Do - Der Weg zur inneren MeisterIn

Autorin: 

Barbara Fischer

 

Der Weg zur Sensei beginnt für Saskia Schottelius völlig harmlos, als sie 1993 neben ihrer Promotion und nach einer Ausbildung zur Mental-Trainerin mit dem Karate Training startet. Sie merkt durch den Sport und den Blick über ihren Tellerrand, in welchen Strukturen sie gefangen ist während ihres Studiums:

sitzen, Kaffee trinken, essen, rauchen, lesen, schreiben… Dann 5 Jahre Einzelhaft für die Promotion. Und irgendwann dachte ich, es ist so ein abtötender Prozess dieses Intellektuellendasein, das wir hier in unseren westlichen Kreisen führen, ich möchte daran nicht mehr teilhaben. Und ich habe gemerkt, ich möchte auch als Frau an der Uni nicht daran teilhaben. Es gab nur maskuline Vorbilder, vorwiegend männliche Professoren. Eine einzige Assistentin, die mich mit meiner Magisterarbeit  betreut hat, Ingeborg Bachmann als Thema, alle anderen haben signalisiert: Kein Interesse. Mein Doktorvater hat dann vorgeschlagen, dass ich die Doktorarbeit nach dem Magister über ein anderes Thema schreibe: Die Idee des Schicksals in der Literatur.Und ich habe ganz schnell verstanden, dass du als Frau an der Uni leicht kaputt gehen kannst, so wie viele, die ich gesehen habe, zu viel Alkohol, zu viel Nikotin, eingesperrt in ihren Bücherschrank und keine Karriere wirklich in Aussicht. Du verdienst nie richtig und wirst immer vertröstet, gerade als Frau. Bis zu 80% der Studierenden im Fach Germanistik sind Frauen und immer noch gibt es vielerorts nur  8-10% weibliche Professoren.

Saskia Schottelius gibt für die Karate-Kampfkunst ihre akademische Laufbahn auf und es stellt sich für sie im Laufe der nächsten zehn/zwanzig Jahre heraus, dass hinter der Kampfkunst eine sehr lebbare Philosophie steht, die weit über das hinausreicht, was viele unter Selbstverteidigung verstehen. Darüber hat sie jetzt ihr Buch geschrieben. Darüber, dass es tatsächlich in jeder Situation im Leben möglich ist,

deinen eigenen Film zu drehen und Regie zu führen bei dem, was du machst. Du musst niemals Opfer deiner eigenen Struktur werden, um es mal negativ zu sagen. Mein Anliegen ist es, alles immer so zu formulieren, dass es nicht schöngeredet ist, aber aus der positiven Perspektive gedacht und dann ausgesprochen wird.

Positiv denken, sprechen und handeln, ihr heutiges Grundanliegen. Es klingt vielleicht ziemlich banal, doch der Weg will gegangen sein, bis das klar formuliert, gefühlt und täglich umgesetzt werden kann.

Saskia lernt in Bonn bei einer holländischen Trainerin, Drs. (NL) Marga Smit, einer Schülerin von Wendi Dragonfire aus den USA. Sie unterrichtet in der alten Turnhalle einer Schule jenes Shuri-ryu-Karate, das Saskia bei ihr lernt und bis heute im Wesentlichen beibehält.

Wendi Dragonfire lehrt in den USA und den Niederlanden bereits seit den 80er Jahren ihren feministischen Stil und bringt eine Menge Trainerinnen hervor, die sich für ein freies selbstbestimmtes Leben von Frauen einsetzen. Das geschieht zu einer Zeit, in der Frauen ihre Männer um Erlaubnis bitten müssen, wenn sie arbeiten gehen wollen, eine Wohnung mieten oder ein Konto eröffnen und in der kriegstraumatisierte, gewalttätige Männer ihre Frauen, oft junge Mütter, zugrunde richten.

Viele Frauen beginnen eine Kampfsportausbildung, nachdem sie eigene Gewalterfahrungen gemacht haben. Sie treibt der Wunsch, stark zu werden und sich verteidigen zu können. Das ist bei Saskia nicht anders. Doch sie findet über die Kampfkunst zu dem Aspekt, der sie schon lange auf ihrem Weg begleitet: das Persönlichkeitstraining.

Du lernst und du erlebst auf dem Weg deiner Kampfkunst oft erstmals, wie du mit dir selber umgehst in schwierigen Situationen. Zum Beispiel werden viele sehr schnell ungeduldig, wollen darüber reden oder irgendjemanden verantwortlich machen.  Aber das geht im Dojo nicht, du musst lernen, mit deiner Ungeduld und deinem Ehrgeiz irgendwie zurecht zu kommen. Du stößt ständig an deine eigenen Grenzen. Guckst dauernd in einen Spiegel. Du merkst, genauso wie du vielleicht mit deiner Partnerin im Training umgehst, gehst du  mit dir selber um. Du lernst ganz viele Dinge loszulassen. Du lernst über eigene Grenzen zu gehen und auch mal klar Stopp zu sagen, Haltung einzunehmen, Standpunkte zu beziehen. Das alles lernst du ausschließlich über Bewegung und schweigend.  Das ist der große Unterschied zu unserer verquasselten Gesellschaft, es geht viel tiefer.

Im Kölner Dojo

Auch mit dem sportlichen Aspekt und dem Persönlichkeitstraining erschöpft sich die Fundgrube Kampfkunst für Saskia noch nicht. Ihren dritten Ansatz bezeichnet Saskia selbst als ihre gewagteste These.

Der dritte Schritt ist das eigentliche Thema meines Buches, nämlich dass ich glaube, und das ist jetzt ein bisschen übertrieben und überspitzt formuliert: ich glaube, dass die Körperweisheit und das Körperwissen dem Intellekt überlegen sind. Und dass du über Körperwissen, das ohnehin schon in dir drin steckt, zu einer größeren Entfaltung deiner Persönlichkeit gelangst, als über Debatten, Diskussionen und den Konsum von Büchern und Bildung. Du erlebst und du lernst so etwas wie eine intuitive Weisheit. Und das ist noch etwas anderes, als Dinge zu wissen. Davon handelt mein Buch.

Diesen Ansatz versucht Saskia  über die rein körperliche Ebene im Training umzusetzen und sie bemerkt oft, dass das für viele ihrer Schülerinnen im Anfang noch gar nicht so spürbar ist.

Erst nach und nach merken einige, da komme ich jetzt an Grenzen, an andere Themen, die mich schon länger bewegen. Das, was ich in meinen Rhetorik-Kursen mache, steht damit in Verbindung. Es geht um Durchsetzungskraft, um Haltung, um Würde, um Selbstvertrauen. Klare Sprache sprechen, obwohl wir nicht sprechen. Aber auch Block und Konter sind eine klare Sprache, oder Weiterleiten und Reingehen sind eine Form, zu antworten. Es geht darum, sicher da zu stehen, viele Frauen sind wackelig. Sie merken im Training, ich kann ja gar nicht richtig auf einem Bein stehen. Und genau das tun sie auch im Leben. Sie entdecken plötzlich, wenn ich im Training übe, diesen schulterbreiten Stand leicht bewegt mit mir zu führen, dann habe ich auch im Alltag ein ganz anderes Auftreten.

Frauenpower in schwarz, das erlebt frau in den Trainingsstunden im Kölner Dojo. Wenn klare Grenzen gezogen und Block und Konter mitsamt dem dazugehörigen Schrei geübt werden.

Beim Training

In der Abschlussübung nach der Trainingsstunde wird es ruhig. Saskia kommt noch einmal auf den Punkt und möchte, dass Frauen sich selbst in positivem Licht sehen, ihre Bedürfnisse und Grenzen klar formulieren und auf dem Weg dahin trainieren, dass das Glas halb voll ist, nicht halb leer. Es gibt viele Wege in ein erfülltes Leben, aber unumgänglich ist es, an sich selbst zu glauben und sich selbst zu lieben.

Und ich glaube, wenn du lernst, wie bei uns im Training auch in der Abschlussrunde, entgegen allen Gewohnheiten, dich nicht! zu kritisieren, indem du sagst, ach meine Koordination ist heute besonders schlecht oder; das hab ich ja gar nicht verstanden; ich glaub die Namen lerne ich nie... Und stattdessen gezwungen zu sein, am Ende der Stunde etwas Positives über dich selbst zu sagen und das vielleicht das erste Mal im Raum klingen zu hören und es vielleicht am Anfang peinlich zu finden oder komisch  oder vielleicht gar nichts zu finden, weil du vielleicht gar nichts gesehen hast in der Stunde, was dir Positives an dir aufgefallen ist, dann kannst du das trainieren.

Kampfkunst als Entwicklungsweg und Kommunikationstraining, auch wenn frau die Halle längst verlassen hat, und für mehr Frauenenergie auf dem alltäglichen Weg eines selbsterfüllten Lebens:

Ich kann nicht das Negative in der Welt bekämpfen, das ist meiner Meinung nach nicht möglich, sondern das einzige was ich tun kann, ist, das Positive in der Welt so zu vergrößern, dass das Negative an Raum verliert.

Dem Positiven mehr Raum geben im Leben, dieses Anliegen nehme ich gerne mit nach der Probestunde im Dojo.

Aktuelle Beiträge

Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

Kontakt

Barbara Fischer Reitzer.