Katharina und die Stimmen

Autorin: 

Barbara Fischer

Katharina ist zwölf Jahre alt und neugierig. Sie hat viele Fragen: warum klingen viele menschliche Stimmen nicht so schön und harmonisch wie in der Oper? Warum reden die Erwachsenen manchmal so, dass es ihren Widerspruchsgeist weckt? Warum können Tiere in Märchen sprechen? Als ihre Tante Mechthild krank und in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wird, hat sie neue Fragen: Warum hören manche Menschen stimmen, wenn sie krank sind? Was sind das für Stimmen und was bedeuten sie? Ein Märchenprojekt in der Schule führt Katharina zu einer Antwort, für die sie tief in die deutsche Vergangenheit der NS-Zeit und in die eigene Familiengeschichte eintauchen muss.

Barbara Degen hat mit Katharina und die Stimmen ein Buch geschrieben zu einem Thema, von dem die meisten von uns sagen würden: ach ja, kenn ich.

Doch ihre Recherchen zur Euthanasie im Dritten Reich decken Details auf, die nur Wenigen bekannt sein dürften. Trotz des grausigen Grundthemas, wäre das Buch eine Decke, sie wäre bunt - mit dunklen Einsprengseln, die das Ganze erst vollenden.

Denn ihre Fantasie webt einen so ausdrucksstarken Stoff, der das Schreckliche nicht banal, sondern vor dem historischen Hintergrund zwangsläufig erscheinen lässt. Dort ist der Punkt des gesamten Entmenschlichungsprozesses bereits so weit überschritten, dass die Einzelne nur noch die Wahl zwischen dem eigenen Leben und dem anderer hat.  Nichts wird trivialisiert und der anklagende Zeigefinger ist oft in die Luft gerichtet, nicht auf Personen, die überleben mussten.

Geschrieben kommt die Geschichte wohltuend leichtfüßig daher, wenn man bedenkt, dass über die systematische Ermordung Schutzbefohlener geschrieben wird. Man schwankt, ist die Rahmenhandlung die eigentliche Erzählung oder sind es die collagenhaft eingebauten Tagebuchaufzeichnungen. Erst zusammen ergeben sie jenes wuchtvolle Bild, dass die Vergangenheit mit der Gegenwart verschränkt darstellt und Geschichte so lebendig werden lässt, dass klar wird, wie dringend wir heute den Punkt des Umkippens meiden müssen, wenn einzelne, demokratische Entscheidungen in systembedingte Zwänge münden.

Barbara Degen verwebt drei Erzählstränge miteinander. Das Hier und Heute, verkörpert in der Figur eines Teenagers, die ihre Tante in der Psychiatrie besucht; die Macht der Fantasie und Märchen sowie die Erinnerungen einer Zeitzeugin. In diesem Szenario werden die Bilder von Opfern und Tätern der NS-Zeit differenziert ausgeleuchtet, Grenzen verschwimmen und auch im größten Gräuel scheint die positive Seite des Menschen durch. Eine Antwort auf die Frage: was ist zu tun, um nie wieder solcherart dunkle Flecken in eine bunte Decke namens Leben und Demokratie weben zu müssen, gibt das Buch nicht. Aber jede Menge Gelegenheit, darüber nachzudenken und Schlüsse für das eigene Handeln zu ziehen.

Barbara Degen: Katharina und die Stimmen. VAS-Verlag für akademische Schriften 2017, 14.80 Euro

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Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

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Barbara Fischer Reitzer.