Baltische Märchen oder tscherkessische Erzählungen

Autorin: 

Barbara Fischer, Literaturwissenschaftlerin und Ethnologin

Schon als Kind las ich alles weg, was Buchstaben hatte und mir unter die Finger kam, vorzugsweise baltische Märchen oder tscherkessische Erzählungen, jedenfalls für den Anfang. Ich ließ mich von den Wörtern einfangen und das Bücherleben war bunt und aufregend. Ich reiste auf Buchstaben und Tscherkessien erschien mir berauschend. In der Schule lernten wir viel über Rosa Luxemburg und Clara Zetkin und lasen Anna Seghers. Drei Frauen von vielen. Wenige, aber kämpferisch. Und trotzdem oder gerade deshalb fragte ich mich, wo denn all die anderen Frauen waren. Immerhin bestand die Hälfte meiner Klasse aus Mädchen und die waren damals nicht nur größer als die Jungs, sondern hatten meistens auch noch die besseren Zensuren. Keine Antwort auf meine Frage.

Mein erstes eigenes Märchen verfasste ich, nachdem ich in den Ferienspielen den, in meinen Augen, größten aller russischen Märchenfilme sah, „Die feuerrote Blume“, ein surreales Meisterwerk, das mich auf Anhieb tief beeindruckte - und sein Glanz hat selbst noch nach Jahren nicht nachgelassen.

Ich schrieb Kurzgeschichten, Pamphlete, Fragmente und Flugblätter. Und ich malte Bilder in groß und in klein, in bunt und in schwarz-weiß. Ich war ausgefüllt und doch fehlte etwas. Denn wohin ich auch blickte, immer waren Männer die Vorbildgeber: Magritte, Breton, Lautréamont, Goethe, Dostojewskij, Bulgakow, Brezan. Wo waren hier bitte schön die Frauen, schrie ich in die Welt!? Keine Antwort auf meine Frage.

In Köln studierte ich. Lernte alles, was Germanistin so braucht über deutsche Literaturepochen, was Ethnologin so interessiert über Stämme und Abstammungslinien und was Malaiologin von indonesischer Geschichte erhofft. Ich hatte meinen Horizont erheblich erweitert und fand erneut nur wenige Frauen, diesmal auf der Flur der Wissenschaft. Warum? Noch keine Antwort auf meine Frage. Ich suchte weiter und schrieb noch immer. Und endlich fand ich, was ich suchte: die Frauen. Sie standen im Schatten der Geschichten, der Politik, der Wissenschaften, der Mythologien. Kurzerhand holte ich sie aus der Versenkung und in meine Erzählungen und richtete das Licht meiner Aufmerksamkeit auf sie. Irgendwann forderten die Gedichte und Kurzgeschichten größeren Raum, längere Geschichten und mehr Personal. Ich gab nach. Das Ergebnis meiner Zugeständnisse heißt:

Liliths Weltenchronik.

Doch Liliths Weltenchronik ist nicht allein ein Entgegenkommen, nein, sie ist vielmehr die Antwort auf meine Frage: wo bitte, sind hier die Frauen. Voila, da sind sie! Sie sprechen, schreiben, singen, forschen und leben. Die Subalterne kann sprechen. Und sie tut es. Solange, bis Subalterne nicht mehr als solche existiert.

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Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

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Barbara Fischer Reitzer.