Frauen als Kriegsbeute im 2.Weltkrieg

Autorin: 

Isabel Busch, Haus der Frauengeschichte Bonn

Gerade das Thema KZ-Bordelle ist bis heute wenig thematisiert. Bei den Führungen, die heute im ehemaligen KZ Buchenwald gehalten werden, wird das Gebäude am Rand des Geländes ignoriert und es wird mit keinem Wort erwähnt, dass dort Zwangsprostitution stattfand: Weibliche KZ-Insassen, zum größten Teil aus dem Frauenlager Ravensbrück, hatten ihre Körper männlichen Insassen ab 1943 zur Verfügung zu stellen. Reichsführer SS Heinrich Himmler gab 1941 die Anordnung, diese Bordelle zu errichten, da er davon ausging, dass die Insassen fleißiger und härter arbeiten würden, wenn man ihnen gewisse Vergünstigungen, darunter den Bordellbesuch, in Aussicht stellte. Andere Überlegungen zu den Gründen für die Bordelle beinhalten eine Theorie, dass homosexuelle Handlungen zwischen den männlichen Insassen verhindert werden sollte; und dass politische Gefangene dadurch korrumpiert und erpressbar gemacht werden sollten.

Margarethe W. bleibt bis heute die einzige von ca. 133.000 Frauen, die in mindestens 10 KZs zur Prostitution gezwungen wurden, darunter Buchenwald, die ausführlich davon erzählt hat. Die Frauen, die dafür rekrutiert wurden, waren Diejenigen, die entweder wegen Prostitution interniert waren, oder, wie im Fall der Margarethe W., sich der Rassenschande schuldig gemacht hatten, dh. wenn eine arische Frau mit einem Nicht-Arier verheiratet war; die meisten waren Deutsche, aber auch Polinnen, Tschechinnen und Ungarinnen waren dabei. Sie wurden von SS-Offizieren nackt begutachtet und selektiert. Die Reaktionen der Frauen, die für die Bordelle ausgesucht wurden, waren unterschiedlich: Die Einen wussten von den Geschichten um die Bordelle für SS-Offiziere, die reine Folterkammern waren und unweigerlich den Tod bedeuteten, sobald eine Frau ausgeleiert war. Andere waren sich bewusst, dass die Prostitution einen Aufschub  und eine bessere Verpflegung bedeutete. Den Frauen wurde die Hälfte des Betrags versprochen, den die Bordellbesucher zu zahlen hatten. zuerst 2, später 1 Reichsmark, ferner wurde ihnen nach 6 Monaten die Entlassung in Aussicht gestellt.

Tatsächlich waren die Einrichtung und die Verpflegung in den Bordellen besser als in Ravensbrück. Die Frauen mussten auch nicht tagsüber arbeiten. Abends allerdings mussten die Frauen innerhalb von 2 Stunden etwa 8 Männern zur Verfügung stehen. Die Männer, die einen Antrag auf Bordellbesuch stellten, konnten ggf. auch eine Lieblingsprostituierte angeben, und eine Frau, die einen Stammfreier hatte, bekam von Diesem eventuell heimlich Nahrung, wie Fleisch, zugesteckt. Dies wurde allerdings bestraft, wenn die Frau von einer der anderen Frauen denunziert wurde. Ab Dezember 1943 wurden die regulären KZ-Aufseherinnen in den Bordellen von älteren weiblichen Häftlingen, die sowieso wegen Betreibens eines Bordells interniert worden waren, abgelöst.                                                       

Über die Bordellgänger gibt es keine einheitlichen Angaben; von den Männern im KZ Mauthausen aus den Jahren 42/43 ist zumindest bekannt, dass es sich bei den Freiern fast ausschließlich um Deutsche und Österreicher gehandelt hat; später aber auch mehr und mehr Nicht-Deutsche. Außerdem waren sie überwiegend Träger des grünen Winkels, also Kriminelle. Ehemalige politische Insassen erzählten später, es habe unter ihnen welche gegeben, die die Bordelle boykottiert hatten, da sie die Erpressbarkeit fürchteten. Auch ein schlechtes Gewissen ihrer Familien gegenüber gaben Männer an, da diese ihnen das Geld schickten. Ein schlechtes Gewissen den Frauen gegenüber spielte selten, falls überhaupt, eine Rolle. Auch nach 1945 erfuhren die überlebenden Frauen, auch von den männlichen Insassen, kein Mitgefühl, sondern Diffamierung.

Es ist nicht bekannt, ob die Frauen jemals den versprochenen Anteil erhielten. Es kann aber eher ausgeschlossen werden, da nachdem der Betrag auf 1 Reichsmark heruntergesetzt wurde, noch nicht mal mehr auf den Abrechnungen halbiert wurde. Auch die versprochene Entlassung glich einer Farce: die Frauen wurden nach Ravensbrück zurück geschickt, wo immer noch der Tod auf sie warten konnte. War eine Frau entweder schwanger, oder infiziert mit einer Geschlechtskrankheit, wurde sie ausnahmslos liquidiert. Margarethe W., die während ihrer Zeit als Zwangsprostituierte versuchte, sich die Pulsadern aufzuschneiden, erlitt einen bleibenden gesundheitlichen Schaden. Als gegen 1990 ihre Entschädigungsrente im Zuge des Rentenanpassungsgesetzes gestrichen werden sollte, erhob sie dagegen Einspruch. Der Bescheid darüber, dass ihr Einspruch abgelehnt wurde, erreichte ihren Anwalt am gleichen Tag, als Margarethe W. einem Schlaganfall erlag, am 6.10.1990.

Auch die deutschen Frauen und Mädchen, die ´45 und danach Opfer von Vergewaltigungen durch Soldaten der Alliierten wurden, waren viele Jahre lang zum Schweigen gezwungen worden bzw. schwiegen selbst aus Scham. Bis heute stehen die Vergewaltigungen der Frauen in Berlin und in den anderen Ostgebieten durch die Sowjetsoldaten im Vordergrund. Es hält sich bis heute der Mythos, dass es auf der russischen Seite einen Befehl zur Vergewaltigung gegeben habe. Dies konnte allerdings u.a. von den Autorinnen und Filmemacherinnen Ingeborg Jacobs bzw. Helke Sander und Barbara Johr widerlegt werden. Es ist zwar korrekt, dass Stalin eine Toleranz für die Eskapaden der Soldaten predigte, da sie ja schließlich ihr Leben riskiert hatten, aber die Sowjetarmee verstand sich primär als Befreiungsarmee, die auch ideologisch, durch den Kommunismus,  dem Faschismus überlegen sein wollte; so war ein wichtiger Teil der Erziehungs-und Schulungsprogramme in Politabteilungen der Roten Armee die Unterscheidung zwischen den Nazitruppen und der deutschen Bevölkerung. Durch den Konsum von Alkohol und durch andere Faktoren, die bei jeder Vergewaltigung im Krieg eine Rolle spiel(t)en, verloren die Soldaten bald ihre Hemmungen.            

Die Vergehen gegen deutsche Frauen im ehemaligen Ostpreußen wurden scharf geahndet und Augenzeugen berichteten davon, dass in mehreren Einzelfällen Massenvergewaltigungen aufs Schärfste mit standrechtlichen Erschießungen bestraft wurden. Insbesondere wurde die Vergewaltigung Minderjähriger missbilligt. Es lassen sich aber auch hier keine verlässlichen Angaben zu den Strafanzeigen und Verurteilungen machen, da keine sowjetische Stelle die Vergehen dokumentiert hat und öffentlich wie privat das Thema tabuisiert wurde/ ist.

Die betroffenen Frauen erlebten überall die Übergriffe: im Treppenhaus, in Wohnungen, in Kellern, auf offener Straße, in den Flüchtlingstrecks, während der Trümmer- und Demontagearbeiten, beim Kartoffelschälen für die sowjetischen Truppen; zum größten Teil geschahen die Vergewaltigungen öffentlich, unter den Augen der Ehemänner, Verwandten, Nachbarn, und sogar vor den eigenen Kindern. Die Frauen entwickelten eine Vielzahl von Verhinderungsstrategien: tagelanges Verstecken auf Dachböden, in Kleiderschränken, hinterm oder unterm Sofa, auf Hängeböden, auf Balkons, in Gärten, unter Kohlebergen. Mütter verkleideten Töchter als Jungen, Frauen machten sich selbst hässlich und unansehnlich oder alt. Manche taten genau das Gegenteil: Sie schminkten sich stark, um für Prostituierte gehalten zu werden, da die Rotarmisten sich vor Geschlechtskrankheiten fürchteten bzw. vor Krankheiten allgemein, was sich zahlreiche Frauen zunutze machten und (Geschlechts-) Krankheiten vortäuschten: durch Hustenanfälle, Zeigen auf Lunge, was TBC bedeuten sollte, Zeigen auf Bauch, was Syphilis andeuten sollte. Die Soldaten ekelten sich außerdem vor Menstruationsblut, so dass durch Bemalen der Oberschenkel auch das vorgetäuscht wurde. Es ist ein Fall bekannt, wo eine Ärztin Mädchen vor Vergewaltigung bewahrt hat, indem sie sie in einen Raum brachte, den sie als Typhusraum bezeichnete. Andere Strategien beinhalteten das Tragen eines Schweizer Abzeichens, das Verstecken in einer Leichenhalle und der Appell an die Kinderliebe: Eine schwangere Frau, die  entweder sichtbar schwanger war, oder auf den Bauch zeigte und Baby sagte, wurde nicht angefasst. Nicht zuletzt spielte im richtigen Moment Furchtlosigkeit und Geistesgegenwart eine wichtige Rolle. Es ist auch ein Fall bekannt, wo Frauen manipulierte Kupfer-Pessare einsetzten, um den potentiellen Vergewaltigern Schmerzen zu bereiten.

Dennoch blieb nicht aus, dass allein in Berlin zwischen Frühsommer und Herbst ´45 ca. 110.000 Mädchen und Frauen Opfer von Vergewaltigungen, meistens Massenvergewaltigungen, wurden; insgesamt belaufen sich die Hellziffern, einer Statistik zufolge, derer sich Sander und Johr bedienen, auf 1,9 Millionen Frauen und Mädchen, die Opfer der Rotarmisten wurden. Die Vergewaltigungen blieben selten folgenlos: Geschlechtskrankheiten führten u.a. dazu, dass Penicillin sehr begehrt auf dem Schwarzmarkt war. Auch Schwangerschaften blieben nicht aus; und während es in Berlin eine stillschweigende Einigkeit unter Ärzten und Behörden gab, die vielen Frauen eine heimliche Abtreibung (ambulant, wegen dem fehlenden Platz in den Krankenhäusern  und meist ohne Narkose, aus Mangel an Medikamenten) ermöglichte, war es für die Frauen auf dem Land weitaus schwieriger, abzutreiben. Viele junge Mädchen waren zudem so schwer im Intimbereich verletzt, und nicht zuletzt auch psychisch traumatisiert, wie auch die älteren Frauen, dass für sie fortan kein normales Sexualleben mehr möglich war.  Es gab auch nicht wenige Frauen, die den einzigen Ausweg im Freitod sahen. Andere wurden allerdings auch von ihren nächsten Angehörigen zum Selbstmord gedrängt bzw. womöglich sogar ermordet. Denn die verletzte Ehre der männlichen Angehörigen war nicht zu unterschätzen. Das war auch ein Hauptgrund dafür, dass viele Frauen ihre Vergewaltigung verschwiegen. Vorsichtigen Schätzungen zufolge fanden ca. 10.000 Frauen den Tod oder erhielten bleibende gesundheitliche Schäden; durch Krankheit mit Todesfolge, Selbstmord, Misshandlung mit Todesfolge, oder Tötung.

Über die Vergewaltigungen durch Soldaten der westlichen Alliierten lassen sich noch weniger Angaben machen. Spätestens nach der Blockade Berlins ´48/´49 und der Zementierung der Fronten des Kalten Krieges wurde das Bild des guten Besatzers, insbesondere des guten Amerikaners und des bösen Russen gepflegt. Recherchen durch die Autorinnen Sander und Johr bei der amerikanischen Militärjustiz haben Verurteilungen wegen Vergewaltigung bei der Luftwaffe zwischen Januar ´42-Juni ´47 zutage gefördert, bei der Kriegsmarine und Marineinfanterie gab es keine Angaben. Problematisch ist es zudem, wenn aus dem Kapitalverbrechen Vergewaltigung versuchte Unzucht  bzw. widernatürliche Unzucht mit Minderjährigen wurde. Eine Statistik bringt  971 wegen Vergewaltigung verurteilte Soldaten hervor, davon wurden 52 hingerichtet. Man weiß auch von Vergewaltigungen durch französische Soldaten in Stuttgart und Umgebung; die Polizei ermittelte, Sander und Johr zufolge, 1198 Vergewaltigungsfälle. Auffällig ist allerdings, dass es zu Vergewaltigungen durch britische Soldaten keinerlei Angaben gibt. Auf Anfrage der genannten Autorinnen antwortete das British Embassy Berlin Office, dass es nicht möglich sei, Informationen dieser Art mitzuteilen.

Die Frauen selbst fanden ihre eigene Art, unmittelbar nach den Taten damit umzugehen. So entwickelten sie untereinander einen „Galgenhumor“, der u.a. auf die Verspottung der sexuellen Qualitäten der Vergewaltiger abzielte. Von den Menschen ihrer Umgebung konnten sie wenig Solidarität oder Mitgefühl erwarten; im Gegenteil. Je mehr sich das Leben in Deutschland „normalisierte“, desto mehr wurde den Frauen die Möglichkeit genommen, durch Auflösung der Frauensolidargemeinschaften, kollektiv ihre Traumata zu verarbeiten. Das Thema wurde immer mehr systematisch verdrängt. Erst in den 70er Jahren, als die Frauenbewegung sexuelle Gewalt an sich thematisierte, wurde dieser Aspekt der deutschen (Nach-) Kriegsgeschichte zaghaft aufgegriffen. Die betroffenen Frauen, die sich für das Filmprojekt von Sander und Johr in den 90er Jahren zur Verfügung stellen wollten, mussten allerdings immer noch mit Stigmatisierung und Repressionen durch die eigene Familie rechnen.

 

Quellen und zum Weiterlesen:  Kassing, Reinhild und Christa Paul, „Bordelle für Häftlinge in KZs“, in: Schwarzer, Alice (Hrsg.), Prostitution-Ein deutscher Skandal: Wie konnten wir zum Paradies für Frauenhändler werden?, Kiepenheuer und Witsch, 2013

Jacobs, Ingeborg, Freiwild: Das Schicksal deutscher Frauen 1945, List Taschenbuch, 2009

Sander, Helke und Barbara Johr (Hrsg.), BeFreier und Befreite. Krieg, Vergewaltigungen, Kinder, Fischer Taschenbuch Verlag, 1995

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Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

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Barbara Fischer Reitzer.