Frauen und Männer gehen ganz unterschiedlich an Forschung ran

Autorin: 

Barbara Fischer, Autorin

Jana Heinze forscht in der Tiefe. Sie zieht sich den Taucheranzug über und lässt sich in die Ostsee gleiten. Ihr Beruf: Forschungstaucherin. Was aber verbindet Tauchen und Mythologie? Die Archäologie „… und die Gewissheit, den schönsten Beruf der Welt auszuüben“, sagt Jana Heinze.

Du bist Archäologin und Forschungstaucherin von Beruf. Wie bist du zum Tauchen gekommen?

Tauchen hat mich immer schon fasziniert. Als Kind habe ich jede Sendung von Jaques Costeau angeschaut. Die richtige Unterwasserwelt aber habe ich das erste Mal 1993 gesehen, im Alter von23 Jahren. Das war ganz unspektakulär im Alperstedter See bei Erfurt. Und es war großartig.

Was war die Initialzündung?

Ganz profan: Ich arbeitete damals in Erfurt, es war noch vor meinem Studium. Da las ich in der Zeitung etwas über einen Tauchschnupperkurs. Ich bin dahin, sie haben mir ein Gerät auf den Rücken geschnallt und mich dann in den See geschubst. Ich bin sofort dabei geblieben, habe die Ausbildung gemacht und Tauchen wurde mein Hobby. Ich bin während meiner Tauchtouren auf Wracks gestoßen. In Spanien auf ein Schiffswrack und in der Türkei lag ein echtes Flugzeugwrack aus dem 2. WK in ca. 60 m Tiefe. Die ersten Fragen tauchten auf: woher kommen die Wracks, warum liegen sie da, wer hat sie geflogen, gefahren – die Geschichte hinter den Fundobjekten hat mich interessiert.

Als ich meine Arbeitsstelle verloren habe, war mir klar: ich will studieren, Archäologie oder Medizin. Ich bin nach Greifswald gefahren  –und das war es! Die Ostsee war vor der Haustür und es gab die Möglichkeit, archäologisch tauchen zu gehen. Neue Abenteuer, neue Unterwasserwelten, auf geht’s! Ich bin geblieben, tauchen gegangen und habe Archäologie studiert.

Was war dein schönstes Erlebnis im Beruf?

Jeder Fundplatz für sich ist total spannend. Sie sind in unterschiedlichen Zeiten entstanden und weisen verschiedene Fundspektren auf. Vor Poel [eine Ostseeinsel vor Schwerin, Anm. der. Red.] haben wir ein Schiffswrack gefunden. Ich war noch studentische Mitarbeiterin. Wir sind den Fundplatz abgetaucht. Es handelte sich um das Wrack der sogenannte Poeler Kogge aus dem Mittelalter. Im Umfeld fanden wir unter anderem viele Flintbeile aus der Steinzeit. Und als die Kogge geborgen war, konnten danach in diesem Bereich noch mehrere steinzeitliche Fundplätze lokalisiert werden. Das heißt, der Fundplatz muss während der Steinzeit trocken, also außerhalb der Ostsee gelegen haben. Das fand ich total spannend, wie solche Funde Rückschlüsse auf verschiedene Prozesse/Entwicklungen zulassen.

Brauchen wir eine feministische Archäologie?

Ich würde es anders formulieren, es sollte eine männliche und weibliche Archäologie geben, denn Frauen und Männer gehen ganz unterschiedliche an die Forschung ran.

Worin besteht der Unterschied?

Frauen und Männer haben unterschiedliche Denkansätze. Die Ansätze im Kleinen sind identisch, du findest einen Gegenstand, stellst die Frage: ist die Bearbeitung gewollt oder natürlichen Ursprungs, Du betrachtest die Verfärbungen im Boden, ist es archäologisch relevant oder nicht. Das ist archäologisches Grundhandwerk. Am Anfang der Grabungen sehe ich keine Unterschiede.

Unterschiedlich wird’s bei den Inhalten: je einfacher der Gegenstand, umso öfter untersuchen das Männer. Z.B. die Land- und Feldforschung mit geschlossenen Siedlungen und übersichtlichen Phasen. Bei Frauen darfs  stratigraphisch komplexer sein, z.B. Grabungen innerhalb von Städten. Da sind die Überlagerungen größer, die Schichtenfolgen sind enger, schneiden sich gegenseitig (die jüngere schneidet die ältere) und die einzelnen Schichten sind dünner und filigraner als auf dem Land, wo man sich gewöhnlich hochwohnen kann. Abfälle liegen auf dem Boden, sie schließen die Schichten, danach kommt eine neue Besiedlungsschicht. Das bedeutet, viele, nicht alle, Frauen forschen komplexer, Männer eher weniger. Diesen Ansatz würden einige Archäologinnen bestätigen. Er wird unter der Hand diskutiert, ohne offen darüber zu sprechen.

Aber als Fazit kann ich sagen: Die Zusammenarbeit macht es aus, die unterschiedlichen Denkansätze sind enorm wichtig und das Gesamtspiel kann ein facettenreiches Bild ergeben.

Was wäre anders gewesen, hätten Archäologinnen Troja und den Pergamon-Altar ausgegraben, und nicht Schliemann?

Das Problem an dieser Frage ist: Sie ist ja rein theoretisch. Denn zur Zeit Schliemanns hätte niemals eine Frau graben können.  Seine Frau hat ihm ja sehr geholfen, aber er stellte seinen Namen allein in die Öffentlichkeit.
Ich finde die Frage auch deshalb schwierig, weil heute die gesamten Forschungsansätze und -methoden ganz anders aussehen würden. Z.B. würde ich heute die Hände über dem Kopf zusammenschlagen wegen der Grabungsmethoden von damals und sagen, oh Gott, der macht ja alles kaputt, das geht gar nicht. Aber nur weil er ein Mann war? Eine Frau konnte damals nicht graben, hätte aber sicher nach denselben Methoden gearbeitet.

Braucht Archäologie die Mythologie?

Ja! Archäologie braucht die Mythologie. Weil wir viele Sachen finden, die wir ohne Mythologie gar nicht erklären könnten. Mythologien existieren seit Anbeginn der Menschheit. Oft beschreiben sie:  Was existierte weit vor uns? Wie wurden früher verschiedene gesellschaftliche Bereiche erfahren, wahrgenommen, beschrieben, erfasst? Wir haben sonst kein Wissen aus dieser Zeit. Die einzelnen Facetten des frühen Lebens sind oftmals in Mythen tradiert. Auch wenn sie erst später aufgeschrieben wurden, als das Dasein, das in den Mythen beschrieben wird, schon vorbei war. Archäologie stützt sich insofern tatsächlich auf die Mythologie. Gerade was die griechische Mythologie betrifft: Malereien auf Vasen und Alltagsgegenständen kann man als tägliches Miteinander werten. Die Mythologie war Bestandteil des damaligen Lebens. Im Orient (Vorderasien)  und Griechenland haben wir eine große Anzahl an frühen schriftlichen Zeugnissen der Mythologie sowie ihre Darstellung auf alltäglichen Gegenständen.

In Nordeuropa ist das schon schwieriger, weil hier die Schriftzeugnisse erst sehr spät in Erscheinung treten. Deswegen ist eine Fundzuordnung in Griechenland und im Vorderen Orient leichter, als in Nordeuropa. In Nordeuropa werden viele Funde als kultisch eingeordnet, wenn sie keine anderen Erklärungen bieten. Was mach ich mit einem bronzezeitlichen Tierchen, das weder Rind noch Schwein ist, aber irgendwie auch ein Reh sein könnte, das sogenannte „Tierschweinrind“?
Oder was machten die Leute mit kleinen Steinäxten, etwa in Kindergröße. Warum haben sie die hergestellt: Dafür gibt’s verschiedene Ansätze.  Der erste, der logische Ansatz: die Beile wurden genutzt bis zum letzten und deswegen nachgeschärft, bis sie klein waren. Der zweite Ansatz war, die Äxte wurden für Kinder gemacht, aber müssen die dann so klein sein? Als dritter Ansatz wurde gesagt, die Äxte wurden für kultische Handlungen hergestellt, sozusagen symbolisch. Aber nichts von diesen Erklärungsversuchen ist wirklich auszuschließen, alle haben mit ihren Argumenten recht, aber letztlich bleibt es offen, was es ist.

Denn der letzte Beweis fehlt. Wer weiß schon: was von dem, war überliefert ist, sich aus Sicht von damals und aus Sicht von heute geändert, was kam dazu, was wurde weggelassen? Der Wandel von Mythos, Religion und Kult geht Hand in Hand mit einem Wandel der Lebensweise: Was machte das Leben aus? Wo lagen die Schwerpunkte? Das der Wandel von damals zu heute enorm war, das ist gewiss. Wie und warum, das wollen wir gerne wissen.

Ist Mythologie wichtig in deinem Leben?

Mythen sind insofern schon wichtig, dass sie Phänomene erklären, die man sonst überhaupt nicht erklären könnte. In Thürkow habe ich eine Kinderleiche in einer Teersiedegrube gefunden. Die Frage war: ist das Kind aus Versehen reingefallen, also war es ein Unfall? Oder war es eine willentliche Handlung? Was sagen alte Quellen dazu? Wenn willentlich, ist offen, ob Kult oder aus der Not heraus oder um sich einer Sache einfach zu entledigen. Wir wissen nur: Hand- und Fußknochen sind nicht komplett, das Kind hatte Mangelernährung und sein Schädel war zerdrückt. Eine  Anthropologin untersuchte die Knochen und öffnete ein kleines Fenster in die Vergangenheit. So erfuhren wir, dass das Kind seine Arm- und Beinmuskeln und -knochen überdurchschnittlich hoch belastet hat. Das Kind musste also für sein Alter zu viel arbeiten und es war mangelernährt. Gab es Sklaven bei den Slawen? Eine Untersuchung auf Herkunft des Kindes wurde nicht durchgeführt, also ist nicht klar, ob es sich um einen Slawen handelte oder etwa um ein geraubtes Kind.

In der Umgebung des Kindes wurde auch nichts weiter gefunden, was seinen Tod in der Teergrube näher erklären könnte oder Rückschlüsse auf eine herkömmliche Bestattung zulässt. Bestattungen innerhalb der Siedlung waren bei Slawen eher selten, daher kam ich zu der Annahme: es war keine reguläre Bestattung.

Welche Mythologie magst du am meisten?

Als Klassische Archäologin muss ich sagen: die griechische. Sie beinhaltet viel, was das echte Leben auch hat. Jeder Gott und jeder Halbgott hat menschliche Züge, nicht wie im christlichen Monotheismus, in dem der absolute Gott alles richtig macht und alles richtige fordert. Im alten Griechenland sind die Gottheiten mehr ein menschliches Ebenbild. Es gibt auch viele weibliche Gottheiten. Die Eingottheit der Christen find ich schwierig vorzustellen, und dann ist er den Menschen nicht gleichgesetzt, sondern überlegen. Und er ist ein Mann.

Im alten Griechenland war die Mythologie vielschichtig und dem Leben näher. Man stritt und man einigte sich. Bei den Christen gibt es nur schwarz und weiß, alles ist richtig, dann bist du heilig oder du machst es falsch, dann bist du gefallen und schlecht. Es gibt wenig bis nichts dazwischen.

Welche mythologische Gestalt magst du am meisten?

Mein Autor heißt Hermes. Reicht das?

Was verabscheust du am meisten?

Gleichgültigkeit.

Was rätst du jungen Frauen von heute?

Gebt euch die Möglichkeit, euch zu entfalten. Schaut, wer ihr wirklich seid und was ihr machen wollt. Entdeckt und entwickelt euch.

Aktuelle Beiträge

Meistgelesen

Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

Kontakt

Barbara Fischer Reitzer.