ajidarma: Er wählte oft surrealistische Darstellungsformen, um die Greuel der Militärherrschaft zu exponieren – ein künstlerischer Ansatz und zugleich eine Strategie, um der Zensur zu entgehen. Ajidarma hat nicht über die Kommunistenverfolgung geschrieben, aber er setzte sich mit den jüngeren brutalen Übergriffen des Staats auseinander.

Lust auf Gefälliges

Daneben gibt es in der vielfältigen Literaturszene Indonesiens natürlich auch Autorinnen und Autoren, die heisse politische Themen und kritische Positionsbezüge meiden; es gibt Bücher, die ideologisch mit dem Strom schwimmen oder den Wünschen des Publikums entgegenkommen. Aber es gab immer auch eine literarische Strömung, die dem Ungehörten eine Stimme geben will.

Die Frage ist nun: Was ist dieses Ungehörte in Zeiten der Demokratie? Seit Suhartos Sturz sind Medien und Verlagswesen weitestgehend aus dem Griff des Staats entlassen. Aber unglücklicherweise, so fürchte ich, wird das Interesse für die Opfer und die ihrer Stimme Beraubten durch die Lust auf Gefälligeres verdrängt. Seit dem Erscheinen von Andrea Hiratas «Die Regenbogentruppe» wird der indonesische Buchmarkt von fiktiven und realen Erfolgsgeschichten dominiert – ein Trend, der nach wie vor anhält.

Aber auch wenn die literarische Auseinandersetzung mit den Ereignissen von 1965/66 nie zum Publikumserfolg avancierte – im Kreis der ernstzunehmenden Schriftsteller wird sie doch kontinuierlich betrieben. Und da die Belletristik den dritten Rang in der Verkaufsstatistik des indonesischen Buchhandels einnimmt (Schulbücher und religiöse Werke belegen die Plätze eins und zwei), besteht immerhin Hoffnung, dass auch Romane und Kurzgeschichten dazu beitragen können, gewisse Themen ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu heben.

Die Herausforderung für die Autoren, welche die Erinnerung an die Opfer der Kommunistenverfolgung weitertragen wollen, hat sich allerdings gewandelt. Gestern war man mit staatlicher Zensur konfrontiert; heute ist es die Konkurrenz der Themen, die sich grösserer Publikumsgunst erfreuen. Jede Autorin, jeder Autor wählt eigene Strategien im Umgang mit dieser Aufgabe. Laksmi Pamuntjak und Leila Chudori richten den Fokus direkt auf die damaligen Ereignisse und sondieren in die Tiefe. Meine Strategie ist anders: Ich streue die historischen Schlaglichter über verschiedene Romane; statt das Thema zu vertiefen, lasse ich es eher wie einen beklemmenden, finsteren Traum erscheinen, dem man nicht entrinnen kann. Ein Stachel im Fleisch. Ein Gespenst, das immer wiederkehrt.

Ein Janusgesicht

Die Sache ist verteufelt. Ich erinnere mich an die Differenziertheit der Erzählungen Umar Kayams, die mir die Augen für die Vergangenheit meines Landes öffneten. Aber derselbe Umar Kayam trat auch – in der Rolle des Präsidenten Sukarno – in jenem Propagandafilm über das Martyrium der Generäle auf, den ich so häufig sah und dessen Lieder ich bis heute auswendig kann.

Ich erinnere mich, wie gross die Hoffnung nach der demokratischen Wende von 1998 war, dass Indonesien den Weg der Versöhnung beschreiten würde: Südafrika hatte es schliesslich vorgemacht. Doch bei uns beginnt dieser Wunsch angesichts der Realität allmählich zu verblassen. Museen und Gedenkstätten, wie sie für die Opfer der Nazis errichtet wurden, dürfte es bei uns so bald nicht geben. Und solange die Erinnerung sich nicht anderweitig materialisieren darf, muss sie durch die Literatur lebendig gehalten und weitergereicht werden.

 

Quelle: NZ am 9.10.2015 http://www.nzz.ch/frankfurter-buchmesse/schreiben-im-schatten-der-geschi...

Aktuelle Beiträge

Meistgelesen

Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

Kontakt

Barbara Fischer Reitzer.