Internationale Feministische Frauenkarawane

Autorin: 

Trude Menrath und Ulrike Braun, feministische Aktivistinnen

Am 6. März um 2 Uhr nachts kamen wir zu neunt, drei Frauen aus der BRD und 6 Frauen aus dem Baskenland in Diyarbakir/Amed in der Osttürkei an (Amed ist der kurdische Name). Wir wurden von zwei kurdischen Frauen mit einem Minibus empfangen und konnten uns in Privatwohnungen ein wenig ausruhen. Um 6 Uhr morgens wurden wir wieder abgeholt, um nach Nusaybin/Nisebin an der Grenze zu Syrien zu fahren.

Dort fand ab 9 Uhr morgens bei strahlend blauen Himmel und wärmender Sonne ein Fest zum 8.März statt. Rund um das Kulturzentrum der Stadt wurden wir mit Musik und (Kreis)-Tanz, von Hunderte von Mädchen und Frauen jeden Alters empfangenAuffallend waren die stolze Haltung und Entschlossenheit der kurdischen Frauen.

Die türkische Koordination des Weltfrauenmarsches, die ein Netzwerk von unterschiedlichen Frauenorganisationen repräsentiert, in Kurdistan die Kurdische Frauenorganisationen KJA, hatte die Karawane für ihren Auftakt nach Nusaybin eingeladen. An der Grenze zu Syrien wollten wir gegen den Terror des IS demonstrieren und internationale Solidarität mit den Kämpfen der kurdischen Frauen auf beiden Seiten der Grenze auszudrücken.

Wir wurden immer wieder persönlich herzlich begrüßt und willkommen geheißen, darunter kurdische Frauen, die in Deutschland leben oder lebten. Auch von der Bürgermeisterin von Nisebin, von der kurdischen Partei HDP, die sich, wie das Programm der Partei vorsieht, ihr Amt mit einem männlichen Kollegen teilt. Wir Aktivistinnen des Weltfrauenmarschs waren insgesamt ca. 50 FrauenLesben aus Griechenland, Portugal, Frankreich, Serbien, Katalonien, Baskenland, BRD und der Türkei.

Drinnen fanden Veranstaltungen zu unterschiedlichen Themen, z.B. zu Ökologie, Demokratisierungsprozessen in Rojava, Jineologie, Frauen und Arbeit und Gewalt an Frauen statt. Es wurde jeweils simultan übersetzt zwischen Kurdisch, Türkisch, Englisch, Spanisch und Französisch. Vielen Frauen war der Gebrauch von Kopfhörern wohl zu fremd (oder hatten sie keinen Personalausweis dabei als Pfand?), und so verstanden sie das Gesagte nicht immer.

Wir waren sehr kurzfristig angefragt worden, auf einem der Podien etwas zu den ökologischen Bewegungen in der BRD zu sagen. Die Veranstaltung wurde mit einem Film über die Revolution in Rojava und die kurdische Frauenbewegung begonnen. Auch der Führer der PKK Öcalan kam in dem Film zur Frauenbefreiung zu Wort, worauf viele der kurdischen Frauen aufsprangen, heftig applaudierten und Parolen riefen. Uns befremdete das sehr, sowie auch die Portraits von ihm, die neben den Bilder von kämpfenden Frauen bei allen Aktivitäten dabei waren. Auch äußerte sich der Film nicht zu ökologischen Fragen.

Nach einem recht akademischen Beitrag zu feministischer Stadt- und Landschaftsplanung, sprachen wir über ökologische Kämpfe in der BRD, Anti-AKW; 'Wir haben es satt'; Anti Konsum und für andere Handelsbeziehungen.

Auch wiesen wir auf (Möglichkeiten der) Kooperationen zwischen den Bewegungen in der Türkei und der BRD hin, bezüglich Staudammprojekten, z.B. Hasankeyf, und Anti-AKW hin.

Zu unserem Bedauern wurde einem Austausch über die Themen und einem gemeinsamen Nachdenken keine Priorität gegeben, d.h. es war keine Zeit dafür eingeplant.

Nach den Veranstaltungen am Vormittag wurden alle Frauen, die wollten, mit Bussen zum Mittagessen in einen Hochzeitssalon gefahren und aßen ganz unökologisch von Styroportellern mit Plastikgabeln. Im Bus wurden wir immer wieder von meistens jungen Frauen zu unserem Beitrag befragt.

Nachmittags gingen die Veranstaltungen weiter. In der Veranstaltung zu Jineologie wurde gesagt, dass sie sich schon auf den Feminismus beziehe, diesen jedoch erweitere. Denn der Feminismus sei „zu eng, zu akademisch, zu westlich, zu wenig praktisch“. Es ginge um Wirksamkeit, Effektivität einerseits, um die Einbeziehung einer Frauenperspektive in alle wichtigen Bereiche andererseits. Zum Beispiel auch in der Geschichtsforschung, die nachdrücklich vor-patriarchale Gesellschaftsformen benennt. Jineologie sei keine Ideologie, die Antworten habe, sondern eine Methodologie, die Fragen stelle. So richtig deutlich wurde nicht, was Jineologie ist. Viele Frauen verließen den Saal, es wurde bemängelt, dass die Vorträge sehr akademisch gewesen seien.

Am frühen Abend hörten wir noch einen Vortrag über Ausgrabungen und Funde in Anatolien, die matriarchale Gesellschaften vermuten lassen. Leider wurde die Frau auch durch ihren Vortrag gehetzt, immer mit dem Verweis auf die mangelnde Zeit.

Danach gab es draußen, bei aufgehendem Mond, ein Konzert und immer wieder kleine und größere Gruppen von Frauen und Mädchen, die gemeinsam tanzten, uns ansprachen, gerne ein Foto mit uns machen wollten oder uns einluden, bei ihnen zu übernachten.....

Befremdlich war für uns die Anwesenheit junger Frauen in Tarn-/Kampfkleidung - sie wirkten so fröhlich und unbeschwert, fast so, als handele es sich beim bewaffneten Kampf um ein Spiel. Und überall Fotos von im Kampf gestorbenen Kämpferinnen, den angeblich unsterblich gewordenen Märtyrerinnen...

Die Frau, bei der wir in Nusaybin übernachtet haben, war am Morgen sehr traurig, da sie die Nachricht erhalten hatte, dass eine Schulfreundin, die seit ca. 10 Jahren in den Bergen kämpfte, jetzt mit 25 erschossen worden war. Sie hat uns auch erzählt, dass die Menschen, die in die Berge gehen zum Kämpfen nicht zurück kommen können. Alleine aus ihrer Großfamilie sind zwölf Menschen im Kampf getötet worden. Von dem Balkon ihrer Wohnung kann man den Friedhof für die 'MärtyrerInnen' und die Grenze sehen. Nachts hören sie manchmal Schüsse auf der anderen Seite.

Auf der Demo entlang der, durch türkisches Militär aufgerüsteten, Grenze lernten wir Frauen aus Syrien kennen, die autonom eine Schule für Flüchtlingskinder in Nusaybin aufgebaut haben.

Von Nusaybin aus fuhren einige FrauenLesben in ein Flüchtlingslager in der Nähe von Kobane. Es war ein städtisches Lager, kein staatliches. Die Menschen, die wir trafen, sagten, sie möchten wieder zurück gehen und die Stadt Kobane und die umliegenden Dörfer wieder aufbauen, aber die türkische Regierung hat die Grenzen dicht gemacht.

Die anderen nahmen an Frauendemonstrationen am 7.3. in Mardin und am 8.3. in Amed teil. Dort waren auch einheimische Lesben mit Regenbogenfahnen.

Leider verstanden wir in Diyarbakir von den Kundgebungsbeiträgen auf Kurdisch nichts, außer, dass es viel um die Frauenrevolution in Rojava ging. In einem Beitrag auf Türkisch sagte eine Frau, dass wir Frauen erst frei sind, wenn A. Öcalan frei ist.

Leider war es in unserem Programm nicht vorgesehen, autonome Frauenprojekte kennenzulernen, die unabhängig von Parteien sich als Frauen politisch organisieren.

Für manche der türkischen Teilnehmerinnen an der Karawane war es der erste Besuch in der Osttürkei gewesen. Eine Frau aus Istanbul meinte, für sie sei „die Situation dort nun real“ geworden. Sie war beeindruckt von der Lebendigkeit, dem Lebenshunger und der Verbundenheit der Menschen durch ihren Kampf.

Auf eigene Faust besuchten wir die Ausgrabungsstätte Göbekli Tepe (bauchiger Berg) bei Urfa. Die gefundenen Kreise aus riesigen, fein behauenen Steinen sind  ca. 12.000 Jahre alt und aus einer Zeit, als die Menschen noch nicht sesshaft waren. Es ist der älteste bisher gefundene, von Menschen gestaltete, spirituelle Ort. Forschungen lassen vermuten, dass die Menschen, die diesen Ort errichtet haben, gleichberechtigt und gemeinschaftlich, manche sagen auch matriarchal, organisiert waren.

Die Karawane fuhr über Antakya/Hatay und Mersin nach Antalya, dann weiter nach Mugla und Izmir. Überall demonstrierten wir mit den Frauen vor Ort gegen die Politik der AKP Regierung, Gewalt an Frauen, gegen die Zerstörung und Ausbeutung der Natur. Wir hörten einen Vortrag über die Zerstörung der Städte und die Vereinnahmung von Städten, Natur und Stränden durch Reiche und die Verdrängung der Armen.

In Mersin trafen wir die Eltern von Özgecan Aslan, deren Ermordung durch einen Minibusfahrer Protestwellen in der ganzen Türkei ausgelöst hatten. Wir besuchten auch ihr Grab und das von Leyla Sönmez, einer der drei kurdischen Politikerinnen, die 2013 in Paris erschossen wurden.

Bei Antalya fuhren  wir in ein Bergdorf, Ametler Köyu, das sich erfolgreich gegen einen Staudamm in ihrem schönen Tal gewehrt hat, an der Spitze dieser Proteste standen die Frauen. In Antalya demonstrierten wir mit entlassenen weiblichen Stadtangestellten. Der Grund ihrer Entlassung ist, dass die AKP-Regierung will, dass Frauen zu Hause Kinder hüten und einen Ehemann versorgen, und nicht, dass sie eigenes Geld verdienen.

In Mugla trafen wir Ökologieaktivistinnen, lesbische Veganerinnen und ehrten die 2003 gestorbene Saynur Gelendost, die wegen ihrem langen und konsequenten Einsatz gegen die Zerstörung von Mensch und Natur durch industrielle Großprojekte, als Mutter der Ökologiebewegung in der Türkei bezeichnet wird.

In Didim waren wir Gast der alewitischen Gemeinde, lernten bei einem Frühstück für uns und hunderte Gemeindemitglieder ihr Cem Evi (Gemeindezentrum) kennen. Wir durften einer Semah (alewitisches Ritual) beiwohnen, demonstrierten danach gemeinsam für Frauen-Rechte und pflanzten gemeinsam weiter Bäume im neu angelegten Friedenspark.

Die Tage in der Türkei waren sehr voll mit spannenden Programmpunkten und vielen interessanten Begegnungen und neuen Eindrücken. Darüber kamen Schlaf, ausgewogene Bewegung und Austausch über das Erlebte zu kurz. Auf Dauer ist ein solches Programm nicht durchzuhalten. Es war eine große organisatorische Leistung, eine ständig wechselnde Zahl von Frauen zu verpflegen, zu transportieren, nachts unterzubringen. Vielen Dank dafür an die Organisatorinnen! Und für all die „unsichtbare“ Arbeit drumherum!

Die Karawane ist zur Zeit in Rumänien. Danach geht es nach Serbien. Am 18.4. findet dort die 1. Lesbendemo stattfinden.

Vom 29.4.- 9.5. ist die Karawane in Östereich unterwegs...

Ende Juni soll es eine Aktion in Calais zur Unterstützung der dort gestrandeten Flüchtlinge geben. Dafür braucht es noch dringend Unterstützung.

Ab dem 12.7. erwarten wir die Karawane in Köln und im Hunsrück.

Die aktuelle Landkarte und weitere Infos findet ihr:

www.marchemondiale.de

ww.caravanafeministammm.org

Kontakt: kontakt@marchemondiale.de

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Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

Kontakt

Barbara Fischer Reitzer.