Piratinnen und Freibeuterinnen der Weltmeere - Karibik

Autorin: 

Alexander Krist, Haus der FrauenGeschichte Bonn

Die berühmtesten Piratinnen der Geschichte sind Anne Bonny (1698-1782) und Mary Read (gest. 1721), die 1719/20 in der Karibik aktiv waren. Anne Cormac, Tochter eines reichen Plantagenbesitzers in South Carolina, hatte gegen den Willen ihres Vaters den mittellosen Seemann James Bonny geheiratet und war mit ihm auf die Bahamas durchgebrannt, bis 1718 das Zentrum der karibischen Piraterie. Der neue Gouverneur Rogers hatte eine Amnestie mitgebracht, die nahezu widerstandslos akzeptiert wurde, und mühte sich seitdem redlich und unbestechlich, eine Zivilgesellschaft aufzubauen – was nur langsam vonstatten ging, zumal London ihm völlig freie Hand ließ unter der Bedingung, dass es nichts kostete. Die Bonnys kamen auf keinen grünen Zweig und entfremdeten sich; Annebegann eine Affäre mit dem begnadigten Piratenkapitän „Calico Jack“ Rackam. Als dieser schließlich doch wieder auf Kaperfahrt ging, begleitete Anne ihn kurzerhand in Männerkleidung.

Auf Kuba, wo Rackam einen Schlupfwinkel hatte, machte er nach einiger Zeit Station, um die schwangere Anne abzusetzen; sie brachte dort einen Sohn zur Welt, schloss sich aber bald wieder Rackam zu seinen Raubzügen an. Eines Tages enterten sie ein holländisches Schiff, auf dem ein englischer Matrose fuhr, der sich ihnen anschloss: eine Frau namens Mary Read.

Mary war eine jener in der frühen Neuzeit nicht ganz seltenen Frauen, die sich als Mann verkleidet durchs Leben schlugen, meist aus wirtschaftlicher Not.Seit dem 16. Jahrhundert wurden selbständige Frauen zunehmend aus Handel und Gewerbe verdrängt, gleichzeitig verschwanden im Zuge der Reformation vielerorts die Klöster, die zuvor eine Alternative zu Ehe und Familie geboten hatten. Für mittellose alleinstehende junge Frauen war das Leben als Mann nun oft die einzige Alternative zu Prostitution und Kriminalität, und vor allem Seefahrt und Armee boten die Möglichkeit, unterzutauchen und eine neue Identität anzunehmen.

Im November 1720 wurde Rackams Schiff von einem Piratenjäger im Dienst des Gouverneurs von Jamaika gestellt. Nach kurzem Gefecht, in dem nur die beiden Frauen und ein weiterer Pirat ernsthaft Widerstand leisteten, weil die übrigen zu betrunken waren, wurde die ganze Bande nach Jamaika gebracht. Dass, wie oft behauptet wird, das Geschlecht der beiden Frauen erst am Ende ihres Prozesses bekannt geworden wäre, ist unrichtig, das Verfahren gegen Anne und Mary wurde gleich zu Beginn abgetrennt; die meisten Männer wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet. Marys Geliebter, ein von Rackam zwangsrekrutierter holländischer Segelmacher, wurde freigesprochen, damit verliert sich seine Spur. Es heißt, Rackam habe als letzten Wunsch geäußert, noch einmal mit Anne sprechen zu dürfen; sie aber habe ihm gesagt, hätte er gekämpft wie ein Mann, bräuchte er nicht zu hängen wie ein Hund.

Zehn Tage später wurden auch Anne und Mary zum Tode verurteilt, erklärten daraufhin aber beide, schwanger zu sein. Eine eilig angeordnete Untersuchung bestätigte dies. Die Hinrichtungen wurden aufgeschoben; Mary, für die eine Begnadigung im Gespräch war, erkrankte jedoch im Gefängnis an einem Fieber und starb wohl noch vor der Geburt ihres Kindes. Was aus Anne wurde, war lange unklar; erst seit kurzem sind Quellen bekannt, aus denen hervorgeht, dass ihr Vater sie aus der Haft freikaufte und zurück nach South Carolina brachte. Dort heiratete sie im Dezember 1721 einen angesehenen Bürger, der ihre Kinder von Rackam adoptierte (das erste hatte ihr Vater auf Kuba aufgespürt). Sie brachte acht weitere Kinder zur Welt und starb mit vierundachtzig Jahren als angesehene Frau – zweifellos eine erfolgreiche Resozialisierung, aber ein bisschen enttäuschend, wenn man ihre Geschichte nur aus den zahllosen romantisierenden Bearbeitungen kennt.

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Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

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Barbara Fischer Reitzer.