Bereitschaft zur Dezentrierung und die Geschlechtergerechtigkeit

Autorin: 

Andrea Günter, Philosophin und Autorin

Es hat mich persönlich immer sehr unbefriedigt gelassen, Aristoteles folgend Gerechtigkeit als Fragen der Verteilung zu verstehen. Ich kam mir immer wie eine Erstklässlerin vor: Gerechtigkeit für Schulanfänger. Ich bewundere zwar immer wieder, wie viel Freude Erstklässlerinnen und Erstklässler beim Rechnen entwickeln können und wie schnell sie sich die ersten Grundrechenarten aneignen. Allerdings, Gerechtigkeitsfragen zu lösen, dazu braucht es mehr an Denkmöglichkeiten. Und die Kinder sind auch schon etwas älter, wenn sie beginnen zu bewerten: Das, was die Lehrerin, was ein Elternteil tut, ist ungerecht!

Der Blick auf die feministische Diskussion über Gerechtigkeit zeigt nun, dass Geschlechtergerechtigkeit vorwiegend als Verteilungsfrage verstanden wird. So analysierte Nancy Fraser in ihrem wichtigen Buch „die halbierte Gerechtigkeit“ (engl. 1997, dt. 2001) die Ausweglosigkeit aktueller feministischer Konzepte wie „Multikulturalismus, Antiessentialismus und radikale Demokratie“ und hob als Alternative die Gerechtigkeit als Politik der Umverteilung und Metaprinzip der Verteilung von Anerkennung hervor. Auch Martha Nussbaum bleibt bei der Verteilungsperspektive, wenn sie fordert, Frauen sollen darin gefördert werden, ihre Fähigkeiten zu entwickeln, um besser ihr Leben zu gestalten und sich an gesellschaftlichen Prozessen beteiligen zu können, denn hier geht es darum, die Verteilung der Bildungschancen neu zu regeln.

Auffällig im Geschlechtergerechtigkeitsdiskurs der letzten Jahre bleibt außerdem, dass die Bundeszentrale für politische Bildung 2002 ihren Schwerpunkt zu Gender Mainstreaming unter den Titel Geschlechtergerechtigkeit stellte, weil sie in dieser Strategie den Weg zur Chancengleichheit zwischen Frauen und Männern findet. Frau mag zu Gender Mainstreaming stehen wie sie will, befremdlich bleibt eine solche Gleichsetzung.

Halbierung, Umverteilung, Mainstreaming, Gleichheit: Die Aktualität dieser Größen verweist darauf, dass Gerechtigkeit zwar eine feministische Schlüsselkategorie ist. Der für eine feministische Theoriebildung nötige Schritt, die tradierten Konzepte der Gerechtigkeit selbst geschlechterkritisch zu befragen, wird allerdings kaum vollzogen. Gerechtigkeit wird oftmals als Rechenaufgabe behandelt, deren Ergebnis bekannt ist, sofern es irgendwie Gleiches erzeugt.

Jedoch, schon Aristoteles stellt die distributive Gerechtigkeit nicht allein, er stellt sie zusammen mit der kontributiven Gerechtigkeit vor: Wer leistet wie welchen Beitrag wozu?

Und mit dieser zweiten Seite wird die Geschlechtergerechtigkeitsfrage spannender: komplizierter, aber realitätsnäher. Gerade weil durch diese Doppelung nicht aufgehoben wird, dass Frauen ungerechter behandelt werden als Männer, wird die Ungerechtigkeitsanalyse einerseits genauer und ausgewogener, andererseits aber lebendiger.

Folgt man dieser doppelten Seite der Gerechtigkeit, so setzt sich die Geschlechtergerechtigkeitsfrage zusammen aus den beiden folgenden Fragestellungen: „Was muss wie zwischen Frauen und Männern umverteilt werden, damit Geschlechterverhältnisse gerechter werden?“ + PLUS + „Was tragen Frauen dazu bei, dass Geschlechterverhältnisse gerechter werden?“/„Was tragen Männer dazu bei?“ Tja, nimmt man beide Seiten wirklich zusammen, dann muss mit der zweiten Frage nochmals auf die erste geschaut werden. Denn wenn mit der zweiten Frage berücksichtigt wird, was Frauen zu mehr Geschlechtergerechtigkeit und was Männer dazu beitragen, dann wird das, was mit der ersten Frage befragt wird, komplexer: Wie wirkt sich das, was Frauen, in Unterscheidung zu dem, was Männer zur Geschlechtergerechtigkeit beitragen, auf die Analyse dessen aus, was neu verteilt werden muss? Was muss dann wie und wozu umverteilt werden?

Seltsam, die Frage der kontributiven Gerechtigkeit taucht kaum mehr auf, und wenn, dann läuft dies wie in den letzten Jahren in der Werbung für die Schröder-Agenda-2010 sehr verstellt. Damals wurden die Beiträge der sogenannten Leistungsschwachen hervorgehoben, sie sollen etwas beitragen, um etwas bekommen, Sozialleistungen in Anspruch nehmen zu dürfen. Hier wäre es gerade wichtig gewesen, auf eine reflektierte Theorie der distributiven Gerechtigkeit zurückgreifen zu können. Denn in der Perspektive der Gerechtigkeit ist zu fragen, wie sogenannte Schwache zu Gerechtigkeit beitragen, gleichermaßen aber, was eigentlich die Starken, und zwar nicht zum Bruttosozialprodukt, sondern zur Mehrung der Gerechtigkeit beitragen. Davon auszugehen, dass irgendeine Seite, gar die der Starken „genug“ beiträgt, übersieht, dass es auch in einer so gut aufgestellten Gesellschaft wie der deutschen immer nur zu wenig Gerechtigkeit gibt. Das Unbehagen an der Verteilungsgerechtigkeit ist durchaus berechtigt, die zunehmende Spaltung der Gesellschaft verdankt sich auch der Vereinseitigung der verschiedenen Aspekte von Gerechtigkeit.

Gleichheit, Differenz, Gerechtigkeit

Es lohnt sich also, genauer bei Aristoteles nachzuschauen. Und ich empfehle das, obgleich ich kein Freund, schon gar keine Freundin des Aristoteles bin, weil seine Konzeption Fallen für Geschlechterkonzepte beinhaltet, die er selbst auch reichlich ausgenutzt hat. Dazu gleich genauer, denn um zur Problematik der Aristotelischen Bestimmungen zu kommen, muss man hinter seine Bestimmung der Gerechtigkeit als distributive und kontributive blicken und verfolgen, was er dieser voranstellte.

So schält Aristoteles heraus, dass Gerechtigkeit grundsätzlich durch eine Proportionalität bestimmt wird: darüber, wie zwei Menschen und zwei Sachen aufeinander bezogen – in diesem Sinne: „verteilt“ – werden.

Gerechtigkeit qualifiziert eine menschliche Beziehung: ein menschliches Beziehungsgefüge ist davon bestimmt, ob das Rechte oder aber Unrecht regiert. Damit ist Gerechtigkeit als ein Relativum kenntlich, genauer gesagt, als die bestimmte Qualität einer zwischenmenschlichen Relation. Jedoch, es muss genau aufgepasst werden, wie mit dieser Relation umgegangen werden kann. Spaltet man sie in die beiden Positionen des Verhältnisses auf und fragt, was für jede der Positionen und in der Folge für dieses Verhältnis gerecht ist (1.), oder nimmt man das Verhältnis als eine Einheit und bewertet diese Ordnung als ungerecht, sodass dieses Verhältnis gerechter werden soll (2.)?

  1. „Mann“ – „Frau“: was ist für wen gerecht/ungerecht und deshalb für ihre Beziehung?
  2. Verhältnis „Mann-Frau“: ungerecht! -> muss gerechter werden.

Interessant für die feministische Theoriediskussion ist darüber hinaus, dass Aristoteles die Größen „Gleichheit bzw. Verschiedenheit“ als Durchgang zur gerechten Gestaltung der Proportionalität nimmt. Auch hier muss nochmals genau hingeschaut werden.

Regelt „Verschiedenheit“ das Verhältnis zwischen Mann und Frau (1.)? Und zudem so, dass der Mann der Maßstab, die Frau die Ungleiche ist? Dann führt dies zu dem Urteil, dass Ungleiche (Frauen) gerechterweise ungleich behandelt werden (1.a).

Außerdem kann die Verschiedenheit dabei absolut oder aber relativ herangezogen werden. Relativ würde bedeutet: Frauen, sofern sie Männern ungleich sind, sind gerechterweise ungleich, sofern sie Männern gleich sind, gerechterweise gleich zu behandeln (1.b).

Die zweite Variante eröffnet einen ganz anderen Horizont. Die Gleichheit-Differenzfrage wird nicht auf die zwischen Mann und Frau, sondern auf ein ungerechtes Geschlechterverhältnis bezogen. Zugleich wird die Gleichheit-Differenzfrage durch die Suche nach einem gerechteren Verhältnis geleitet: keine vermeintlichen wahren Geschlechterbilder, die Gerechtigkeit regiert die Gleichheit/Differenz. Leitet derart der Wunsch nach einem anderen, gerechteren Geschlechterverhältnis den Einsatz von Gleichheit/Differenz, ist es die(se spezifische) Differenz, die den Einsatz von Gleichheit/Differenz für das gerechtere Geschlechterverhältnis bestimmt. In diesem Sinne stellt die postmoderne Philosophie die Differenz über die Gleichheit/Differenz und führt einen Diskurs über Gerechtigkeit.

Mit der Sichtweise, dass die Geschlechtergerechtigkeit die Frage nach Gleichheit/Differenz leitet, ist der unmittelbare Vergleich zwischen den Geschlechtern aus den Angeln gehoben. Der Vergleichspunkt ist nicht irgendein Identitätsmerkmal, sondern eine Veränderung: das gerechtere Verhältnis.

Ein solches wiederum besteht geradewegs darin, vorhandene Geschlechterbilder zu befragen, sie als „Schein“ zu dekonstruieren und somit das Verhältnis zu dezentrieren. Wie dies genau gehen kann, hatte eigentlich schon Aristoteles Lehrer Platon genauestens durchgeführt, Simone de Beauvoir ist ihm gefolgt. Was man von Platon und der postmodernen Philosophie deshalb lernen kann, ist: Gerechtigkeit braucht eine spezielle Sicht- und Erkenntnisweise, sie braucht eine Haltung. Für gerechtere Verhältnisse ist es notwendig, die eigenen Sichtweisen zu dekonstruieren. Ohne die Bereitschaft zur Dezentrierung der eigenen Position aber gibt es nicht mehr Gerechtigkeit, auch nicht mehr Geschlechtergerechtigkeit.

Zugleich wird deutlich: Die Dekonstruktion und Dezentrierung führen nicht zu inhaltlicher Beliebigkeit und Relativierung von allem. Im Gegenteil, sie resultieren aus einem Engagement, haben einen Horizont, folgen einer Richtung: der Mehrung von Gerechtigkeit.

Zum Weiterlesen:

Andrea Günter: Konzepte der Ethik – Konzepte der Geschlechterverhältnisse, Wien 2014

Andrea Günter: Die Kultur des Ökonomischen. Gerechtigkeit, Geschlechterverhältnisse und das Primat der Politik: Sulzbach/Ts. 2013

Andrea Günter: „Der Sternenhimmel in uns“: Transzendenz, Geschlechterdifferenz und die Suche nach Rückbindung bei Simone de Beauvoir, Luce Irigaray und den Philosophinnen von DIOTIMA, Königstein/Ts. 2003

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Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

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Barbara Fischer Reitzer.