Die Matronenverehrung im Rheinland

Autorin: 

Gera Kessler, Haus der Frauengeschichte Bonn

MATRONIS AUFANIABUS T(itus) STATILIUS PROCULUS

PRAEFECTUS LEG(ionis) I M(inervae) P(iae F(idelis)

ET SUTORIA PIA EIIUS

V(otum) S(olvit) L(ibens) M(erito).

Zu der Zeit, als diese Inschrift installiert wurde (ca. 180 n.Chr.), war das Land schon seit mehr als 200 Jahren von römisch befehligten Soldaten besetzt, in deren Gefolge auch höhere Verwaltungsbeamte mit ihren Familien gekommen waren. Das hatte naturgemäß Veränderungen bewirkt. Die im Gebiet Köln-Bonn ansässige Bevölkerung der Eburonen war ca. 50 v.Chr. durch Caesars Feldzüge und anschließenden Strafaktionen nahezu ausgelöscht. Als dann Agrippa hier eine angemessene Infrastruktur für die römische Besatzung aufbauen wollte, kamen die Militäreinrichtungen nicht ohne die Zuarbeit von Zivilpersonen aus. Man brauchte Menschen, die sich dauerhaft niederließen und das Land bestellten; und so wurde der aus dem Gebiet der Siegmündung kommende Stamm der Ubier (Männer, Frauen und Kinder) hier angesiedelt, der sich mit den Römern verbündete.

Erste schriftliche Hinweise

Aus der Zeit um 60 n.Chr. gibt es die ersten schriftlichen römischen Widmungen an die Matronen auf steinernen Denkmälern. Leider wissen wir von der Matronenverehrung vor der Römerzeit wenig, da die hier angesiedelte Bevölkerung keine schriftliche Überlieferung kannte. Dass jedoch die von den Römern Matrones, Matres, Matronae genannten Wesenheiten ursprünglich zu der ubischen/ansässigen Bevölkerung gehörten, ergibt sich aus den nichtlateinischen Beinamen, die (in lateinischer Schrift) niedergeschrieben wurden: z.B. (besonders häufig) Austriahenae, Gabiae, Gavadiae, Vacallinehae, Vatviae usw. Die ersten bildlichen, personifizierten Darstellungen mit den drei sitzenden Frauen für die Matronen gibt es erst 100 Jahre später. Um das Jahr 161 n.Chr. scheint laut  Inschrift an der Stelle des heutigen Münsters in Bonn ein Tempelkomplex den Matronis Aufanibus gewidmet worden zu sein - es wurden über 30 Weihealtäre gefunden.

Verschiedene Abbildungen lassen erkennen, dass zu dieser Zeit bereits Opferungen für die Matronen nach einem von den Römern geübten Ritus durchgeführt wurden. Auf diesem Stein hier ist die opfernde Frau rechts unten in ubischer Tracht und mit „Matronenhaube“ dargestellt, der Mann trägt eine römische Toga.

Bild 1: Den aufanischen Matronen Q Caldinius Certus L. M., Rheinisches Landesmuseum Bonn, Foto: Privatarchiv

Die Darstellung der Matronen als drei Frauen

Als Anlaß für den Bau des Tempels mit Kultbild der Aufanischen Matronen wird angenommen, dass die Legion Minerva im Jahr 161 n.Chr. in die römischen Ostprovinzen kommandiert wurde. Nach ihrer Rückkehr 184 n.Chr. haben dann die heil zurückgekehrten Soldaten gemäß ihrem Gelübde ihre Weihealtäre mit den entsprechenden Bildern dort aufgestellt. Für Bonn hat der (germanische) Name der Matronen in Bonn „aufaniae“ (70 mal) einen interessanten Zusammenhang: Als Grundwort käme „fanja“ = der Sumpf in Frage, das sich weitergebildet hat zum althochdeutschen „fenni, fenna“, und dieses erscheint noch heute im „Fennesberg“=Venusberg des Bonner Dialekts (vgl. auch „Hohes Venn“).  Nur aus den bildhaften Darstellungen können wir in etwa entnehmen, was die Anrufung der Matronen den damaligen Menschen bedeutete (es sind insgesamt ca. 1300 Weiheinschriften auf Stein gefunden worden), auch wenn die Bedeutung des Kultes sich möglicherweise während der Übernahme durch die Römer geändert hat (Manche Autoren sprechen von dem Eingehen der Matronenverehrung in einen allgemeinen Mütterkult).

 

Bild 2 Foto: Privatarchiv

Dieser Weihestein im Landesmuseum Bonn zeigt neben dem Altar mit den drei Matronen eine ganze Prozession von Frauen, die offensichtlich in dem Kult eine Rolle spielten. Die erste der Frauen auf der rechten Seite trägt ein römisches Kleid, während die anderen Frauen die ubische Tracht tragen, die gleiche wie die  verehrten Matronen.

Aufgrund einer solchen Darstellung ist die Annahme berechtigt, dass die Verehrung der Matronen ein Kult der Frauen war. Die römischen Bildhauer  übernahmen die Einzelheiten des Kultes und der Darstellung - die Dreiheit, die Tracht, die Sitzhaltung, die dargestellten Früchte, Pflanzen und Opfergaben usw. - von den Frauen, ihren einheimischen Ehefrauen, Müttern, Großmüttern.

Die Bedeutung der Matronendarstellungen

Die personifizierte Darstellung der Matronen gibt es erst nach ca. 200 Jahren römischen Einflusses, für die ursprünglichen Verehrerinnen gab es sie noch  nicht. Die mittlere der drei Frauen ist erkennbar kleiner und als Mädchen (ohne Matronenhaube) dargestellt, das spricht für eine spezifische Bedeutung von aufeinander einwirkenden Kräften. Die vielen Darstellungen von Pflanzen, Früchten und Bäumen auf den Matronenaltären geben einen Hinweis auf die  Vorstellung von machtvollen weiblichen, im Pflanzenreich manifestierten Wesenheiten und Kräften. Dazu passt sehr gut, dass genau in dem Gebiet der  Matronenwidmungen, eine auch heute noch immer wieder gepflanzte Baumgruppierung zu finden ist: nämlich zwei Bäume mit ausladenden Kronenhäuptern,  die ein aufgestelltes kleineres Steindenkmal (nach christlichem Einfluss ein heilbringend gedachtes Kreuz) zwischen sich halten. Auch Darstellungen auf den  Nebenseiten von Weihesteinen an die Matronen in Bonn und Köln zeigen diese Anordnung. Der Eindruck, der dadurch entsteht, ähnelt in auffallender Weise der Anordnung der drei Frauen auf den Matronensteinen: den beiden äußeren Frauen mit den großen Hauben und der kleineren in der Mitte.

        Fotos 3, 4 und 5: Privatarchiv

Eine über 2000 Jahre bestehende Tradition ist im ländlichen Raum nicht unwahrscheinlich, auch wenn die Inhalte verloren gegangen sind. Wir könnten jedoch damit den Ansatz einer Erklärung gefunden haben für die Vorstellungen, die den von Römern und romanisierten Einheimischen in Auftrag gegebenen und von römischen Bildhauern gestalteten, immer gleichen Matronendenkmälern zugrunde lagen.

Literaturtipps zum Weiterlesen:
Biller, Frank: Die Matronenverehrung in der südlichen Germania inferior. In: Portal
rheinische Geschichte. Landschaftsverband Rheinland (LVR), 1. Oktober 2012,
Hahl, L.: Zur Erklärung der niedergermanischen Matronendenkmäler in: Bonner
Jahrbücher 160 (1960) S. 9
Lange, Sophie: Wo Göttinnen das Land beschützten. Matronen und ihre Kultplätze
zwischen Eifel und Rhein, 2. Auflage, Fulda 1995
Eck, Werner; Koßmann,Dirk : Votivaltäre in den Matronenheiligtümern in
Niedergermanien. In: Christoph Auffarth (Hrsg.) Potsdamer
altertumswissenschaftliche Beiträge. Band 28). Stuttgart 2009, S. 73 ff.
Göttinger Akademiekommission: Matronen und verwandte Gottheiten in: Beihefte der
Bonner Jahrbücher Band 44, Köln 1987

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Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

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Barbara Fischer Reitzer.