Gender und Klimawandel im südlichen Afrika

Autorin: 

Rita Schäfer, Ethnologin

Anfang 2015 waren es Starkregen und der nicht mehr zu kalkulierende Beginn der Regenzeit sowie die Variabilität der Regenfälle. Verschiebungen der Regenzeiten und starke Regenfälle zerstören vielerorts junges Getreide und Gemüse, so dass Frauen neu aussähen müssen. Saatgut ist aber teuer, weshalb sie bei anderen landwirtschaftlichen oder familiären Ausgaben sparen müssen.

Auch Stürme beeinträchtigen die Landwirtschaft, die Arbeit und das Leben der Landbewohner/-innen. Bodenerosion, der Verlust an nährstoffreichen Anbauflächen sowie verstärkter Schädlingsbefall und Anstieg von Pflanzenkrankheiten zählen zu den Folgeproblemen. In ariden Landesteilen kommen die Austrocknung der Böden, die höhere Wasserverdunstung von Gewässern sowie trockene Winde hinzu. Durch den Klimawandel steigen die Arbeitsbelastungen in der Landwirtschaft und der Wasserversorgung. Insbesondere während langer Dürrezeiten wird die Beschaffung von Wasser in ländlichen Gebieten immer aufwändiger, was die Pflege von Kranken und Alten zusätzlich erschwert. Moskitos, die Malaria übertragen, breiten sich bei starken Regenfällen aus. Vor allem für Schwangere ohne Zugang zu medizinischen Einrichtungen sind Malariaanfälle lebensgefährlich. Vielerorts müssen Mädchen aus armen Familien mit viel Zeitaufwand bei der Feld- und Hausarbeit helfen. Viele können nicht mehr ihre schulischen Pflichten erfüllen. Etliche müssen die Schulausbildung abbrechen. Der Klimawandel verstärkt also in mehrfacher Hinsicht bestehende Geschlechterungleichheiten.

Männlichkeit und Klimawandel

Auch die Viehhaltung wird beeinträchtigt, die vor Ort zum Aufgabenbereich von Männern zählt und Maskulinitätsvorstellungen prägt. An diesem maskulinen Selbstbild als kenntnisreicher Rinderbesitzer rüttelt der Klimawandel. Landnutzungs- und sozio-ökonomische Spannungen sowie Generationen- und Gender-Konflikte eskalieren. Tiere erkranken häufiger aufgrund der unregelmäßigen Regenfälle und der unausgeglichenen Wasserversorgung. Wenn Tiere sterben, gibt es weniger Dung zum Erhalt der Bodenfruchtbarkeit. Hinzu kommt folgendes Problem: Rinder zählen vielerorts noch immer als gern gesehener Brautpreis, damit besiegeln Familienverbände Allianzen durch Eheschließungen. Vor allem jüngere Männer haben gegenüber älteren und etwas wohlhabenderen Männern das Nachsehen. Diese grundsätzlichen Probleme sind in repressiven Regimen wie in Simbabwe besonders ausgeprägt. Die Missachtung der Regierung gegenüber der eigenen Bevölkerung zeigt sich dort auch in urbanen Gebieten.

Urbane Probleme

Migration ist für viele keine wirkliche Alternative, ihre schlechte Ausbildung erschwert die Jobsuche in den Städten. Und mancherorts sparen die Stadtverwaltungen an der Instandhaltung der öffentlichen Wasserversorgung, so dass Menschen an Cholera und Typhus erkranken, wie in Simbabwes Hauptstadt Harare. Die Last tragen Frauen und Kinder, in deren Aufgabenbereich Wasserbeschaffung und Krankenpflege fällt. Für die zahlreichen HIV-positiven Menschen können solche Infektionskrankheiten tödlich sein, zumal das staatliche Gesundheitssystem insbesondere in Simbabwe seit dem hausgemachten politischen und wirtschaftlichen Niedergang ab 2000 kollabiert ist.

Nahrungsmittelhilfe vorenthalten

Internationale Nahrungsmittelhilfe wird nach Parteibuch vergeben, d.h. Personen, die nicht Mitglieder der Regierungspartei sind, gehen leer aus. Lokale Autoritäten wachen über die Verteilung und die Exklusion von Oppositionellen. Manche Funktionäre bereichern sich auch persönlich an den Lieferungen. Die ländlichen Autoritäten und die Regierung verraten so die Ziele, für die in den 1970er Jahren junge Frauen in den anti-kolonialen Unabhängigkeitskampf zogen. Sie verlangten nicht nur die Abschaffung der Kolonialherrschaft und Zugang zu Land, sondern auch Geschlechtergleichheit. Simbabwe ist seit 1980 unabhängig, Frauenrechtsorganisationen und couragierte Juristinnen erkämpften einige Rechtsreformen, deren Umsetzung ist jedoch in der Praxis schwierig. Eliten auf nationaler und lokaler Ebene und eine extrem repressive Regierung verhindern jegliche Änderung autoritärer Herrschaft. Der Klimawandel verstärkt bestehende Strukturprobleme, die internationalen Geber scheuen sich, dem Machtmissbrauch Einhalt zu gebieten. Auch die Afrikanische Union setzt dem Regime keine Grenzen. Umfangreiche Unterstützung erhält es zudem aus China. So brauchen insbesondere Frauen und Mädchen in ländlichen Gebieten viel Kraft, den Problemen zu trotzen. Geschlechtergerechtigkeit rückt für die Mehrheit in immer weitere Ferne.

www.africanclimatevoices.com

Schäfer, Rita (2012): Gender und ländliche Entwicklung in Afrika, Eine kommentierte Bibliographie, 3. aktualisierte Auflage, Münster.

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Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

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Barbara Fischer Reitzer.