Die dem Stern folgen (1) - 30 Jahre Therapiezentrum für Folteropfer

Autorin: 

Barbara Fischer im Gespräch mit Brigitte Brandt-Wilhelmy, Leiterin TZFO

1. Wie gehst du als eine Frau, die sich schon seit dreißig Jahren mit den Themen Flucht, Krieg und Folter beschäftigt, mit der aktuellen Fluchtbewegung um?

Die aktuelle Fluchtbewegung ist eine Situation, die ich schon kenne. Anfang der Achtziger Jahre  kamen sehr viele Flüchtlinge aus der Türkei. Dort war die Militärdiktatur ans Ruder gekommen und hat sehr viele Folteropfer und eine Flüchtlingswelle produziert, die bis in die neunziger Jahre anhielt. In dem Zuge entstand dann eine Abschreckungspolitik. Also das ist alles für mich nicht neu.

Was neu ist, sind diese unglaublich vielen Willkommenskulturen. Das gab es damals nicht. Es gibt heute so viele BürgerInnen, die helfen wollen und das auch effektiv tun. Und es gibt eine wachsende Bereitschaft auch der Regeldienste sich dem Thema zu stellen.

Um effektiver arbeiten und auf die Situation reagieren zu können, haben wir als Therapiezentrum ein Projekt für die vielen Flüchtlingskinder gemacht, zusammen mit den katholischen Erziehungsberatungsstellen (EZB) im Diözesanverband und im Erzbistum Köln. Wir unterstützen die EZB’s bei ihrer Arbeit und sagen ihnen: das ist eine neue Zielgruppe für euch, aber ihr seid zuständig für diese Kinder und Jugendlichen und das ist eine gute Arbeit. Ihr werdet sehen, das wird euch Freude machen. Diese Kinder kommen wie der Phönix aus der Asche. Dieses Projekt setzen wir im Moment um.

Und dann melden sich auch immer mehr Berufsverbände, wie  z.B. meine eigene Arbeitsgemeinschaft, die psychoanalytische AG in Köln/Düsseldorf.  Die haben eine Gruppe gebildet, um uns zu unterstützen und bieten kostenlos Therapien für Flüchtlinge an. 

Und noch ein Beispiel: bei uns hier um die Ecke gibt es eine Firma, die haben gesagt, wir kommen immer an eurer Tür vorbei und normalerweise geben wir unseren Kunden zum Jahresende immer einen Kugelschreiber, das machen wir dieses Jahr nicht. Lieber geben wir euch den Scheck über 5000 €. Und der steht jetzt da in der Ecke.

Solche Unterstützung kommt quer durch alle Bereich der Gesellschaft. Leute sagen, wir finden eure Arbeit gut, wir unterstützen euch, und dadurch können wir unsere Arbeit erweitern. Zum Beispiel in der Gruppenarbeit für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge oder durch zusätzliche Honorarmittel im Bereich Einzeltherapie. Auch die Kommune steigt jetzt mit einem größeren Betrag ein.

2.  Aber das Ausmaß ist schon einmalig…

Ja, der Andrang ist sehr groß, es sind unheimlich viele. Wir versuchen strukturell darauf zu reagieren, wir bieten Clearing-Sprechstunden an und  haben 500 niedergelassene Psychologen und Psychiater angeschrieben. Von denen haben 80 KollegInnen sich bereit erklärt haben, Kinder und Erwachsene von uns zu behandeln. Und genau diese Bereitschaft finde ich toll. Wir konnten v.a. im Kinderbereich viele KlientInnen an die externen KollegInnen vermitteln. Auch bei den Erwachsenen.

Also, wir schaffen das unbedingt. Das ist auch eine tolle Sache. Die Leute, die zu uns kommen, sind so bereit und wollen etwas machen. Die Erziehungsberatungsstellen (EZB ) hier in Köln, die auch schon länger in Kooperation mit uns unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aufnehmen, sind so begeistert von ihnen. Diese jungen Menschen, die wollen etwas, die binden sich, die sind zuverlässig und die entwickeln sich. Die haben viele Ressourcen, die haben es geschafft, bis hierher zu kommen und die wollen daraus etwas machen. Und das ist schön zu sehen und macht den KollegInnen Freude.

Unsere Kölner EZB’s bieten jetzt auch Fortbildungen für ErzieherInnen im Kita-Bereich an. Die ReferentInnen erleben da, wie sie die Freude transportieren können, die sie selber an der Arbeit mit den Flüchtlingen haben. Und dass dann auch die ErzieherInnen Mut fassen und sagen, Mensch Klasse, ja, das machen wir, das wird klappen.

Und das ist ein ganz, ganz großer Unterschied zu den achtziger und neunziger Jahren.

3. Unter dem Eindruck der Militärdiktatur in der Türkei hast du 1985 das TZFO, damals noch „Psychosoziales Zentrum für ausländische Flüchtlinge“,  konzeptuiert und dein Vorhaben beim UNHCR, dem Flüchtlingswerk der UNO durchgesetzt. Von der Militärdiktatur wusste die ganze Welt. Was war bei dir anders? Was gab für dich konkret den Anstoß für diesen Schritt?

Das Thema Menschenrechtsverletzungen war schon mein Thema als Studentin, da habe ich ehrenamtlich bei Amnesty mitgearbeitet und habe mit zwei anderen Frauen ehrenamtlich das Kölner Flüchtlingsreferat geleitet, für Menschen, die in Not geraten sind und ihre Rechte nicht vertreten konnten,  die schwerst traumatisiert worden sind. Ich wollte denen beistehen, weil es uns so gut geht. Und dann sagte mir jemand, dass beim Caritas-Verband eine Stelle für Flüchtlingsarbeit ausgeschrieben war, vom UNHCR, vom Hohen Flüchtlingskommissar der UNO. Das war zwar eine Sozialarbeiterinnenstelle und ich habe ein Diplom als Psychologin, aber ich dachte, ja, das ist dein Ding, das willst du machen. Das war im Oktober 1982. Und der Kollege von der UNO hat mich ausgewählt, weil ich damals schon auch Erfahrungen mit Frauengruppen hatte. Ich habe mit traumatisierten Frauen ehrenamtlich gearbeitet. Und so habe ich erst mal als Sozialarbeiterin angefangen, aber schnell gemerkt, Sozialarbeit allein, das reicht nicht. Heute wissen wir, dass ca. 40% der Flüchtlinge schwer traumatisiert sind. Ich habe dann eine Konzeption entwickelt für ein Therapiezentrum für Folteropfer und habe das dem UNHCR vorgestellt. Das war anfangs fast schon skurril. Sie fragten, wie viele Leute wollen Sie denn versorgen? Ich antwortete, mit einer Stelle, anderthalb, vielleicht vierhundert pro Jahr. Aber der UNHCR war diese Großlager gewöhnt damals in Thailand, und den Philippinen wo 300 000 - 400 000 Leute lebten.  Und wir mussten erst mal klären, dass wir etwas ganz anderes planen als ein Lager. So eine Art Ambulanz, in der es um klinische und therapeutische Arbeit geht. Es ging nicht darum, ein Flüchtlingslager aufzubauen, sondern die Menschen zu integrieren. Denn wer schwer traumatisiert ist und nicht behandelt wird, chronifiziert und kann sich dann auch schwer konzentrieren und sein Leben nicht bewältigen. Das konnte ich verständlich machen. Der UNHCR hat gesagt, so ein Zentrum wollen wir, das wollen wir unterstützen, das ist wichtig. So hat das angefangen. Nach einigen Jahren ist der UNHCR ausgestiegen und hat gesagt, Deutschland ist ein reiches Land, die Bundesregierung muss diese wichtige Arbeit aus eigenen Mitteln finanzieren. Unser Anteil der Mittel floss dann nach Litauen, was sehr sinnvoll war. Leider ist nicht eingetreten, was der UNHCR dachte, die Bundesregierung hat sich zu keiner Regelfinanzierung durchgerungen, bis heute nicht. So dass praktisch die letzten dreißig Jahre Kampf waren. Wobei ich immer schon ein kämpferischer Typ war, viel Feind, viel Ehr. Also ich war da richtig.

Es war auch wirklich eine Herausforderung. Immer wieder Anträge stellen bei der EU und anderen Geldgebern, damit konnten wir das Zentrum immer weiter ausbauen. Die Anträge waren meistens doppelt abgesichert, weil ich dachte, wenn der eine nicht kommt, kommt vielleicht der andere. Meistens sind beide genehmigt worden, so dass wir immer weiter expandieren konnten. Mit Ausnahme diesen Jahres.

4. In diesem Jahr hat die EU wichtige Projektmittel verweigert, obwohl sie über 20 Jahre viele Projekte finanziert hat und hier eine funktionierende Infrastruktur zur Lösung aktuell anstehender Probleme existiert. Viele Klienten warten schon jetzt ein Jahr lang auf einen Therapieplatz. Welche Gründe siehst du für die Entscheidung der EU?

Ja, wir sind lange Jahre durch den Europäischen Flüchtlingsfonds (EFF) mitfinanziert worden. In diesem Jahr ist der EFF abgelöst worden durch einen komplett neuen Fonds mit Namen AMIF (Asyl-, Migrations-, und Integrations-Fonds). Im Sommer 2015 sind unsere beiden EU-Anträge sind abgelehnt. Von den 22 deutschen Zentren für Folteropfer werden nur noch 8 durch die EU mitfinanziert.  Aber konkrete Gründe dafür kenne ich nicht.

5. Siehst du darin eine politische Entscheidung?

Ich kann es nicht beurteilen. Es irritiert mich einfach nur, weil ja gerade die neue EU-Richtlinie zur Behandlung vulnerabler Gruppen (Gruppen, die besonders anfällig sind für emotionale Verletzungen, wie z.B. Kinder auf der Flucht, A.d.R.) im Sommer 2015 in Kraft getreten ist und wir fest damit gerechnet haben, dass wir das Projekt gefördert bekommen, weil wir ja gerade diese Gruppe behandeln, z.B. auch unbegleitete minderjährige Frauen, vergewaltigte Frauen usw. Und in der Ablehnung beider Projektanträge stand beides Mal: Zielgruppe verfehlt. Und das ist irritierend.

 Vor allem auch, weil wir als großes Zentrum in die Breite streuen können. Wir unterstützen die Erziehungsberatungsstellen in ganz NRW im Umgang mit minderjährigen Flüchtlingen. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bonn möchte Unterstützung durch Schulungen von uns. Wir versuchen die MitarbeiterInnen in den Regeleinrichtungen zu qualifizieren. Deswegen ist es schwer verständlich, dass man selber in so eine Lage gerät, dass wir jetzt erst mal schauen müssen, dass das eigene Schiff nicht untergeht. Das ist nicht hilfreich.

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Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

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Barbara Fischer Reitzer.