Der unbändige Drang nach Freiheit und Gerechtigkeit - Christina von Schweden (1626 – 1689)

Autorin: 

Barbara Degen, HdFG Bonn

„Wenn du dir eine europäische Herrscherin aus der Geschichte aussuchen könntest, welche Frau hättest du gerne persönlich kennengelernt?“ fragte mich eine Freundin, die weiß, dass ich mich mit Frauengeschichte beschäftige. „Natürlich Christina von Schweden“, antwortete ich. „Und warum?“ „Sie war eine sehr selbstbewusste Herrscherin, die sich den Normen und Vorgaben ihrer Zeit nicht untergeordnet hat, sondern konsequent ihren eigenen Weg gegangen ist. In Religionsfragen war sie tolerant. Das macht sie aus meiner Sicht zu einem Vorbild für uns Frauen des 21.Jahrhunderts.“

 

Am Anfang der Beschäftigung mit einer historischen Frau stehen Fragen: Was bedeutete es für ein kleines Mädchen von sechs Jahren nach dem Tod des Vaters den schwedischen Thron zu erben, eine Mutter zu haben, die von ihrer Erziehung bewusst ferngehalten wurde? Was bedeutete es, in einer Zeit zu leben, in der Europa gespalten war wie nie zuvor, zerrissen durch Auseinandersetzungen über die „richtige“ Religion, mitten im 30jährigen Krieg und inmitten einer Zeit, in der in ganz Europa die Hexenprozesse wüteten?  Nach dem Tod ihres Vaters Gustav II von Schweden auf dem Schlachtfeld übernahm ihre Mutter, Maria Eleonore von Brandenburg, die Vormundschaft für das einzig überlebende Kind, wurde aber von Anfang an durch den Reichskanzler, einem engen Vertrauten von Gustav Adolf diffamiert und ausgeschalt. Erst nach ihrer Thronbesteigung 1644  konnte die Tochter Axel Oxenstierna langsam entmachten und das Land so regieren, wie sie es für sinnvoll hielt.  Auch ihr Privatleben – sie liebte Frauen und Männer – wurde zwar kritisch beobachtet, aber sie war eine sehr hartnäckige und durchsetzungsfähige Frau und ließ sich von den permanenten Bemühungen, sie standesgemäß und für das Land vorteilhaft zu verheiraten, nicht irritieren. Ihr Vorbild in dieser Frage war Elisabeth I von England (1533-1603). Sie blieb wie sie unverheiratet. Christina wollte sich nie darauf beschränken, NUR Politik zu machen, NUR Kriege zu führen, NUR über Machtfragen nachzudenken. Sie war ein wildes Kind, gut für ihre neue Aufgabe als „Kronprinz“ erzogen, sprach viele Sprachen, interessierte sich für die „Schönen Künste“, Tanz, Feste und Philosophie – und hielt sich selten daran, was von ihr als Mädchen und Herrscherin erwartet wurde. Sie zog sich so an, wie es ihr gefiel und wie es für sie beim Reiten und Schießen bequem war. Die Angriffe auf sie nahmen an Schärfe zu, als sie zur Königin gekrönt wurde. Zu verschwenderisch, wurde ihr vorgeworfen, als sie den schwedischen Hof zu einem europäischen Zentrum für Kultur und fortschrittlichen Gedankenaustausch machte. Und am Schlimmsten muss es für ihre Feinde gewesen sein, dass sie das Erbe von Gustav Adolf, „dem Retter des europäischen Protestantismus“ nicht hochhielt, sondern Gesandte, Denker und Künstler aus katholischen Ländern an ihren Hof holte und nach 10 jähriger Herrschaft abdankte, zum katholischen Glauben übertrat und nach Rom zog – ausgerechnet nach Rom, dem Zentrum der katholischen Welt und ausgerechnet aus Schweden, dem Zentrum der protestantischen Welt.

 

Über Christina ist viel geschrieben worden. Und Greta Garbo steht melancholisch  in Männerkleidern auf einem Schiff, als sie im Film als Christina ihre Heimat verlassen muss, ein Bild wie ein eingebranntes Symbol für den Preis, den Eigenständigkeit bei Frauen häufig fordert. Über diesen Bildern der rebellischen Königin wird häufig vergessen, was sie in ihrer Regentschaft für Schweden getan hat:  Sie schloss 1648 für Schweden, ein damaliges Großreich, den westfälischen Frieden in Osnabrück und wurde auf einer zeitgenössischen Münze als Minerva/Athene mit Helm und Friedenszweig abgebildet. Sie umfasst auf dieser Gedenkmünze mit der rechten Hand einen üppig wachsenden Baum, das Symbol des Lebens. Zum Frieden gehörte für sie auch, die wirtschaftliche Not in ihrem Land zu lindern. Sie schloss Handelsverträge mit Spanien, Portugal und England und begünstigte und entwickelte systematisch die Wirtschaft ihres Landes, förderte u.a. den Bergbau, Leinenwebereien, Seidenfabrikationen und Zuckerraffinerien. Für Bauern und Grundherren begrenzte und ermäßigte sie die staatlichen Abgaben. Eine ihrer größten Leistungen ist es, nach Jahrhunderten der Verfolgung von Frauen als erstes europäisches Staatsoberhaupt den Hexenverfolgungen und -prozessen ein Ende gesetzt zu haben. Sie wusste, dass äußerer Friede nicht ohne inneren Frieden möglich ist. Schon einen Monat nach dem Friedensschluss in Osnabrück begann sie sich mit dem  „Hexenunwesen“ zu beschäftigen, zu dem sie auf Wunsch von Rechtsgelehrten, Adel und Verwaltungsbeamten Stellung nehmen sollte. Zwar – so war ihre Antwort am 26.Februar 1649 -  respektiere sie die örtliche Rechtsprechung und  wolle in deren Privilegien grundsätzlich nicht eingreifen, sie wies aber nachdrücklich darauf hin, dass diese Prozesse …allerhand Gefährlichkeiten und schädliche Konsequenzen mit sich führten. Aus den an anderen Orten gemachten Erfahrungen ergebe sich, dass sich die Juristen mit diesen Prozessen in ein tiefes, unübersehbares Labyrinth begäben. Um noch mehr Unheil zu verhindern befahl sie, alle Befragungen und Prozesse sofort einzustellen. Verhindert werden sollten auch Gegenklagen und andere Streitigkeiten, die sich aus den Vorwürfen der Hexerei ergäben. Sie ermahnte ihre Untertanten friedlich nach wie vor miteinander zu leben und umzugehen. Nach ihrer Abdankung gab es durch ihren Nachfolger, König Karl XI einen Rückschlag. Zwischen1668 und 1676 wurden systematisch „Hexen“ aufgespürt und 400  Personen verurteilt und hingerichtet. Trotzdem gilt Schweden heute als Land, in dem es vergleichsweise nur wenige Hexenprozesse gab.

 

Der mutige Schritt der jungen Christina blieb in Europa lange Zeit beispiellos. Erst Mitte des 18.Jahrhunderts, also hundert Jahre später folgten Preußen und Österreich diesem Beispiel – wenn auch in abgeschwächter Form. Friedrich II erließ 1714 einen Erlass, nach dem ihm alle Verfahren persönlich vorgelegt werden sollten. Ihm folgte Maria Theresia für das Habsburger Großreich, ebenfalls zu Beginn ihrer Amtszeit. 1766 zog sie Bilanz: Bisher habe sie keine Hexe und keinen Hexenmeister in den vorgelegten Akten entdecken können. Zu prüfen sei in den Prozessen, welche Anschuldigungen auf Erdichtung und Betrug beruhten und welche Motive dahinter steckten, wenn Frauen sich selbst bezichtigten. Nachdem sich der Gedanke der Aufklärung an den europäischen Herrschaftshäusern allmählich durchgesetzt hatte, ebbten die Hexenverfolgungen und Inquisitionsprozesse nach über 500 Jahren langsam ab. In Deutschland wurde die letzte Frau als Hexe 1793 hingerichtet. Wir haben es Christina von Schweden zu verdanken, diesen Prozess konsequent und hellsichtig  in Gang gesetzt zu haben.

 

Literatur:

Wolfgang Behringer (Hrsg.), Hexen und Hexenprozesse, dtv Dokumente, München 1988

Barbara Degen, Geschichte und Symbolik der Gerechtigkeit, Opladen 2008 ; Ungegründete Vorurteile und viel Unordentliches, Kluge Herrscherinnen in den Zeiten der Hexenprozesse, in: Spirale der Zeit, Heft 4/ 2008, S. 20 ff.

Dario Fo, Christina von Schweden, Eine Hosenrolle für die Königin, Wien 2017

Gloria Kaiser, Die Amazone von Rom, Das abenteuerliche Leben der Christina von Schweden (1626-1689), Wien 2005

 

Kurt Pfister, Königin Christine, München 1949

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Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

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Barbara Fischer Reitzer.