Frauen als Kriegsbeute in Sumer

Autorin: 

Gera Kessler, Haus der Frauengeschichte Bonn

Zunächst einmal ist bedeutsam, dass auf den vorhandenen Bilddokumenten bei den Massakrierten keine eindeutig als weiblich gekennzeichneten Menschen gezeigt sind. Der Herrscher stellt sich dar als Herr über die gegnerischen Männer. Daraus lässt sich schließen, dass die Krieger, die die Nachbarstädte zerstören, bei den zweifellos durchgeführten Massakern gegenüber Frauen eine andere Haltung einnehmen als gegenüber den gegnerischen Männern.

Es gibt Hinweise darauf, dass es den kriegführenden Herrschern bei der Zerstörung einer Stadt vor allem darauf ankommt, die feindliche Stadtgöttin zu stürzen. Leiten sie ihre eigene Legitimation noch von der eigenen Stadtgöttin ab. Die Priesterinnen, die den Kult der fremden Göttin zelebrieren, werden die in die Fremde fortgeführt. Das war dann für die Sieger der Beweis, dass die eigene Stadtgöttin und Stadtkönigin mehr Macht besitzt. Damit sind sowohl der Überfall als auch die Erbeutung der Reichtümer gerechtfertigt.  

Zu den Frauen als Kriegsbeute haben wir aus diesen ersten sumerischen Stadtstaaten folgenden wichtigen Hinweis: Es gibt nur die weibliche Lesart für das Wort Sklavin, ein ursprüngliches sumerisches Wort, während es für männliche Sklaven zunächst gar keine Bezeichnung gibt. Erst später kommt ein Wort mit semitischem Ursprung für männliche Sklaven dazu. Das bedeutet wohl, dass in der Frühzeit zunächst nur die Frauen zu Sklavinnen gemacht wurden, während die Männer, wie auf den Bildern dargestellt, getötet und zur Selbstdarstellung der Sieger benutzt wurden.

Ab etwa 2900 BC taucht in den Tempelaufzeichnungen die Beschäftigung von Menschen mit geringeren Rechten, also Sklaven, auf. Später kommt zu der Benennung zusätzlich zur Geschlechterkennzeichnung  Mann oder Frau ein Wort für Fremdland hinzu. Das  zeigt, dass diese dort beschäftigten Personen mit geringeren Rechten nicht aus dem eigenen Gemeinwesen, sondern aus den besiegten anderen Stadtstaaten stammen.

Wir erkennen hier den ursächlichen Zusammenhang zwischen Staatenbildung, Krieg und Sklaverei, d.h. Entmenschlichung von Fremden, in den sich der Anfang der Minderbewertung und Unterdrückung der weiblichen Lebenskraft nahtlos einfügt.

Wie ergeht es konkret den Frauen in den fremden Gemeinschaften?

Zunächst einmal erleben sie die Massaker an den Menschen ihrer Gemeinschaft mit, alle ihre Verwandten sind tot und die eigene Stadtgöttin ist zerstört. Sie garantiert bis dahin das Leben und Wohlergehen - und da sie ins Fremdland verschleppt wird, bedeutet, dass es keine Aussicht auf Rückkehr gibt.

Aus einem sumerischen Text, der die Klage einer vermutlich höher stehenden Frau einer eroberten Stadt enthält, ergibt sich, in welcher Weise die Eroberung der Städte mit der Erniedrigung der Frauen einherging:

„Ach, dieser mein Tag, an dem ich vernichtet ward“

„Schweren Tritts die Stiefel des Feindes in meine Kammer traten!

Seine dreckigen Hände streckte dieser Feind nach mir aus!....

Meines Gewands beraubte mich dieser Feind

Und kleidete sein Weib darin,

Dieser Feind durchschnitt meiner Gemmen Schnur

Und behängte damit sein Kind,

Mir war, die Flure seines Hauses zu wandeln, bestimmt.“

Die Frauen kommen zu fremden Menschen, die nach Gutdünken über sie verfügen. Ganz sicher werden sie in den Haushalt der Sieger eingegliedert - dort unterstehen sie auch den Ehefrauen bzw. der Herrscherin -  und wir haben keinen Grund nicht anzunehmen, dass die Frauen den Besitzern auch sexuell zur Verfügung zu stehen hatten. Für die Sklavinnen in den privaten Haushalten wird es im Verlauf der Zeit sicher auch persönliche Beziehungen zu ihren Besitzern gegeben haben.

Darüber, wie weit die Verfügungsgewalt über Sklavinnen ging und wie sich das in die bestehende Gesellschaft einfügte, gibt es wenig schriftliche Texte, so dass die archäologischen Befunde und ihre Interpretation eine wichtige Quelle sind.

Aus der Zeit der 1. Dynastie von Ur (2600 BC) ist eine Fülle von Gräbern gefunden worden, die vor allem den Tempel- und Palastbezirken zuzuordnen sind. 

Innerhalb der Königsgräber von Ur gibt es das Grab der Königin Puabi – ihr Name ist auf einer Perle eingraviert -, die mit kostbarem Schmuck und anderen Gegenständen begraben wird. In  diesem Grab werden, wie in anderen Gräbern auch, weitere 74 Personen gefunden, davon 64 weibliche, von denen angenommen werden kann, dass sie gleichzeitig mit ins Grab gingen. Diese weiblichen Personen sind ebenfalls mit Kostbarkeiten ausgestattet, z.B. ähnlicher Kopfputz wie die Königin, oder mit Musikinstrumenten und Kosmetiktöpfchen. Aus dem Vergleich der Grabbeigaben der Dienerinnen und Musikerinnen mit denen in Privatgräbern weist z.B. Helga Vogel in ihrer Dissertation 2008  nach, dass die Musikerinnen in ihren Berufskleidern, nicht in ihren Privatkleidern,mit bestattet werden. Mit all ihrem Schmuck und den noch ersichtlichen Fähigkeiten, gehören sie zu ihren Lebzeiten zur vorzeigbaren Ausstattung der Königin, für die auch im Tod noch ihre herrscherliche Ausstrahlung durch die Fülle ihres Gefolges und ihrer Reichtümer aufrecht zu erhalten war. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass diese mitbestatteten Frauen Leibeigene waren.  Eine glaubhafte Annahme geht daher dahin, dass sie aus Anlass des Begräbnisses der Königin getötet werden.

Dass auch Frauen Eigentümerinnen von Sklavinnen und Sklaven sind, ist belegt. Diese Tatsache zeigt, dass Herrschaft, auch die über den Körper anderer Menschen, niemals von den Herrschern aufrechterhalten werden kann, wenn es nicht irgendeine Art Einverständnis damit in dem betreffenden Staatsgebilde gibt. Und die Frauen sind zu dieser Zeit bereits eingeteilt in diejenigen, die an der Herrschaft teilhaben und diejenigen, die in der Hierarchie ausgenutzt werden.

Da die Sklaverei schon bald zu einer feststehenden Institution aller Stadtstaaten und Fürstentümern avanciert, können wir annehmen, dass die geraubten Personen mit geringeren Rechten nicht nur in die Privathaushalte, sondern bald auch in die Wirtschaft des neuen Gemeinwesens integriert werden.    

Aus der Zeit von 2400 BC, also ungefähr 500 Jahre nach den ersten schriftlichen Nachweisen für Sklaven, sind z.B. für die Stadt Lagash Tontafeln erhalten, die belegen, dass die SklavInnen für die Wirtschaft der Stadtstaaten, im Sinne von  Mehrung des Reichtums, unentbehrlich sind. 

Es gibt detaillierte Aufzeichnungen darüber, wie viele Nahrungsmittel für die in der Tempelwirtschaft tätigen Personen aufgewendet werden müssen. Die versklavten Spinnerinnen und Weberinnen z.B. werden mit nur 1/8 der Menge einer Erwachsenenperson ernährt, geschicktere Weberinnen oder die Oberaufseherinnen erhalten schon 1/6 der Ration. Die männlichen Oberaufseher bekommen dann schon die Hälfte einer Ration. Die erbeuteten Frauen waren also im Unterhalt billiger als die sie beaufsichtigenden Männer.

Hier gibt es auch erste Informationen über Kinder, Jungen und Mädchen, die offensichtlich die Kinder dieser Frauen sind: sie werden in diesen Listen aufgezählt, und bekommen 1/12 der normalen Ration, genauso wie die als Waisen genannten Kinder. Sie können entweder den Frauen zu Aufsicht gegeben worden sein, das wäre mit Spinnen und Weben zu vereinbar, oder als Lehrlinge für das Gewerbe.   

Im Ergebnis können wir sagen: Frauen sind bereits seit den frühesten Formen von Staatlichkeit  Besitztümer und Kriegsbeute für fremde Eroberer. Herrschaft gibt in diesem Kontext nicht ohne Herrschaft über die Frauen.

Frauen sind diejenigen, an denen die Institution der Sklaverei erfunden und  ausprobiert wird.

Das was Frauen auszeichnet, wird als Kriegsbeute in mehrfacher Weise ausgenutzt: nämlich ihre Fähigkeit, Kinder zu gebären und aufzuziehen; ihr Lebenswille, mit dem sie in der Fremde für sich oder zum Wohl ihrer Kinder neue Lebensmöglichkeiten erarbeiten, ihr Wissen um die Voraussetzung zur Gestaltung von Alltag, auch für das Wohl und Wehe anderer Personen , ihre besonderen Fähigkeiten und Fertigkeiten z.B. im Weben und Spinnen, d.h. der Herstellung von Reichtum, die Weitergabe ihrer Fähigkeiten und Fertigkeiten an die nächsten Generationen, die dann irgendwann sogar staatstragend wird. 

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Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

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Barbara Fischer Reitzer.