Es gab viele schöne Momente

Autorin: 

Barbara Fischer

35 Jahre… und jetzt lässt du dein Projekt allein. Wie geht es dir damit?

Ich habe das Gefühl, dass das Projekt sehr gut aufgebaut und bestellt ist, das wir noch nie in einer so sicheren Position waren. Mit der Nachfolgerin Susanne Nießen haben wir ja auch jemanden, die die Arbeit kennt und  nicht von außen kommt. Wir sind auch in Bezug auf den Förderverein sehr gut aufgestellt, von daher bin ich sehr zufrieden und habe das Gefühl, ich kann das alles gut zurücklassen. Das Projekt wird weitergeführt werden und das war ja das Ziel. Es ist ein ganzes Team da, dass die Arbeit kennt, das engagiert ist und weitermacht. Ich lasse also nichts und niemanden allein zurück. Von daher fühlt sich das alles gut an.

Wenn du auf deine Arbeit zurückblickst, was würdest du heute anders machen?

Ich würde eigentlich gar nichts anders machen. Ich denke, ich habe das gemacht was notwendig war, um mein Projekt am Leben zu erhalten, nämlich sehr viel politische Lobbyarbeit, sehr viel Projektarbeit. Ich habe versucht, dieses Thema in die Gesellschaft herein zu bringen. Ich habe schon das Gefühl, dass das auch gelungen ist. Unser Anliegen ist gut positioniert, als eine wichtige Arbeit in der Gesellschaft. Von daher würde ich es eigentlich immer wieder genauso machen.

Was ist dir richtig gut gelungen in den 35 Jahren und worauf bist du besonders stolz?

Ich denke es ist gelungen, das Thema sowohl in die deutschen Regeleinrichtungen reinzubringen als auch in die verschieden politischen Parteien. Das Thema parteiunabhängig als ein wichtiges humanitäres Anliegen zu positionieren. Darauf bin ich stolz. Das gelang mir sehr gut. Und auch innerhalb von Köln, mit Veranstaltungen wie der Behörden Fachtagung, mit den verschiedenen Gremien, die wir in Köln auch mit anderen Verbänden zusammen gegründet haben, zusammen zu arbeiten, auch mit dem Gesundheitsamt mit den Kliniken, mit der Uniklinik. Und dann gibt es natürlich auch noch das Netzwerk von niedergelassenen Kölner PsychiaterInnen und PsychologInnen, das haben wir etabliert. Darauf bin ich insgesamt schon sehr stolz.

Regeleinrichtungen: damit meine ich die Einrichtungen, die normalerweise nur die deutschen Menschen frequentiert haben, wo Flüchtlinge bis dahin nicht so wahrgenommen und als eigenständige Gruppe angesehen wurden, zum Beispiel die LVR Klinik, die Erziehungsberatungsstellen, die Ehe- und Lebensberatungsstellen. Dort haben wir deutlich gemacht, dass auch Flüchtlinge einen Anspruch in einen Bedarf auf Unterstützung haben, das war vor 35 Jahren Neuland und vielleicht sogar vor zehn Jahren war es noch nicht so Gang und gäbe.

Was war dein schönstes Erlebnis in den 35 Jahren?

Das ist ganz schwer zu sagen. Es gab ganz viele schöne Momente. Vor allem immer dann, wenn man dachte, die oder die Familie wird jetzt abgeschoben und man hat es im letzten Moment doch noch schaffen können, dass sie hierbleiben. Ich erinnere mich an eine afrikanische Familie, die eigentlich schon durch alle Instanzen durch war. Dann hat die kleinste, hier geborene Tochter, noch mal einen Asylantrag gestellt und ist auf eine Richterin getroffen, die anerkannt hat, in diesem afrikanischen Land gibt es Beschneidungen für Mädchen und das ist eine Menschenrechtsverletzung. Deshalb konnte die ganze Familie bleiben. Alle haben sich ganz wunderbar hier etabliert.

Davon gibt es einige Beispiele, und das sind die schönen Momente, an die ich mich gerne erinnere. Auch, dass sich Kardinal Woelki hinter uns gestellt hat, gerade in einer Zeit, als 2015 die EU Förderung ausgefallen ist. Da hat er uns anlässlich des Besuches von Wolfgang Schäuble mit einer großen Summe aus dem Fonds unterstützt. Dank dieser Hilfe konnten wir weitermachen. Das war damals eine sehr kritische Situation. Und das hat mich natürlich sehr gefreut.

Was war dein schlimmstes Erlebnis?

Das schlimmste Erlebnis ist immer, wenn mitten aus der Therapie heraus jemand abgeschoben wird. Wenn man alles versucht hat, und trotzdem hat der- oder diejenige nicht sein Recht bekommen. Das habe ich immer als sehr belastend erlebt.

Und wirklich auch eines der schlimmsten Erlebnisse war, als 2015 beide EU Anträge abgelehnt wurden und unsere Existenz damit auf dem Spiel stand. Ich musste Personal entlassen. Das ist mir sehr nahe gegangen.

….da ist die EU aus der Finanzierung praktisch ausgestiegen.

Ja… aber, alles gemeistert und repariert. (Lacht)

Es gab noch ein Leben außerhalb deiner Arbeit. Was hast du am liebsten gemacht?

Um ehrlich zu sein, so ganz viel Zeit ist da gar nicht geblieben. Ich hatte ja noch meine Familie, ich habe noch eine psychoanalytische Praxis gehabt, diese Arbeit hat mir auch immer sehr viel Freude gemacht. Dann habe ich einen Sohn. Wir sind sehr viel in den Zoo gegangen, in Museen… Ich hab gestern noch zu meinem Mann gesagt, es ist wieder so eine schöne Ausstellung im ostasiatischen Museum, als unser Sohn klein war, sind wir da oft hingegangen. Die Beschäftigung mit meinem Sohn war immer zentral und neben meiner Arbeit sehr wichtig und schön. Dann bin ich auch noch eine Gartenliebhaberin, die Arbeit im Garten hat mir Freude gemacht, ich koche auch sehr gerne… Ganz einfache Dinge, nichts besonderes.

Welche Pläne hast du jetzt?

 Ich will erst mal ein bisschen relaxen. Ich lese ganz viel. Ich habe zum Abschied ja wunderschöne Dinge geschenkt bekommen, obwohl ich ja extra gesagt habe, ich möchte gar nichts haben, sondern nur Spenden für den Förderverein. Aber da hat sicher keiner dran gehalten. (Lacht) und unter all den schönen Sachen waren auch sehr viele Bücher. Und ich lese jetzt erst mal sehr viel, was ich über Jahre, vielleicht Jahrzehnte überhaupt nicht gemacht habe. Als junges Mädchen habe ich in der Woche 4-5 Bücher gelesen, aber als ich dann angefangen habe zu arbeiten, mit Familie und allem… Hatte ich einfach keine Zeit mehr dafür. Und jetzt habe ich die Zeit. Das ist wunderbar. Manche Dinge, so wie dein Gedichtband, lese ich drei bis viermal. Daneben baue ich meine psychoanalytische Praxis jetzt erst wieder etwas aus. Aber ich nehme mir auch erst mal Zeit, so ein bisschen Urlaubsstimmung zu haben. Wir werden viel reisen, wir haben viele nette Freunde die uns eingeladen haben. Das werden wir jetzt machen.

… Das klingt nach einem guten Plan!

Ja. (Lacht)

Danke für das Gespräch.

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Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

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Barbara Fischer Reitzer.