GOTT IST SCHWARZ UND EINE FRAU (II)

Autorin: 

Barbara Fischer

Ich frage mich, ist mythologisch basierter Literatur wirklich „nur“ reine Phantasie? Ließe sie sich dann denn überhaupt missbrauchen, wie in Teil I dargestellt?

Wenn wir da genau hinschauen, erkennen wir, dass Mythen sich Bilder bedienen, um ihre Geschichten zu erzählen. Diese Bilder verweisen in ihrer Sinnhaftigkeit immer über den dargestellten Sachverhalt hinaus. Denn wer würde ernsthaft glauben, dass selbst ein Gott wie Zeus es unbeschadet überstehen könnte, wenn ihm den Schädel gespalten wird, damit er seine Tochter Athene zur Welt bringt.

Und Moment mal: ein Mann bekommt ein Kind?

Was passiert, wenn wir solche Geschichten lesen? Nichts! Das Unbewusste rebelliert und hinterfragt nicht, sondern verschlingt solche und andere Bilder. Es lagert sie als „Bodensatz“ der Bildung ab.

Schauen wir uns mal ein paar solcher männlichen Bilder an:  Odin, der Wolf von Asgard oder Zeus, der Göttervater vom Olymp oder Agamemnon, der Sieger über Troja. All diese Namen erzeugen doch umgehend Vorstellungen von muskelprotzenden Kämpfern und Siegertypen, nicht zuletzt Hollywood sei Dank.

Demeter, die Göttinnenmutter, hat es noch nie zu einer Hauptrolle in Los Angeles geschafft. Sie reicht in unserer Gegenwart gerade noch als Ikone für Ökos, die die Welt mit Biogemüse retten wollen. Nicht gegen Ökos oder Biogemüse, schon gar nicht gegen ‚Welt retten‘, aber ich verweise auch mit diesem Bild über den dargestellten Sachverhalt hinaus. Wer kennt heute noch Rhea, die griechische Titanin? Sie fällt gleich ganz raus aus der Bewusstseinskette. Und dann gab es da noch die Amazonen. Man raunt, sie seien ein Mythos…

Ich will an dieser Stelle C.G.Jung  zitieren, der sagt: “Mythologie ist das Seelenvermächtnis der Geschichte…“

Da haben wir: die Geschichte, die Mythologie und die Seele.

Ich sehe es als dringend notwendig an, die geschriebene Mythologie den Bildern in unserer Seele anzupassen, um damit unser historisches Gedächtnis mit unserem Seelenleben in Einklang zu bringen.

Um das eben gesagte nochmal zu unterstreichen, greife ich auf  einen Aufsatz von Irmtraud Roebling zurück „Lilith – oder: Der Umsturz der Bilder“ - Mitherausgeberin ist übrigens Annette Kuhn[1]. Roebling weist nach, dass und wie Mythen noch Jahrtausende später wirken. Es geht um Lilith und Eva. Ich zitiere:

„Die mythologische Lilith stellt eine Relativierung vom Mythos der Eva als Menschheitsmutter dar. Durch sie scheint eine Revision der Grundfesten des abendländischen Patriarchats möglich. War doch mit Eva die Zweitrangigkeit der Frau begründet, da sie quasi als Epiprodukt Adams entstanden war, ihm zur Gehilfin und Gesellin geschaffen, und weil sie zudem – moralisch minderwertig – ihn zur Sünde verlockt hatte.“ [2]

Und jetzt kommt‘s ganz dicke: „Erziehung zur Unterwürfigkeit, so ist es noch in den Sozialisationsschriften des ausgehenden 19. Jahrhunderts nachzulesen, ist notwendiges Resultat des Sündenfalls und muss letztlich den Frauen zum Heil geraten, da ihnen die Möglichkeit gegeben wird, ihre menschheits-geschichtliche Schuld gegen den Mann abzutragen.“[3] Das will ich nicht weiter kommentieren, aber auch so nicht stehen lassen. Denn gegen Ende des 19. Jhdts., als solche „literarischen Ratgeber“ gedruckt wurden, gab es auch eine starke Bewegung, die an neuen weiblichen Selbstverständnissen und neuen Lebensentwürfen arbeiteten. Und ebenso männliche Selbstbilder, Weltentwürfe, Mythen und Kultfiguren revidierten. Beispiele sind Johanna Elberskirchen, die lesbisches Leben und Politik reflektierte.

Als Dichterinnen zu nennen sind z.B. Maria Janitschek, die das Buch „Die neue Eva“ schrieb und Elsa Asenijeff  mit ihrer Novelle „Die Schwestern“.  Janitschek hat es mit ihrer Novelle „Das Amazonenheer“  immerhin noch in die Ausgabe von Kindlers Literatur Lexikon von 1996 geschafft. Aber in der breiten Masse sind die Aktivistinnen von damals heute vergessen. [4]

Das kann uns als Ermunterung dienen, aber auch zur Ermahnung und als Warnung, niemals nachzulassen in unserem Bemühen, weibliches Leben zu definieren und weibliche Wege zu finden.

Mein Antrieb Frauenfantasy zu schreiben ist es, dass „Liliths Weltenchronik“ ein Puzzleteil sein soll, ein  kleiner Beitrag in dem Bemühen, Überlagerungen des patriarchalen Denkens abzutragen, um weibliche Wurzeln auszugraben. „Liliths Weltenchronik“ soll das Selbstverständnis stärken, indem Frauen sich wiederfinden in Geschichten und Mythologien, und zwar so wie sie sind, als Spiegel all ihrer Schwächen und Stärken und nicht als Verderbt, Böse oder Opfer. Susan Sonntag sagte mal, Frauen müssen sich selbst komplett neu imaginieren. Deswegen habe ich „Liliths Weltenchronik“ geschrieben.

Dieses Buch begegnet ausdrücklich jedem rassistischen und sexistischen Ressentiment. Es soll dazu beitragen Menschheit als ein Ganzes zu verstehen, in dem Sinne, dass jedes menschliche Wesen identisch ist mit dem anderen. Oder, wie es einst der Humanist Michel de Montaigne ausdrückte, jeder Mensch trägt die ganze Form der menschlichen Kondition in sich. Jeder Mensch, Frau und Mann und überall.

[1] die Gründerin des Hauses der Frauengeschichte in Bonn.

[2] Zitat aus: Irmgard Roebling: Lilith – oder: Der Umsturz der Bilder, S. 186

[3] Irmgard Roebling zitiert hier Heinrich Büttner, in Häntzschel, Günther (Hg.): Bildung und Kultur bürgerlicher Frauen 1850 – 1915. Eine Quellendokumentation aus Anstandsbüchern und Lebenshilfen für Mädchen und Frauen als Beitrag zur weiblichen literarischen Sozialisation, Tübingen 1986, S. 219 – 226. ebd. S. 186.

[4] Ebd.: S. 184 ff.

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Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

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Barbara Fischer Reitzer.