Amazonen - mitten unter uns

Autorin: 

Isabel Busch, Haus der Frauengeschichte

Sind Amazonen nur eine Erfindung? Ja und Nein. Ja, weil bis heute nicht bewiesen ist, dass es jemals ein Volk gegeben hat, dass ausschließlich aus weiblichen Kriegerinnen bestand. Nein, weil es definitiv historische Vorbilder gab: seit dem 5. Jahrhundert v. u. Z., die Zeit der Perserkriege, werden die Amazonen in skythischer Tracht abgebildet und von Mythografen in Kleinasien lokalisiert; und  der griechische Historiker Herodot berichtet davon, dass die Amazonen vom Fluss Thermodon in der heutigen Türkei an den Nordrand des Schwarzen Meeres in das Gebiet der Skythen gezogen und mit ihnen das Volk der Sa(u)r(o)maten gebildet hätten. Die Skythen und Sarmaten waren iranischsprachige Nomadenstämme  und es ist erwiesen, dass den Frauen in diesen Stämmen mehr Gleichberechtigung zuteil war, als den meisten zeitgenössischen Frauen in den zivilisierten Gesellschaften. Diese Frauen waren auch Kriegerinnen, wie ihre Gräber beweisen, in denen Waffen gefunden wurden, größtenteils Pfeilspitzen und Bögen, da die Skythen berühmt für ihre Bogenschießkünste zu Pferd waren. Die Archäologen Jeannine Davis-Kimball und Leonid Jablonskij fanden in den 1990er Jahren in den Grabkomplexen dieser Nomaden (Kurgane) in Südrussland das Skelett einer solchen Kriegerin. Eine direkte Nachfahrin dieser Kriegerin fanden sie per DNS-Abgleich in einem blonden Mädchen bei einem kasachischen Nomadenstamm in der Mongolei. Auch wenn diese Steppenvölker mit der Zeit verschwanden und in anderen Völkern aufgingen, hat sich in gewisser Weise die Tradition der Kriegerin erhalten: bis heute finden in der Mongolei Bogenschießwettbewerbe unter Frauen statt.

Außerdem hat es seitdem immer wieder Frauen gegeben, die bei unterschiedlichen Gelegenheiten zu den Waffen griffen, die auch als Amazonen bezeichnet wurden, insbesondere im Kampf um Freiheit und Rechte: wie die Frauen, die sich während der Französischen Revolution en masse bewaffneten und beim Marsch nach Versailles Louis XVI. erste Zugeständnisse abringen konnten. Oder auch die als Männer getarnten Frauen bei den Napoleonischen Befreiungskriegen, wie Eleonore Prochaska, die ihren Verletzungen erlag und Friederike Krüger, die wie die anderen Frauen, die man enttarnte, als „deutsche Amazone“ gefeiert wurde. Das hinderte aber weder die Männer der Französischen Revolution, noch die Deutschen nach 1813 daran, Frauen darauf hinzuweisen, dass ihre wahre Bestimmung im Haus liege, wohin sie doch bitte schön wieder verschwinden sollten. Auch während der zwei Weltkriege gab es Frauen im Kampfeinsatz in verschiedenen Funktionen.  

Nach meiner Meinung weitaus beeindruckender sind all die sogenannten außer-militärischen Amazonen, die sich und andere Frauen zu verteidigen wissen, und dass in Gegenden, wo Frauen zum größten Teil der Gewalt schutzlos ausgeliefert sind. So ist zum Beispiel die Gulabi Gang von Sampat Pal Devi in Indien hervorzuheben, die sich nicht scheut, auf gewalttätige Männer einzuprügeln. Auch in einer brasilianischen Armensiedlung, wo Gewalt an Frauen an der Tagesordnung ist, gibt es unter Maria do Carmo eine wehrhafte Fraueninitiative.

Natürlich existieren Amazonen auch weiterhin in der Fiktion, mal explizite wie Wonder Woman, mal implizite, wie Xena, die Kriegerprinzessin. Viele Action-Heldinnen sind allerdings häufig weniger emanzipiert, als es den Augenschein hat, insbesondere wenn ein männlicher Held die Hauptrolle spielt, in den sich die Heldin dann verlieben darf. Die meines Erachtens emanzipierteste fiktive Amazone ist und bleibt Xena, gemeinsam mit ihrer Freundin Gabrielle, die selbst zur Amazonenkönigin wird. Und dann gibt es noch die Amazonen in Marion Zimmer Bradleys Roman Die Feuer von Troja.

Und schließlich: auch wenn die historischen Amazonen nicht in reinen Frauendörfern gelebt haben, mittlerweile formieren sich weltweit Frauen in matriarchalisch geprägten Dörfern als Widerstand gegen die sie umgebende Männergewalt, so wie im kenianischen Umoja und im brasilianischen Noiva do Cordeiro.

Die Amazonen: in irgendeiner Weise waren und sind sie immer unter uns.

 

Dieser Text ist ein Auszug und die Erweiterung eines Vortrags zu diesem Thema, den die Autorin im Haus der FrauenGeschichte im November 2014 hielt.

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Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

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Barbara Fischer Reitzer.