Ich suchte keine Arbeit sondern ein Lebenskonzept (III)

Autorin: 

Barbara Fischer

Ich wollte ein anderes Familienkonzept.

Mit der bürgerlichen Kleinfamilie kam ich nicht zurecht. Deshalb bin ich ja auch zum SSK gegangen. Das Konzept Papa, Mama, Kind, Tür zu und fertig, habe ich nicht gewollt. Im SSK war die Tür immer aufAlle konnten kommen. Ich fand dort den Ort, wo ich leben und arbeiten wollte, wo Arbeit und Leben zusammenfallen.  Und so bin ich letztlich auch politisch motiviert worden.

Das „Konzept“ Kinder tauchte anfangs eigentlich gar nicht auf.

Bis Mitte/Ende zwanzig wollte ich überhaupt keine Kinder. Wenn, dann wollte ich welche annehmen, es gibt genügend, die nicht wissen wohin. Der Grund dafür, dass ich keine Kinder wollte war sicher auch,  dass ich meine Familie sehr kritisch bertachtet habe. Von außen sah es bei uns Bilderbuchmäßig aus: Papa, Mama, zwei Kinder. Mit allen nicht ausgetragenen Konflikten, die in dieser althergebrachten Konstellation zwangsläufig aufeinanderprallen und weggeschwiegen werden.

Mein Antikonzept war mir schnell klar: ich wollte nicht so  enden wie meine Mutter, die eine klassische 50er Jahre Frauen-Karriere durchlebte. Sie war Kinderpflegerin, die Kriegsgeneration hat meistens einen Beruf lernen können. Direkt nach dem Krieg hat sie geheiratet, zwei Kinder gekriegt  und blieb für immer zu Hause. Mein Vater arbeitete und war der Alleinverdiener. Ein bürgerlicher Klassiker. Einfach gruselig. Und das alles in einer kleinen Wohnung. Heile Welt nach außen und alles war gut…? Eben nicht. Das wollte ich auf keinen Fall.

Also gut, irgendwann später bin ich dann auch Mutter geworden. Kinder zu bekommen war für mich kein bewusster Entschluss. Ich habe erst eine viereinhalb jährige  Pflegetochter angenommen, Sandra, weil sie übrig war im SSK. Sandra war mit ihrer Mutter im SSK, die Mutter war alkoholkrank und wir haben Sandra reihum versorgt. Jeden Tag hatte jemand anderes Kinderdienst und das fand ich keine Lösung für das Kind. Deswegen habe ich gesagt, ich kann mir das vorstellen für sie zu sorgen, bin zum Jugendamt gegangen und habe das Kind in Pflege übernommen, ganz offiziell. Und dann war ich zuständig für ein Kind. So etwas war in meinem Konzept, wenn ich das sagen darf, eigentlich gar nicht vorgesehen. Die neue Rolle hat mich anfangs total angestrengt.

Sandra war im SSK Ehrenfeld lange Zeit das einzige Kind. Ich habe sie insgesamt zehn Jahre  als Pflegemutter betreut. Und erst nach sechs Jahren habe ich mein erstes eigenes Kind gekriegt, einen Jungen. Der Kleine ist bei einer Brandstiftung  gestorben, zusammen mit zwei anderen SSK-Bewohnern, die wir aus der Psychiatrie aufgenommen hatten. Einer war erst am Brandtag zu uns gekommen. Der andere war zum ersten Mal glücklich in seinem Leben.

Dieses Unglück hat Anfangs keiner der Beteiligten verarbeiten können. Das Wohnhaus war  komplett unbewohnbar. Und wir hatten zu dem Zeitpunkt auch noch einen Work-Camp bei uns, mit jungen Leuten aus aller Herren und Frauen Länder.

Die ganze Kölner Szene hat sich sofort um uns gekümmert, auch die Nachbarn, die Kirche, es gab eine unglaublich bundesweite Solidaritätsbewegung. Wir haben viereinhalb Jahre gebraucht um das Haus wieder aufzubauen, größtenteils in Eigenarbeit. Wir nannten das unsere Muskelhypothek. Das hat halt gedauert, wir waren ja keine Baumeister. Die Stadt unterstützte uns mit Geld, wir bekamen ganz viele Spendengelder und auch die Versicherungen sind für den materiellen Schaden aufgekommen. Zum Brandzeitpunkt war ich im 7. Monat schwanger mit meinem zweiten Kind und zehn Wochen später ist dann Jannik geboren worden, mein Zweitältester.

Wir mussten in der Zeit zusammenrücken und haben alle im vorderen Teil des Geländes gewohnt. Wir hatten eine Dauercampingsituation, aber empfanden das nicht so. Denn wir waren von der Welle der Solidarität getragen. Das hat mir auch persönlich sehr geholfen, es war großartig. Wir hatten ja erst angenommen, dass es Nazis gewesen waren. Haben ein halbes Jahr lang Nachtwachen organisiert bzw. unsere Freunde haben das gemacht. Jede Nacht kamen andere Leute, die für uns die Nachtwache hielten. Wir waren damit beschäftigt, das Haus aufzubauen, zu renovieren und uns zu organisieren.

Die Polizei hat mit Hilfe unserer Hinweise rausgekriegt, wer das Feuer gelegt hat. Es war eine ehemalige Mitbewohnerin, die innerhalb der Gruppe rumgemobbt hat und nicht länger bei uns wohnen konnte. Sie hat in ganz Ehrenfeld mehrere Brände gelegt. Wir hatten sie aus der Psychiatrie rausgeholt, sie war dort wegen Diebstahl. Dann hat sie sich auf Brandstiftung verlegt.

Ich habe nie bereut, dass wir sie aus der Psychiatrie rausgeholt haben. Aber in diesem Fall war es vielleicht etwas naiv. Damals dachte ich, kein Mensch sollte wegen Diebstahls in der Psychiatrie schmoren. Aufgeflogen ist sie aber erst, nachdem sie ihre neue Arbeitsstelle in Brand gesetzt hat. Dann wurde sie mit den anderen Bränden in Verbindung gebracht. Und als sie im Knast war, hörten die Brände in Ehrenfeld schlagartig auf.

Bei uns hat es vor dem großen Brand auch schon zweimal gebrannt, das Lager war abgebrannt. Wir dachten damals an eine politische Motivation. Nicht daran, dass es eine von uns war.

Das Leben ging weiter. Der Brand war am 2. August 1989 und ich bekam bald darauf meinen zweiten Sohn, Jannik und dann noch zwei Mädchen im Abstand von dreieinhalb Jahren. Mein damaliger Freund ist nach dem Brand aus dem SSK ausgezogen und hat mit Freunden das Buskollektiv Extra-Tour – es existiert noch heute - aufgezogen, als Busfahrer für Ferien- oder Schulfahrten. Denn im SSK galt, zusammen leben und arbeiten. Er wollte woanders arbeiten und deswegen musste er aus dem SSK ausziehen. Meine Kinder sind also in zwei Gruppen aufgewachsen. Am Wochenende beim Vater im Kollektiv der Extra-Tour und unter der Woche bei mir im SSK.

Meinen Kindern geht‘s gut mit dieser Biografie. Keine Rebellion, sie finden es immer noch Klasse. Wenn schon Kinder, dann wollte ich ja immer wenigstens eine dreier Kinder-Gruppe und eben nicht diese Etagenwohnung mit abgeschlossener Tür, wie meine Eltern, sondern immer eine Gruppe. Deswegen habe ich noch ein viertes Kind gekriegt, nachdem der Älteste gestorben war. Damit waren sie wieder drei Kinder und drei sind eine Gruppe.

Ich bin dann 2007 aus dem SSK rausgegangen, weil ich das mit den Umzügen rein körperlich nicht mehr geschafft habe. Meine Freundin und ich wollen das Konzept SSK Arbeiten und Wohnen jetzt fürs Alter planen. Die rein körperliche Arbeit geht nicht mehr.  Also beschlossen wir, wir ziehen aus und versuchen eine Gruppe zu gründen, ein Haus, ein Gelände zu finden. Wir wollen eine große Gruppe, keine WG, die offen ist für neue Leute. Und dann hatten wir ein Haus in Kalk gefunden. Das hat dann aber leider nicht geklappt, weil wir in alter SSK-Manier auch an die städtischen Stellen ran getreten sind und unsere Umbaupläne für unser Mehr-als-Generationen-Haus vorgestellt haben. In Köln gibt es einen irren Bedarf an Studentenwohnungen. Die Stadt hat gedacht, wenn die Alten sich das vorstellen können, in der alten Polizeiwache mit vielen einzelnen Zimmern und Gemeinschaftsräumen zu leben, dann können das die Studenten auch und plante Studentenwohnungen.

Derzeit ist die GAG bereit, mit uns was zu planen. Aber schaun wir mal. Wir sind in Verhandlungen. Da ist noch nichts fest.

Ich gebe das Konzept der Gruppe nicht auf. Der SSK war immer ein Gegenkonzept zur kapitalistischen Gesellschaft: gemeinsam leben und arbeiten. Sozialismus als Gegenkonzept ist nach dem Mauerfall kein Thema mehr. Hat leider auch seinen Grund, aber ich bleibe dran. Ich will ja nicht zurückfallen hinter meinen Ansprüchen.  

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Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

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Barbara Fischer Reitzer.