Ich suchte keine Arbeit sondern ein Lebenskonzept. (I)

Autorin: 

Barbara Fischer

Warum ich beim SSK lebteIch komme aus Köln und habe dort auch nach dem Abi auf Lehramt studiert. Irgendwann habe ich gemerkt, ich konnte mich selbst als Lehrerin überhaupt nicht vorstellen. Zum Entsetzen meiner Eltern habe ich mich kurz vorm Examenich war schon angemeldet - entschiedenkein Examen zu machen, sondern Sozialarbeit zu studieren. Für meine Suche nach einem Lebenskonzept war der Beruf einer Lehrerin keine Option.

Der Anfang dieser Entwicklung lag am Anfang meiner Studienzeit. Ich war in politischen Gruppen aktiv, habe sie teilweise geleitet und Workcamps besucht. Ich war quer durch Europa mit Friedensgruppen unterwegs. In dieser Zeit sah ich in diesem Bereich mein berufliches Leben. Als ich zum SSK gestoßen bin, das war im Jahr 1978 während meines Sozialarbeitstudiums, war ich in Bürgerrechtsbewegungen engagiert: in der Alten Feuerwache (in Köln, sie existiert noch heute als „Bürgerzentrum“) und im Service Civile International (SCI - eine europäische organsierte Friedensorganisation, die ebenfalls noch immer tätig ist). In den 80er Jahren gab es Initiativen ohne Ende und allein in Köln 27 besetzte Häuser. Mit denen hatte ich allen zu tun.

Ich habe mir dann den SSK (Sozialistische Selbsthilfe Köln) am Salierring  angeschaut, und das Konzept kam mir zu dem Zeitpunkt sehr entgegen. Der SSK ist 1972 aus einer Initiative aus der Fachhochschule heraus entstanden, in dem sich anfangs ausschließlich Studenten und später alle möglichen Leute für obdachlose Jugendliche engagiert haben. Wir haben uns in Gruppen organisiert. Es gab viele alte Häuser mit großem Wohnraum in Köln. Der SSK am Salierring hat ein altes Hotel besetzt, das leer stand. Die Aktion damals fand mit Unterstützung aus der Fachhochschule statt.

Es gab mehrere SSK-Gruppen in Köln, die alle in besetzten Häusern wohnten. Eine wahrlich wilde Mischung: da waren Jugendliche, die Häuser besetzten, weil sie auf der Straße lagen; auch viele Heimkinder, die aus dem Heim abgehauen waren, und danngab es Leute wie ich aus eher bürgerlichen Verhältnissen. Vereinzelt waren unter den Hausbesetzern auch ein paar ältere Leute, aber wirklich nur wenige. Der Altersdurchschnitt lag bei 24 Jahren. Der SSK am Salierring besetzte ein ehemaliges Hotel. Die Gruppe gibts heute noch.

Die Besetzung selber hab ich gar nicht mitgekriegt. Aber es gab in den 70ern ganz viele WG’s in Köln, die als Lebenskonzept fungierten und in denen auch überall Heimkinder dabei waren. Hausbesetzungen und WG‘S entstanden aber nicht aus purem Vergnügen, sondern aus einer Notsituation heraus. Der Salierring wurde besetzt, um der Stadt Köln klar zu machen, dass es da ein Problem gibt. Die Hausbesetzung entstand als ein politisches Ausrufezeichen, um zu signalisieren: „Stadt Köln, du hast ein Problem.“ Und das Problem bestand darin, dass etliche Jugendliche, die aus Heimen abgehauen, nicht versorgt waren und auf der Straße lagen. Deswegen wurde der Salierring besetzt, als eine Anlaufstelle. Ruckzuck haben sich da dreihundert Jugendliche gemeldet. Aber was heißt Jugendliche, wir sprechen hier von Kindern im Alter von 12- 14 Jahren. Da nicht alle am Salierring untergebracht werden konnten, wurden die Jugendlichen auf verschiedene WG’S verteilt. Bis es zu viele wurden.

Als ich dazu kam, war diese Hochphase schon vorbei und die Situation war schon organsierter. 40 Leute wohnten dort fest. Es gab einen Durchlauf von 2-3 Wochen. Während meines Studiums habe ich allerdings noch nicht am Salierring gewohnt, sondern war nur tagsüber da. Es war für mich einerseits spannend, aber anfangs auch völlig fremd. Ich traf auf Jugendliche und Leute im gleichen Alter, die aber ganz woanders herkamen und nicht die Sicherheiten mitbrachten, die ich hatte. Meine Eltern haben meine Studieneskapaden finanziert und ich hatte dank meiner Schulbildung die Möglichkeit zur Uni zu gehen. Die anderen kamen aus kaputten Familien, mit sozial völlig anderen Hintergründen und sie sprachen auch eine andere Sprache.

Ich fand das Zusammenleben und –arbeiten einfach toll. Die gemeinsame Arbeit war die Klammer an der alle sich beteiligen konnten. Und das war dann auch unsere Lebensgrundlage. Wir haben uns mit Entrümpelungen, Second Hand Verkäufen und mit kleineren Hausarbeiten finanziert. Wir wollten auf keinem Fall auf staatliche Hilfe angewiesen sein und niemals staatlichen Zwängen unterliegen. Es gab Mitte der 70er Jahre ja eine Art „Kopfgeld“ pro Jugendlichen und Heimkindern. Der Preis dafür aber war, dass die Stadt einfach auftauchte und einzelne Jugendliche nach Belieben wieder aus der Gemeinschaft rausholte. Also hat die Gruppe entschieden, das machen wir nicht mit. Wir wollten uns unabhängig von städtischer Hilfe organisieren. Deswegen haben wir unsere Entrümpelungsfirma gegründet und mit 'nem alten LKW einfach angefangen. Die Firma existiert heute noch.

So fing diese geniale Konstruktion an zu arbeiten, um das Projekt und die Gruppe  zu finanzieren. Alle Einnahmen wurden geteilt, Mittagessen finanziert, Sprit für den LKW gekauft. Als ich kam, gab es diese Struktur schon. Das Grundprinzip bestand darin, morgens um neun eine gemeinsame Sitzung zu halten, wer zu spät kam musste für 40 – 60 Leute kochen. Die Sitzungen konnten ewig dauern, dabei wurden die Arbeiten verteilt. Die Säulen waren: Kochen für das gemeinsame Mittagessen, die Arbeit auf dem LKW und das Lager. Wöchentlich gab es für alle Taschengeldauszahlungen, damals ungefähr 15 Mark pro Person. Diese Struktur habe ich vorgefunden. Die hat unseren Lebensunterhalt gesichert, aber damals habe ich noch nicht dort gewohnt.

Es gab politische Bewegungen, die einfach zu uns reinkamen. Ich war ein halbes Jahr am Salierring, wir waren ein open house, ansprechbar für jedes soziale Problem, das an uns ran getragen wurde. Wenn Jugendliche abgehauen waren aus den Heimen, hatten sie in uns ein „Expertengremium“ (lacht), bei dem sie erstmalig Gehör und Hilfe fanden.  Die Leute kamen, erzählten ihre Geschichte, die Gruppe machte Platz und die Leute wurden aufgenommen.

Manchmal mussten wir Leute wegschicken. Das Haupt-Kriterium war, ob wir noch Platz hatten. Es gab Aufnahmezimmer, nach Männern und Frauen getrennt. Es gab auch Probezeiten, um zu schauen, ob der/diejenige zur Gruppe passte, sich beteiligte und die Ziele des SSK mittrug. Unsere Ziele waren: in der Gemeinschaft leben zu wollen und nicht das Eigene zu sichern. So ein Leben auf der Straße macht manchmal nicht super sozial.

Meine Basis waren die politischen Aktionen, die ich nur gemeinsam mit anderen gegenüber der Stadt durchsetzen konnte. Wir waren sehr lokal organsiert: hier in Köln und auf die politischen Instanzen in Köln ausgerichtet. Daran mussten sich die Leute beteiligen, wenn sie bleiben wollten.

Wir hatten eine Gruppe, die regelmäßig in die Psychiatrien gefahren ist, in die sog.  Landeskrankenhäuser. Viele Jugendliche hatten im Verlauf ihrer Heimkarriere Erfahrungen mit der Psychiatrie gemacht. Wer in Heimen renitent war und sich nicht anpasste, wurde ganz schnell in die Klapse überführt. Vor diesem Hintergrund wurden wir mit Psychiatrien und den Zuständen dort konfrontiert. Als ich zum SSK kam, war die Landesanstalt Brauweiler so ein Ort, an dem wir uns engagierten. Ganz früher entstand Brauweiler als Arbeitshaus für unangepasste Leute, damals Obdachlose oder Alkoholiker, um sie über die Arbeit zu sozialisieren. Heute würde ich sagen, Brauweiler war sowas wie ein Arbeitslager für alle, die nicht funktionierten. Der SSK hat auch Prozesse geführt gegen die Landesanstalt Brauweiler. Dort sind Leute zu Tode zu kommen, als sie sich abseilten, um abzuhauen oder weil sie über medikamentiert wurden, um sie ruhig zu stellen, sozusagen zu Tode behandelt. Wir führten einen Prozess gegen den Anstaltsleiter  und zwei Ärzte.  Mein Einstieg in die politische Arbeit war, ich bin zu den Prozessen gefahren und dort kamen dann die ganzen Missstände in den LKH‘s zur Sprache. Ich konnte es nicht fassen.

Die Leute wurden ans Bett gefesselt, mit Tabletten vollgehauen. Sie wurden eingesperrt, gefesselt und ruhiggestellt. Und etliche sind umgekommen, als sie fliehen wollten.  Wir haben diese Missstände veröffentlicht in unserer Zeitung. „Die unbequemen Nachrichten“. Wir sind dann regelmäßig zu den Krankenhäusern gefahren, haben dort die Zeitung verteilt und auf den Kliniksgeländen demonstriert.

Teil II morgen

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Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

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Barbara Fischer Reitzer.