Die dem Stern folgen (2) - 30 Jahre Therapiezentrum für Folteropfer

Autorin: 

Barbara Fischer im Gespräch mit Brigitte Brandt-Wilhelmy, Leiterin TZFO

6. 1995 hat das TZFO die Frauenverfolgung zum Thema erhoben und eine Anerkennung geschlechtsspezifischer Asylgründe gefordert. Anlass waren die systematischen Vergewaltigungen im Bosnienkrieg. Was hat sich geändert? Ist das Thema ein Schwerpunkt in der EU geworden? Welche Lücken siehst du in der psychosozialen Betreuung von Flüchtlingsfrauen?

Ich halte das für einen unglaublich wichtigen Aspekt, denn oft dürfen Frauen ihre Erlebnisse nicht einmal in ihrer eigenen Familie sagen oder in der Community. Manche Frauen würden sogar Suizid begehen, wenn eine Vergewaltigung öffentlich würde. Ich meine, da muss noch sehr viel mehr getan werden an Vernetzungsarbeit. Wir haben mit dem Sozialdienst katholischer Frauen (SKF), die ja auch Anti Gewalt Arbeit machen, ein Kooperationsprojekt begonnen. Doch wir konnten für dieses Jahr keinen neuen Antrag stellen, weil uns das Personal fehlt. Ich hätte es so wichtig gefunden, in diesem Komplex weiter zu arbeiten, aber mir fehlt das Personal, um solche, für uns ja kleine Projekte, zu koordinieren  und umzusetzen.

Ich muss jetzt erst mal das kindertherapeutische Projekt neu aufbauen. Das ist kollabiert durch die Ablehnung der EU -Projekte. Wir müssen wirklich sehen, dass wir erst mal das Zentrum stabilisieren, dann das kindertherapeutische Team neu aufbauen. Und wir müssen durch Stiftungsanträge sicher stellen, dass die weggebrochenen Finanzmittel, v.a. auch für die Gruppenarbeit, wieder reinkommen. Ich habe viel zu wenige PsychologInnenstellen, nur 3, 7. Im nächsten Jahr werden wir zwar eine Kindertherapeutin neu hinzu kriegen. Aber die Projektanträge kommen ja zusätzlich zu der therapeutischen Arbeit der KollegInnen dazu. Wenn wir eine Regelfinanzierung hätten, könnten wir drei bis viermal so viele PatientInnen betreuen und uns auf die wichtigen Themen konzentrieren.

7. Seit 2011 ist Gendermainstreaming ein Arbeitsschwerpunkt im TZFO. Würdest du ihn weiterempfehlen?

Ja, absolut! Früher war ich stark Frauenbewegungs beseelt. Heute sehe ich beide Seiten, beide Aspekte viel stärker. Ich habe selber einen Sohn bekommen. Und habe festgestellt, die Frauen- und Mädchenförderung war richtig, notwendig und hat viel gebracht. Die Mädchen von heute sind emanzipiert und leistungsstark und haben die Jungs überholt. Allein bei den schulischen Leistungen. Und ich sehe das sowohl im Privaten bei meinem Sohn und seinen Freunden, als auch in der internationalen Tendenz, dass die Jungs abgehängt werden und auch psychisch labiler sind als die Mädchen. Es gab einen Kongress zu dem Thema hier in Köln, auf dem nachgewiesen wurde, dass ähnliche Projekte, wie wir sie für Mädchen gemacht haben, jetzt für Jungs nötig wären. Eine Förderung, in der die spezifischen Bedürfnisse und Nöte der Jungs beachtet werden. Die brauchen nochmal ganz andere Dinge, als Mädchen. Deswegen haben wir hier im Zentrum auch gesagt, wir machen nicht nur Mädchen- und Frauengruppen, sondern wir machen auch zwei Jungsgruppen. Und das ist meiner Erfahrung nach richtig, weil gerade Jungs viel bedürftiger sind als Mädchen. Ich erinnere mich, in einer Kunsttherapiegruppe hat ein Junge ein Herzchen auf ein Bild gemalt und darunter geschrieben: ich vermisse meine Mama.

8. Kannst du ein paar Worte über dein Menschenbild sagen? Kannst du es differenzieren in dein Männer- und dein Frauenbild?

(Lacht) Nee, so differenzieren kann ich das jetzt nicht. Mein Mann sagt immer, alle können tun was sie wollen, du siehst in allem auch noch das Gute. Da hat er Recht. Ich sehe eher das Gute in den Menschen und ihre Ressourcen. Ich freue mich daran, wenn Menschen sich entwickeln. Deshalb bin ich gerne Therapeutin, das ist mein absoluter Traumberuf gewesen und immer geblieben. Ich denke, in jeder und jedem von uns steckt unheimlich viel Potenzial. Und ich sehe es auch selbst bei den schwer traumatisierten Menschen, wenn man mit jemanden in Kontakt kommt, eine Bindung herstellt, ihm oder ihr die Möglichkeit gibt sich zu bilden, oder gute Bilder gegen die Schreckensbilder setzt. Dann erholen sich die Menschen auch. Alle Menschen haben sehr viele Stärken in sich. Und ich sehe die Heilung, immer wieder. Ich erlebe das.

9. Was war dir in den letzten 30 Jahren am Wichtigsten?

Dass wir das Zentrum über Wasser gehalten haben. Das war nicht immer selbstverständlich, gerade in diesem Jahr nicht. Und das ist für mich das Wichtigste. Auch persönlich.

10. Was wäre dein schönstes Ziel?

Mein schönstes Ziel wäre, dass wir endlich eine Regelfinanzierung hätten und uns wirklich, wirklich nur auf unsere eigentliche Arbeit mit den Menschen konzentrieren könnten und unsere Kapazitäten, Fähigkeiten und unsere Profession, die wir hier haben, den Menschen zur Verfügung stellen zu können. Und uns nicht dauernd in tausend bürokratische Akte verlieren zu müssen.

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Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

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Barbara Fischer Reitzer.