Der Herr der Lügen. Oder: So frei und so frisch …

Autorin: 

Andrea Günter, Philosophin

Unter dem Titel „Der Herr der Lügen“ veröffentlichte der Kulturkritiker Dirk Pilz in der Frankfurter Rundschau am 27.12.2017 eine Rezension zu der Odyssee-Übersetzung der US-Amerikanerin und Professorin für Altertumswissenschaften Emily Wilson ins Englische. Er lobt an dieser Arbeit: Der Text klingt, als wäre er ein Stück Gegenwartsliteratur, der vom „Spannungsatem einer großen Geschichte“ getragen wird. Dann fährt er fort: „So frei, so frisch war noch kein Blick auf Homer und Odysseus. Nicht zufällig: Dies ist die erste Übersetzung der Odyssee von einer Frau.“

Emily Wilson hat selbst darauf hingewiesen, dass die Übersetzung antiker Texte wie übrigens auch das Verfilmen der antiken Stoffe in Hollywood fest in der Hand weißer Männer ist. Jetzt gebe es aber Frauen wie Pamela Mensch, Caroline Alexander, Josephine Balmer und sie selbst, die sich das Lesen, Denken und Übersetzen nicht mehr diktieren lassen, die auch nicht mehr auf Anerkennung in einem akademischen Männerzirkel zählen.

Dirk Pilz kommentiert weiter: Homer wird damit nicht zum wack’ren Vorkämpfer eines heutigen Feminismus, schon gar nicht zum Verbündeten der Gender-Studies, sondern zum Dichter für alle und jeden…

Diese Rezension ist mir nicht nur ins Auge gestochen, weil ich mich über das Lob der originellen Übersetzung einer Frau freue und gerne eine frische Odyssee-Übersetzung lesen möchte. Auf fiel mir die Rezension vor allem darum, weil es heutzutage äußerst ungewöhnlich ist zu lesen, dass der Übersetzung einer Frau eine besondere Qualität zugeschrieben wird. Die letzten Jahre konnte so etwas weder gesagt noch geschrieben werden, eine solche Aussage hätte sofort das Etikett Geschlechteressentialismus angehängt bekommen. D.h., das Hervorheben der Übersetzungsleistung einer Frau wäre so verstanden worden, als sei diese Leistung die Folge der Eigenschaften eines weiblichen Wesens.

Die Einordnung von Dirk Pilz macht zugleich klar, dass es darum gerade  n i c h t   geht, im Gegenteil: das Lesen, Denken und Übersetzen von Klassikern ist fest in Männerhand. Frauen aber lassen sich dennoch nicht länger diktieren, wie sie lesen, denken und übersetzen sollen. Sie zählen nicht mehr auf Anerkennung in einem akademischen Männerzirkel. Worum es dabei also geht, ist die etablierte Weise, Tradition zu überliefern: um Tradierungspolitik.

Wenn Frauen mit Tradition anders umgehen, wird sichtbar, wie reduziert die Männerwelt diese wahrzunehmen und weiterzugeben vermag. Wenn Frauen hier anders verfahren, werden alte Traditionen neu lebendig: frisch und frei. Sie machen mit ihren Interpretationen die Tradierungspolitik von kulturellen Gütern als Vatikanismus sichtbar. Der Vatikan beruht auf einer männlichen genealogischen Kultur, in der richtig ist, was als schon richtig anerkannt ist; was dem nicht entspricht, kann und darf nicht richtig sein. Dieses Prinzip leitet auch gegenwärtig nicht nur die katholische Kirche, sondern immer noch das gesamte akademische Leben.[1]

Wenn Frauen nun in Überlieferungen ungenutzte Ansatzpunkte entdecken und versuchen wollen, diese in Übersetzungen und Interpretationen stringent fruchtbar zu machen, entscheiden sie sich dafür, vorgegebene Interpretationen über ihre persönlichen neuen Sichtweisen zu setzen. Sich damit durchzusetzen gelingt ihnen aber nur, wenn sie vatikanistische Strukturen ignorieren und weder innerlich noch äußerlich auf die Anerkennung durch andere, Männer und Frauen, angewiesen sind.

Als Philosophin, die zentrale Texte von Klassikern vom Kopf auf die Füße stellt, so der Kommentar einer Kollegin zu meinen Interpretationen, erlebe ich seit Jahrzehnten die Folgen der vatikanistischen Tradierungspolitik. Und natürlich mache ich mir Gedanken darüber, warum sich bestimmte Interpretationen so hartnäckig halten, obgleich ein Text immer (auch) anderes spricht und vielschichtig ist – je besser ein Text, desto vielschichtiger und leuchtender ist er – was heutzutage jeder gut ausgebildete Geisteswissenschaftler eigentlich auch weiß.

...Frau mit Buch

So hält sich etwa nachhaltig die Idee, dass die antike Philosophie auf einem Natur-Vernunft-Dualismus baue. Auch wenn ein hochgeschätzter Platonkenner nun feststellt, dass es sich bei der Erfahrung des Menschen, der in Platons Politeia vom Schauen ins Licht geblendet ist, um eine sinnliche Erfahrung handelt, so kommentiert er dennoch, das könne nur metaphorisch gemeint sein, denn Platon konzipiere ja dualistisch. Warum aber nur überprüft er das nicht? Wenn der Dualismus nicht Stand hält, müsste Platon als Vernunftskritiker ernst genommen werden. Denn jemand, der ins Licht sieht und geblendet ist, weiß nicht, was er gesehen hat. Das Verhältnis von Vernunft, Licht und Sinnlichkeit müsste als spezifisches Zusammenspiel mit unterschiedlichen Varianten gewürdigt werden. Ins Licht sehen wäre nicht auf Vernunft reduziert, zugleich gäbe es kein Primat der Vernunft.

Warum werden solche Einschätzungen kaum mehr überprüft? Dafür gibt es meines Erachtens zwei wesentliche Gründe, die weit über die Interpretation eines einzelnen Textes hinausweisen. Denn stellt sich die Natur-Vernunft-Dualismus-Klassifizierung der antiken Philosophie als falsch heraus, dann wäre die Einordnung Platons, dann wäre die der antiken Philosophie und dann wären alle Interpretationen und Reaktionen darauf unzureichend. Beinahe die ganze Geschichte der Philosophie wäre damit strittig und müsste neu geschrieben werden.

Wenn man sich nun des Weiteren vorstellt, ein Platonspezialist, vielleicht Mitte Fünfzig, hält eine Vorlesung über Platons Politeia, hat auch schon den Natur-Vernunft-Dualismus für die Antike verkündet, liest unterdessen eine solche Neudeutung, findet sie einleuchtend und stellt seinen ZuhörerInnen dieses neue Forschungsergebnis vor, dann macht er damit zugleich auch eine Selbstaussage, die in etwa lautet: Bislang bin ich immer nur der Sekundärliteratur gefolgt, wenn ich über Platon gesprochen habe, auch darum, weil ich in meiner Rede den Unterschied zwischen dieser und dem Text kaum mehr beachtet habe. Obwohl ich mich und meine Arbeit bisher so darstellte, als sei ich Platonkenner, bin ich eigentlich vor allem Kenner der Sekundärliteratur. Denn ich habe den Text eigentlich kaum selbst gelesen… Welches männliche Selbstbewusstsein aber erträgt eine solche Selbstbekundung?

Nun könnte man sagen, eine falsche Rezeption des Natur-Vernunft-Dualismus in der Antike ­­­­­­­spiele heute, in Zeiten der Vernunftskritik und der Psychoanalyse, keine Rolle mehr, ist höchstens von historischem Interesse. Wenn es um Aristoteles‘ Gerechtigkeitsbegriff geht, wird der Vatikanismus aber nochmals anders brisant. Gerechtigkeit als Verteilungs- und Beitragsproblematik zu definieren, das prägt nicht nur die philosophischen Fachdiskurse, sondern unseren alltäglichen gesellschaftspolitischen Diskurs – und das, obgleich Aristoteles selbst dazu kommentiert, dass diese Definitionsweisen unzureichend sind. Man kann sich an diesen Definitionen nicht einfach festhalten, sie als Gerechtigkeitsformeln lehren. Nimmt man allein schon Aristoteles‘ eigene Relativierung ernst, muss man seine Darstellungen über Gerechtigkeit dekonstruieren, um einen besseren Gerechtigkeitsbegriff erlangen zu können.

Es ist wie mit dem Mythos davon, Spinat habe besonders viel Eisen. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis einer das überprüft und dabei realisiert hat, dass die Auswertungen nicht stimmen und der tradierte durchschnittliche Eisengehalt auf dem Abschreibefehler einer einzigen Zahl beruht. Der vatikanistischen akademischen Tradierungspolitik zu widerstehen, bleibt angesagt. Frische und freie Interpretationen der Traditionen zu erarbeiten, folgt einer Leidenschaft, die eine andere Art der Anstrengung verlangt als vorhandene Interpretationen abzuschreiben. Darum freut mich das Lob der Frauen, die auf die Anerkennung der Männer pfeifen und den Vatikanismus der Traditionsbildung decouvrieren. Odysseus ist nicht allein der „Herr der Lügen“.




[1]Die logische Versuchung des Vatikans und die Frauenfrage, in: Norbert Sommer, Thomas Seiterich (Hg.): Rolle rückwärts mit Benedikt. Wie ein Papst die Zukunft der Kirche verbaut, Oberursel 2009, 84-95.

nft der Kirche verbaut, Oberursel 2009, 84-95.

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Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

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Barbara Fischer Reitzer.