Die Waffen nieder – Für eine geschlechtergerechte Friedenskultur

Autorin: 

Isabel Busch, Haus der Frauengeschichte Bonn

Dr. Susanne Hertrampf (Foto) referiert an diesem Nachmittag als erstes über Bertha von Suttner (1843-1914). Die Dauerausstellung des HdFG, (Raum 5, Geschlechterdemokratie in Deutschland 1850-1938) würdigt das Zitat der Österreicherin an prominenter Stelle: Ja, ja, das wahre Wort-die aufgedeckte Wirklichkeit ist frevelhaft, ist schamlos…

Die zwei letzten Adjektive beziehen sich auf die Aussage Bertha von Suttners in ihrem Roman Die Waffen nieder (1889), sie benennt, was Krieg in Wahrheit bedeutet: ein Instrument für die Mächtigen, der den ökonomischen Interessen der Rüstungsindustrie dient. Das kommt Ihnen bekannt vor? Wir wissen auch, wie schamlos und frevelhaft es noch heute ist, Kriege als das zu entlarven, was sie wirklich sind.

Suttner demaskiert schon zu ihrer Zeit, da Krieg mit Ruhm und dem ehrenhaften Heldentod assoziiert wurde, den Heldentod als Mythos und richtete sich gegen das Feindbilddenken. Sie rief insbesondere die Frauen auf, zu reflektieren, kritisch zu hinterfragen und mitzureden. Als Frauenrechtlerin verstand sich Suttner selber allerdings nie.

Als nächstes widmete sich die Referentin einer wichtigen Größe in der 1904 gegründeten Internationalen Frauenstimmrechtsbewegung: Anita Augspurg (1857-1943). Für Augspurg lag der Schlüssel zur Friedenserhaltung im Frauenstimmrecht, bzw. der politischen Partizipation der Frau. Sie vertrat dabei durchaus radikale Ansichten und war gegen das Flottenabkommen.

An dieser Stelle des Vortrags gelangte die Referentin zum Ersten Weltkrieg. Der Begriff „Ausbruch“ wurde  von Dr. Hertrampf mit Zustimmung der Besucher_innengruppe verworfen, da er suggeriert, dass der Krieg quasi „wie aus dem Nichts“ gekommen sei. Der Vorstand der Internationalen Frauenstimmrechtsbewegung appellierte an die britische Regierung, nichts unversucht zu lassen, um den Krieg friedlich zu beenden und warnte vor dem drohenden blutigen Unheil. Wie die Geschichte nicht zum letzten Mal lehrt, stieß dieser Appell auf taube Ohren. So entschlossen sich die Frauen, einen internationalen Frauenkongress anzuberaumen.

Anita Augspurg und ihre Lebensgefährtin Lida G. Heymann (1868-1943) beteiligten sich an dem Vorbereitungstreffen in Amsterdam im Februar 1915. Auf diesem Kongress, der zunächst nur „in kleinem Kreis“ stattfand, d.h. mit Deutschen, Belgierinnen, Engländerinnen und Niederländerinnen, wurde u.a. festgelegt, dass es keine Schuldfrage geben dürfe. Ein weitsichtiger Vorschlag, der natürlich keinen Eingang in die offizielle Politik fand. Die desaströsen Folgen der im Vertrag von Versailles 1919 festgenagelten Schuldfrage belegen, wie essentiell dieses Anliegen war.

Schließlich kam es vom 28.4.-1.5. 1915 in Den Haag zum Internationalen Frauenkongress: Ca. 1.136 Teilnehmerinnen aus 12/ 13 Ländern (Irland wurde damals noch mit Großbritannien zusammen genommen) kamen zusammen. Sie verfassten Resolutionen, in denen sie das Selbstbestimmungsrecht der Völker, den Schutz von Minderheiten, Abrüstung, internationale Zusammenarbeit und Frauenrechte forderten und in denen sie die Vergewaltigung von Frauen im Krieg als Kriegsstrategie benannten. Anhand dieser Agenda wird die Fortschrittlichkeit des Kongresses  deutlich, denn das Tabu-Thema Vergewaltigung als Kriegsstrategie wurde tatsächlich erst im Zuge des sog. Balkankonflikts Ende des vergangenen Jahrhunderts enttabuisiert.

Die Frauen gründeten auf diesem Kongress einen internationalen Frauenausschuss für dauernden Frieden, 1919 umbenannt in Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF). Die Liga bestand aus nationalen Sektionen. Die deutsche Sektion wurde von Gertrud Baer (1890-1981) geleitet. Ein Netzwerk entstand, mit Stützpunkten in 95 Städten. Allerdings mussten sich die Frauen als „Handlangerinnen Moskaus“ diffamieren lassen, die angeblich die Interessen der Kommunisten vertraten.

Das gleiche Muster wiederholte sich nach 1945 in der BRD, als Klara Maria Fassbinder (1890-1974), Leiterin der Westdeutschen Frauenfriedensbewegung, für einen Dialog mit der UdSSR eintrat. Diese Westdeutsche Frauenfriedensbewegung entsprang einem Frauenfriedenstreffen im Oktober 1951, als Reaktion auf eine geplante Wiederaufrüstung der BRD. Die als „Handlangerin Moskaus“ diffamierte Fassbinder bekam 1953 Berufsverbot, wurde aber 1956 rehabilitiert.

Ein neues Thema kam im Zuge des Natodoppelbeschlusses 1979 auf. Es wurde darüber diskutiert, ob die Wehrpflicht auf Frauen ausgeweitet werden sollte. Diese Diskussion spaltete die westdeutsche Frauenbewegung. Der eine Flügel des neuen Feminismus war darüber entrüstet („pun intended“) und startete eine Kampagne „Frauen in die Bundeswehr-Wir sagen Nein!“. Diese Frauen betonten den Aspekt der fürsorglichen Mütterlichkeit, die Konflikte friedlich lösen könnten, wie das bereits die deutsch-jüdische Feministin Johanna Loewenherz 1895 tat. Dieser Flügel wollte mit den männlichen, insbesondere den männlich-militärischen Strukturen nichts zu tun haben.

Die andere Seite, der u.a. Alice Schwarzer angehörte, kritisierte allerdings, dass dieser Differenzfeminismus die Frauen zurück in die private, häusliche Sphäre drängen würde. Sie plädierten stattdessen dafür, dass Frauen in alle Machtbereiche, auch ins Militär, eindringen sollten, damit sie von innen heraus die Strukturen ändern könnten.

Auch in der DDR regten sich Proteste und Künstlerinnen und Schriftstellerinnen wie Christa Wolf setzten sich für Frieden ein. So ist Wolfs Roman Kassandra von 1983 als Reaktion auf den Natodoppelbeschluss zu interpretieren. Kassandra warnt vor einem unheilvollen Krieg und wird, wie einst die Frauen vor dem 1. Weltkrieg, ignoriert.  Wegen der Diskussion um die Einbeziehung von Frauen in die männliche Militärmaschinerie initiierte die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley (1945-2010) 1982 in Ost-Berlin Proteste gegen das DDR-Wehrdienstgesetz zur Einbeziehung von Frauen in den Militärdienst. Daraufhin gründeten sich in mehreren Städten der DDR Frauen-für-Frieden-Gruppen, in Ost-Berlin, Halle, Magdeburg, Dresden, Weimar.

Eleonore Romberg (1923-2004), die während der Nazi-Zeit aufgrund einer Behinderung durch Polio stigmatisiert und ausgegrenzt wurde, betätigte sich ab 1956 in der deutschen Sektion der immer noch tätigen Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit. Romberg war von 1972-1974 Präsidentin der IFFF.  Eleonore Romberg ließ sich 1986 auf der offenen Liste der Grünen als parteilose Friedensaktivistin für die Wahl in den Bayerischen Landtag aufstellen. Sie wurde gewählt (1986-1990) und thematisierte stetig die Bedrohung der Frauen- und Menschenrechte  durch die Geschäfte der Rüstungsindustrie. Bei einer ihrer Reden im Jahr 1988 drückte sie ihre Verwunderung darüber aus, dass sie als Einzige der parlamentarischen Frauen sich gegen Rüstung aussprach, obwohl gerade Frauen und Kinder am meisten vom Krieg berührt seien.

Zum Ende ihres Vortrags ging Dr. Hertrampf auf die UN Resolution 1325 ein, welches die Staaten dazu auffordert, sich darum zu kümmern, dass Frauen auf allen Ebenen partizipieren an den Entscheidungen zur Verhinderung, Beilegung und Bewältigung von Konflikten. Trotz dieser explizit festgeschriebenen Aufgabe versagt die UN regelmäßig in der Praxis bei der Bewältigung der Aufgabe der Sicherung des Weltfriedens. So autorisierte die UN den ersten Waffengang der USA gegen den Irak im Jahr 1991.  Im Zuge der zweiten Irak-Invasion des US-Armee gegründete sich der deutsche Frauensicherheitsrat in Bonn, der sich seither für die Umsetzung dieser Resolution auf nationaler Ebene engagiert.

Einen fast prophetischen Abschluss bildete das Interview von der Vorsitzenden der deutschen Sektion des IFFF, Gertrud Baer, das in den 70er Jahren, kurz vor Baers Tod, geführt wurde. Der Vortrag schließt mit den Worten Minna Cauers an die „Schwestern im 20. Jahrhundert“: „Vollendet, was wir begonnen“.

P.S. Vielen Dank an Dr. Susanne Hertrampf für ihr Manuskript, das meine hastig mitgeschriebenen Notizen hilfreich ergänzten.

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Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

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Barbara Fischer Reitzer.