Computergeschichte - Ada, wer ist Ada?

Autorin: 

Christoph Dorner

Als der amerikanische Schriftsteller Walter Isaacson im Sommer 2007 mit den Arbeiten an der Biografie des Apple-Gründers Steve Jobs beginnt, beschäftigt ihn noch eine zweite Sache: Seine Tochter Betsy drückt sich davor, einen College-Aufsatz zu schreiben. Als die Tochter den Eltern schließlich das Thema ihres Essays nennt, ist der Vater verwundert. Betsy sagt, sie müsse über Ada Lovelace schreiben, eine 1852 verstorbene, englische Aristokratentochter, die so etwas wie die erste Programmiererin der Welt gewesen sei.

Walter Isaacson hat zu diesem Zeitpunkt noch nie von Ada Lovelace gehört. In den Schöpfungsgeschichten des Computers wird sie - wie Frauen überhaupt - kaum erwähnt. Isaacson rückt dieses Zerrbild 2014 mit dem bislang nur in englischer Sprache erschienenen Buch "The Innovators" ein Stück weit zurecht. Darin schreibt er Ada Lovelace eine ähnliche Bedeutung für die digitale Revolution zu wie dem britischen Informatiker und Kryptoanalytiker Alan Turing, Microsoft-Mitgründer Bill Gates oder Steve Jobs.

Anlässlich des 200. Geburtstages von Ada Lovelace am 10. Dezember dieses Jahres hat das Heinz-Nixdorf-Museumsforum in Paderborn eine Ausstellung über Frauen in der Computergeschichte konzipiert, die bis Juli 2016 zu sehen ist. Am Anfang war Ada, so heißt sie, setzt die Entwicklung der Informationstechnik ins Verhältnis zu den weiblichen Rollenbildern des 19. und 20. Jahrhunderts.

Im viktorianischen England sehen die Konventionen eigentlich nicht vor, dass sich Frauen mit Naturwissenschaften beschäftigen.Ada Lovelace aber hat im Alter von 17 Jahren das Glück, den Salon des Mathematikers, Nationalökonomen und Erfinders Charles Babbage zu besuchen. Babbage arbeitet an der Beschreibung einer Analytical Engine, einer monströsen mechanischen Rechenmaschine, 19 Meter lang, drei Meter hoch, aus 55 000 Teilen gefertigt und mit Wasserdampf betrieben. Sie soll über ein Rechenwerk und einen Arbeitsspeicher verfügen. Befehle und Daten sollen wie bei den mechanischen Webstühlen von Joseph-Marie Jacquard, die es seit Beginn des 19. Jahrhunderts gibt, über Lochkarten gespeichert und abgetastet werden.

Mit seiner Analyse-Maschine will Babbage den riesigen Bedarf an Berechnungen während der Hochphase der Industrialisierung decken. Zuvor hat er bereits eine Difference Engine entworfen, die einfache Rechenoperationen durchführen kann. Trotz umfassender Konstruktionspläne werden beide Maschinen jedoch nie in Betrieb gehen, es finden sich keine Geldgeber.

Bei seinen Studien wird der bürgerliche Babbage von der forschen jungen Aristokratin Lovelace unterstützt. Augusta Ada Byron King, Countess of Lovelace, ist die Tochter des berüchtigten englischen Dichters und griechischen Freiheitskämpfers Lord Byron. Weil dieser zeitlebens mit Affären die Boulevardpresse erheitert, lebt Ada bei ihrer von Byron geschiedenen Mutter Anne Isabella Milbanke. Ihren Vater wird sie nie treffen. In scharfer Abgrenzung zu dessen Schwärmereien wird sie im Haus der herrschsüchtigen Mutter von namhaften zeitgenössischen Mathematikern und Physikern ausgebildet. Der Zutritt zu öffentlichen Bibliotheken und Universitäten ist Frauen damals verwehrt.

Gegen Konventionen wird Ada Lovelace trotzdem verstoßen. Nicht nur, weil sie zeitlebens eine körperlich fragile Frau mit einem Hang zu Männerfreundschaften und Pferdewetten ist, sondern weil sie in der Öffentlichkeit ein reges Interesse an technischen und mathematischen Fragestellungen zeigt. Besonders die Korrespondenz mit Charles Babbage wird sie über Jahre elektrisieren. Der Mathematiker schätzt Lovelaces intellektuellen Eifer. Einmal schreibt sie ihm: "Ich glaube nicht, dass Sie auch nur die Hälfte meiner Vorausahnungen besitzen und das Vermögen, alle möglichen Eventualitäten zu sehen (wahrscheinliche und unwahrscheinliche)."

Nachdem sie einen Grafen geheiratet und drei Kinder bekommen hat, übersetzt Lovelace 1842 eine französische Abhandlung über die Analytical Engine ins Englische. Babbage ermutigt sie, ihre Überlegungen zum Text zu ergänzen. Die Aristokratentochter erkennt das Potenzial der Maschine: Sie wäre wie ein universell programmierbarer Computer in der Lage, nicht nur numerische Berechnungen anzustellen, sondern auch Buchstaben in beliebiger Variation zu kombinieren. Die Maschine müsste auch Musik komponieren können, mutmaßt die passionierte Harfenspielerin Lovelace. Schließlich beruht harmonische Musik auf den Relationen verschiedener Töne zueinander, die wiederum als Zahlenverhältnisse ausgedrückt werden können.

Die Analytische Maschine webt algorithmische Muster, gerade so wie der Jacquard-Webstuhl Blätter und Blüten webt, schreibt Lovelace.

Aus ihren Notizen wird ersichtlich, dass Lovelace Mathematik als Sprache betrachtet, mit der man einer Maschine Anweisungen erteilen kann. Die junge Forscherin erkennt auch, dass es einen physischen Teil der Maschine gibt, also die Lochkarten und Kupferräder, und einen symbolischen, also die Berechnungen, die die Maschine automatisiert durchführt. Damit erkennt sie ein Prinzip, das auch heutige Computer auszeichnet: die Unterteilung in Hardware und Software.

Lovelace will die Analytical Engine auch einem Test unterziehen: Sie schreibt Maschinenbefehle in Tabellenform auf, die detailliert die Operationsschritte zur Berechnung der Bernoulli-Zahlen für verschiedene Teile der Maschine auflistet. Die Formel für die Zahlenreihe hatte Lovelace zuvor von Babbage erhalten. In diesem Zusammenhang diskutiert sie auch, wie mathematische Operationen miteinander verbunden, geschachtelt und wiederholt werden können, um die Rechenzeit zu verkürzen. In der Terminologie moderner Programmiersprachen würde man von Verzweigungen und Schleifen sprechen.

Der wissenschaftliche Begleitband zu der Paderborner Ausstellung warnt vor einer Überbewertung der Aufzeichnungen von Ada Lovelace. Viele der Bedingungen für die Entstehung des Computers als universelles Medium habe es zu Lebzeiten von Ada Lovelace nicht gegeben. Allerdings bewies sie zweifellos Weitsicht: Lovelace umreißt bereits 1843 Grenzen der Maschinenintelligenz. So schreibt sie über die Analytical Engine: Sie kann der Analysis folgen. Aber sie besitzt nicht das Vermögen, irgendwelche analytischen Relationen oder Wahrheiten zu antizipieren.

Nachdem Lovelace 1852 im Alter von 36 Jahren an Gebärmutterkrebs stirbt, dauert es fast ein Jahrhundert, ehe ihre Ideen aufgegriffen werden. Während die Entwicklung der Computer-Hardware von 1940 an zu einer männlichen Domäne wird, kümmern sich zunächst überwiegend Frauen um die Programmierung der komplexen Rechner bei universitären oder militärischen Projekten.

Dass die Bedienung der Computer seither deutlich verständlicher geworden ist, ist auch ein Verdienst von Pionierinnen wie Grace Hopper oder Adele Goldberg, die ebenfalls in der Paderborner Ausstellung gewürdigt werden. Hopper hatte Ende der 1940er-Jahre die Idee, Computerprogramme in einer verständlichen Sprache zu schreiben, statt nur mit Nullen und Einsen. Goldberg wiederum entwickelte in den 1970er-Jahren die Programmiersprache Smalltalk, die wie moderne Benutzeroberflächen bereits grafische Elemente enthielt.

Die Geschlechterkluft und damit auch das Klischee vom männlichen Computerexperten entstand erst mit der Einführung des Personal Computers in den Massenmarkt Anfang der 1980er-Jahre, als sich IT-Unternehmen ausschließlich auf Männer als Zielgruppe festlegten. Die Folgen für die Techniksozialisation sind bis heute in Kinderzimmern, an Informatikinstituten und im Silicon Valley sichtbar.

An deutschen Universitäten ist zumindest der Trend positiv. Hier haben sich im vergangenen Jahr 5,6 Prozent mehr Frauen für ein Informatikstudium eingeschrieben als noch 2013, der Frauenanteil liegt mittlerweile bei immerhin einem guten Fünftel. Eine Persönlichkeit wie Ada Lovelace, nach der in Deutschland längst Branchen-Treffen benannt werden, kommt da als Vorbild für den weiblichen Wissenschaftsnachwuchs gerade recht.

 

siehe Süddeutsche Zeitung am 13.9.2015: http://www.sueddeutsche.de/wissen/computergeschichte-ada-wer-ist-ada-1.2...

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Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

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Barbara Fischer Reitzer.