GOTT IST SCHWARZ UND EINE FRAU (I)

Autorin: 

Barbara Fischer

 Liliths Weltenchronik verstehe ich als reload alter Mythologien, die vom Kopf wieder auf die Füße gestellt werden. Frauen stehen im Mittelpunkt des Geschehens und der germanische Gött*innenhimmel erhält Verstärkung. In einem vergnüglichen Miteinander treten Figuren aus aller Herren und Frauen Weltenländer auf. Ich hole Figuren aus den altpersischen und sumerischen Mythologien mit an Bord auf meiner Reise durch die mythologischen Welten der nordischen Edda. Jener altisländischen Liedersammlung, deren Herkunft viel älter ist als ihre Niederschrift im 11. Jahrhundert. Das Ergebnis der Reise sieht bunt aus. Multikulti in Asgard: Kundrie neben Odin und Kubaba neben Frigg, auch die Töchter Kalis leisten ihren musikalischen Beitrag.

Da ist es doch nur konsequent, auch die letzte scheinbare Gewissheit über den Haufen zu werfen. In Liliths Weltenchronik ist Gott schwarz und eine Frau, mit allen notwendigen Konsequenzen, wie dem Wunsch nach Frieden und einem guten Leben... Frau eben. So lassen sich die 330 Seiten des Romans auf den kleinsten gemeinsamen Nenner bringen.  Der verständigen Leserin dämmert, der Begriff „Gott“ ist keine christliche Blaupause. Ich beschreibe die Geschichte aus Sicht einer egalitären, matriarchalen Gesellschaftsform.

Letztlich verdanke ich den Ansatz (wenn ich das mal so formulieren darf), dass Gott schwarz und eine Frau ist, gar nicht so sehr meinen feministischen Bestrebungen, sondern eher der historischen Schuld Deutschlands. Es bereitete mir Kopfschmerzen, in Deutschland ein Buch zu schreiben in derselben mythologischen Umgebung, in der die Nazis ihren Massenmord verübt haben. Doch ich wollte mich auch nicht davon abhalten lassen. In Liliths Weltenchronik bildet die Weltenesche Yggdrasil den Rahmen der Geschichte, Göttervater Odin kommt vor, in einer neuen Stellung, aber er ist dabei, auch das Runenalphabet spielt eine Rolle, allesamt von den Nazis missbrauchte Symbole.

Die Lösung war ein absolut antirassistisches und feministisches Konzept, das der Nazi-Ideologie  zu 100% entgegengesetzt ist.

Aber warum ausgerechnet Lilith und nicht etwa Freya oder von mir aus Maria, es gibt auch schwarze Madonnen? Lilith ist für mich einfach die spannendste Figur, denn keine andere Frauenfigur wurde im Verlauf ihrer Überlieferungsgeschichte so sehr verunglimpft wie Lilith - und sie lässt uns doch nicht in Ruhe. Also, was steckt dahinter?

Ich schaute mir den mythologischen Werdegang von Lilith genau an und entdeckte alle Stolpersteine patriarchaler Geschichtsschreibung, die es Frauen unmöglich machen, diesen Weg weiter zu beschreiten, ohne auf die Nase zu fallen oder sich zu verletzen.

Drei Mechanismen sind im Prozess patriarchaler Geschichtsschreibung besonders deutlich und besonders häufig.

An erster Stelle steht das Verschweigen der bloßen Existenz von bedeutenden Frauen und ihrer Verdienste; dem folgt der Nachweis der erfolgreichen Einschüchterung von Frauen durch Gewalt oder Mord.

Nicht zu vergessen ist die Verunglimpfung starker Frauen, die am Ende all ihre Macht und starken und positiven Eigenschaften verlieren. So wie wir es bei Lilith erleben.

Aber es gilt, resignieren oder neu erfinden. Also sagte ich mir, auf zu neuen Ufern.

Wer aber war die mythologische Lilith?

Die Antwort auf diese Frage entwickelt sich erst in einem zeitlichen Bogen über ein paar Jahrtausende. Deswegen kann ich an dieser Stelle nur ein grobes Bild zeichnen.

Es lassen sich drei große Phasen ausmachen:

In ihrer ältesten Form ist Lilith in der sumerischen Fassung des Gilgamesch-Epos die Gefährtin des Sturmgottes Lila.

Vera Zingsem beschreibt die Lilith dieser Zeit: „als ein Wesen mit Flügeln, von feurigen Temperament, Geist begabt, hochfliegend, letztlich zu schwer für den dumpfen Erdenkloß mit Namen Adam.“[1] Sie bezieht sich bei ihrer Beschreibung auf das bekannte sumerische Terrakotta-Relief aus der Zeit 2000 v.u.Z.

Lilith 2000 v.u.Z., dargestellt in einem sumerischen Terrakottarelief

Mit der zweiten Phase im Lilith-Mythos beginnt schon die patriarchale Phase.

Die Hebräer breiteten sich im östlichen Mittelmeerraum aus und passten dortige Mythen und Vorstellungen ihrer Religion an. Die jüdische Religion war zu der Zeit schon sehr patriarchalisch.  Lilith wird Adams erste Frau.

In dieser Zeit besitzt Lilith noch ihr matriarchales Selbstverständnis und sie stellt in Frage, was Eva später als gegeben hinnimmt: die Dominanz des Mannes.

Lilith verlässt Adam und kehrt auch nicht zurück, nachdem Gott ihr seine Engel nachsendet, um sie zur Umkehr zu bewegen. Für ihre eigenständige Entscheidung wird sie von Gott höchstpersönlich verflucht. Am Ende ihrer gemeinsamen Zeit mit Adam ist Lilith eine krankmachende und kinderfressende Dämonin.[2] Es kommt noch schlimmer: dieses Bild von Lilith setzt sich fest. 

Und damit sind wir schon in der dritten Phase. Sie beginnt mit der Integration der europäischen Judenheit in den christlich-religiösen Kontext. Von da an verschwindet Lilith komplett aus dem religiösen Diskurs und tritt in die Phase ihrer literarischen Wirkung. Es bleibt dann überhaupt nichts Positives mehr an ihr. In mittelalterlichen Erzählungen laufen die männlichen Phantasien zur Hochform auf.

Lilith wird nun als die personifizierte Verderbtheit bezeichnet, die Tod bringt, sie ist der leviathanische Begierde-Teufel oder das Urbild der Negativität.[3]

Für mich stellt sich immer wieder die Frage:  Warum der ganze Aufwand, die Dinge zu verdrängen und zu verfälschen? Eine schöne Antwort gibt Pauline Bebe. Für sie nimmt die Entwicklung diesen Verlauf: „für die beruhigende Erkenntnis: das Böse liegt im Anderen, in der Frau.“[4]


[1] Zingsem, Vera: Lilith. Adams erste Frau, Reclam 2000, S.7.

[2] Ausführlich dazu s. Bebe, Pauline: Isha: Frau und Judentum, Kovar 2004 und

Roebling, Irmgard: Lilith – oder: Der Umsturz der Bilder, Centaurus Verlagsgesellschaft GmbH 1990.

[3] Roebling, Irmgard: Lilith – oder: Der Umsturz der Bilder, Centaurus Verlagsgesellschaft GmbH 1990, S. 188.

[4] Bebe, Pauline: Isha: Frau und Judentum, Kovar 2004, S.189.

 

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Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

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Barbara Fischer Reitzer.