Alaaf: Karneval kosmopolitisch (2)

Autorin: 

Barbara Fischer im Gespräch mit der Autorin Vera Zingsem

1. Im ersten Teil des Interviews sagtest du, die Stadt Köln und ihr Karneval sind so weltoffen, weil die Stadt eine großartige und interkulturelle mythologische Vergangenheit hat?

Ja, man muss sich vorstellen, über die Römer wurde die ägyptische Isis ins Rheinland gebracht, dann kam auch die kleinasiatische Kybele als große Allgöttin nach Köln, die mit Isis wieder gleichgesetzt wurde. Es folgte Dionysos. Wir haben dieses tolle Dionysos-Mosaik bis heute im Römisch-Germanischen Museum, ein echtes Prunkstück. Dann gab es Dionysos-Priesterinnen-Kollegien in Köln. Und es gab auch Kybele-Statuen auf denen direkt steht, wer sie damals in Köln gemacht hat. Wo ganz klar ist, da sind Kulturen nach Köln gekommen, da hätten wir nicht von träumen können. Auf dieser einen Statuette von Kybele auf dem Löwenthron von 165 n. Chr. steht „Servandus hat sie in Köln gemacht.“

 

2. Das alles hat Köln im Gegensatz zu anderen Teilen Deutschlands geprägt und verändert?

Ja, auf alle Fälle. Aber genauso sehen wir auch Mainz, das andere Pendant im Karneval, wo ja auch ein großes Heiligtum ausgegraben wurde, in dem sowohl Kybele als auch Isis verehrt wurden.Da gibt es schöne Parallelen zwischen diesen beiden Städten. Köln und Mainz waren die großen Isis und Kybele-Städte.

 

3. Wenn wir einmal dabei sind Mythen über den Haufen zu werfen, dann steht die Frage im Raum, wie war das mit den 11.000 Kölner Jungfrauen wirklich, deren 11 Tränen im Stadtwappen verewigt sind. Kein Opfer für die Stadt, um die Bürger_innen vorm bösen Hunnenkönig Etzel zu retten? Was hat es mit diesem Jungfrauen-Mythos und den Jungfrauen allgemein auf sich?

Die Geschichte der 11.000 Jungfrauen ist heute natürlich eine typische Märtyrergeschichte. Die Legende stammt aber schon aus dem 5. Jhd. n.Chr. Ursula, die Tochter des bretonischen Königs Maurus, ist schön und weise. Was ja auch eine hübsche Kombination ist. Ein angelsächsischer König hatte sie als Gemahlin für seinen Sohn erbeten. Daraufhin stellte Ursula selber die Bedingungen: bevor der Königssohn sie heiraten konnte, sollte sein Vater ihr zuerst 10 junge Frauen gewinnen, die so edel und weise seien, wie sie selbst. Und zu denen wollte sie sich als elfte dazugesellen. Und dann sollte er zu diesen elf Frauen, tausend weitere finden. Damit sie dann zusammen 11.000 Gefährtinnen würden. Dazu sollte er ihnen ein Schiff bauen, auf dem sie sich drei Jahre lang vergnügen könnten.

 

…da sind wir wieder beim Schiff.

Genau, da sind wir wieder beim Schiff angelangt. Und das Interessante ist wiederum, die Kirche der St. Ursula wurde über dem Isis-Tempel erbaut. In der Kirche hat man die Statue einer Isis-Invicta, der Unbesiegbaren Isis gefunden.

Aber die Geschichte der Ursula geht ja noch weiter. Ursula kriegt das Schiff, um drei Jahre mit ihren Gefährtinnen durch die Welt zu ziehen. Dabei ist sie letztendlich auch in Köln gelandet und dann heißt es interessanterweise: „Die Jungfrauen trieben viel Kurzweil auf dem Meer und St. Ursulens Vater schickte ihnen viel Ritter und Knechte und Gesindes und es kamen auch viele Bischöfe zu ihnen.“ Da hört man deutlich heraus, was auf dem Schiff getrieben wurde. Das heißt, auch dieser Mythos handelt von einem Schiff voller fröhlicher sexueller Aktivitäten. Und die Männer dazu schickt sogar der Vater. Es herrscht also ein ausgelassenes Treiben. Später wird von der Kirche aus gesagt, jetzt müssen sie aber auch noch dafür bluten. Und so entstand das Martyrium der Heiligen Ursula. Aber ursprünglich war das so nicht angelegt. Es ist ja toll, wenn man sich überlegt, dass die Ursula das erstens selber initiierte und wir haben es da mit geballter Frauenkraft zu tun, 11.000 Jungfrauen, alle so schön, edel und weise wie Ursula selber. Das kann sich sehen lassen.

 

4. Wofür steht die Gestalt der Jungfrau ursprünglich? Du hast das Kölner Dreigestirn aus Prinz, Bauer und Jungfrau so schön als „Royal Family of Cologne“ bezeichnet. Welche Rolle erfüllt in diesem Trio die Jungfrau?

Die Bezeichnung „Royal Family of Cologne“ ist nicht von mir, sondern aus dem Buch über das Dreigestirn von Ilse Prass. Da zitiert sie so nett einen Ausländer, der kam zur Zeit der Session nach Köln in das Hotel, in dem das Dreigestirn zu der Zeit immer untergebracht war. Er sieht die drei an der Rezeption in der Hotelhalle und fragt, wer sind die denn? Da hat die Empfangsdame im Hotel ganz spontan geantwortet: „The Royal Family of Cologne“. Das könnte man nicht netter ausdrücken. Das Dreigestirn als königliche Familie.

Aber jetzt zur Jungfrau, das ist wirklich ein ganz alter Titel sowohl der Isis als auch der Kybele. Diese Jungfrau war keine Jungfrau, wie wir das heute im biologistischen Sinne begreifen. Der Titel Jungfrau hatte ursprünglich nichts damit zu tun, ob Frauen mit einem Mann zusammen waren oder nicht. Jungfrau war immer die Frau, die für sich selbst steht und die ihre  Kraft für sich selbst einsetzt, also unabhängig ist. Sie kann durchaus, wie die Göttin Isis, mit Osiris liiert sein. Diese Jungfrauen wurden auch Jungfrauen genannt, nachdem sie schon Kinder hatten. Der biologistische Aspekt wäre ihnen sicher absurd erschienen.  Jungfrau ist das Sinnbild für Kraft und Unabhängigkeit, auch für sinnliche Liebe und beschützende Wachsamkeit. Isis sagt zu Osiris einmal: „Siehe, ich bin die große Jungfrau, ich bin es, die dein Herz liebt.“ Und die große Liebesgöttin Inanna/Ischtar, die dann zu Aphrodite/Venus wurde, war ja auch „eine Jungfrau, so hoch wie der Himmel, so weit wie die Erde und so stark wie die Fundamente der Palastmauern“. Da weiß man, was Jungfräulichkeit bedeutet.

Und wenn ich jetzt schon die Mauern des Palastes erwähne, komme ich auch zur Mauerkrone, also die Krone der Jungfrau im Dreigestirn. Schon die Göttin Kybele trug eine Mauerkrone auf dem Kopf. Da gibt’s einen sehr interessanten Mythos, aber wenn wir den jetzt erzählen, das führte hier zu weit. Das große Charakteristikum der Kybele war, dass sie als die Jungfrau die Mauerkrone auf dem Kopf hat. Es gibt in meinem Buch auch ein wunderschönes Bild, das die Kybele auf dem Löwenthron zeigt, mit dem Tympanon, der Handtrommel in der Linken. Die Handtrommel steht dann auch für das Ekstatische, dieses ganze Flöten und Pfeifen und Trommeln, was wir heute noch haben im Karneval, das gab’s in den Kybele- und Isis-Prozessionen schon vor 2500 v.Chr., das gab’s natürlich auch bei Dionysos in reichem Maße. Und nochmal zur Göttin Kybele, auf ihrem Löwenthron mit der Mauerkrone, da ist immer auch das Wehrhafte und Kraftvolle dieser Göttinnen angesprochen.

 

…kannst Du uns das Bild der Mauerkrone nicht doch näher erläutern?

Das ist eine schwierige Geschichte, aber um es ganz kurz zu sagen: Kybele wollte ihren jugendlichen Geliebten Attis aus einer Stadt heraus retten, weil sie ein Orakel hatte, dass dieser Attis sterben würde, wenn er sich verheiratet mit einer sterblichen Frau. Und um das zu verhindern, ist Kybele in diese Stadt, die sämtliche Tore verschlossen hatte, eingebrochen, um ihren Geliebten vor dem Verhängnis eines frühen Todes zu retten. Und da hat sie mit ihrer großen Kraft die gesamte Mauer durchbrochen und niedergerissen und trägt seither symbolisch die Mauerkrone der Stadt au ihrem Haupt. Das heißt, Kybele, als Jungfrau, Mutter und Königin ist diese ganz große starke, kraftvolle Gestalt, die mit ihrem Kopf die Mauerkrone hochhebt. Und dieses Symbol der Mauerkrone haben wir heute noch bei der Kölner Jungfrau, die trägt sie immer noch auf dem Kopf und sie ist auch unten auf ihrem Gewand abgebildet. Das Gewand ist auch meist weiß. Und weiß steht für Reinheit, Wissen und Weisheit, das ist mit diesen Jungfrauen verbunden. Was diese Jungfrau auch noch auszeichnet ist, dass sie bis heute auf die Zinnen der Kölner Stadtmauer bezogen wird, deren Uneinnehmbarkeit und Unabhängigkeit sie repräsentieren soll. Auch hier  bedeutet sie also ein Zeichen der Wehrhaftigkeit und der Stärke.

 

5. Was hat es damit auf sich, dass Männer in die Gestalt der Jungfrau schlüpfen, die mindestens zur Ü 40 Party müssen.

Ja, das macht nichts, die Jungfrau hat ja nichts mit jung zu tun. Jungfrau ist keine Aussage über ein Alter, sondern eine Charaktereigenschaft. Jungfrau bedeutet, wie ich es eben gesagt habe, dieses Kraftvolle, Unabhängige und für sich selbst einstehen, auch für die eigene Liebesfähigkeit einstehen und es ist weniger keine Angabe über ein Alter. Das „jung“ steht einfach für dynamisch. Ältere Frauen, wie auch Männer, können ja noch dynamisch sein und ihre Eigenständigkeit leben. Und wenn dann die Bläck Fööss über ihre Stadt singen: „du bes en Jungfrau un en ahle Möhn“, dann haben sie genau das eigentlich begriffen. Diese Jungfrau, die ja auch die ahle Möhn sein kann und trotzdem ihr jungfräuliches, ihr dynamisches Dasein nicht verliert. Diese Göttin, die sich verwandeln kann von der Jungen in die Alte, wobei das Alte auch mit Trauer zusammenhängt, und dann wieder in die lichtvolle, strahlende Gestalt. Deswegen sind Jungfrauen und ahle Möhn zwei Seiten derselben Medaille. Und da kommen alte mythologische Relikte plötzlich in einem Karnevalslied wieder hoch.

 

6. Feierst du selber gerne Karneval?

Ich stamme aus dem Rheinland, aber bin in Tübingen jetzt eher in der Karnevalsdiaspora. Und der Karneval hier ist nicht das, was mich anspricht. Der Tübinger Karneval hat mehr mit Winteraustreiben zu tun, als mit ekstatischem Feiern. Hier sind auch viel mehr Masken, zum Teil auch wirklich grauenhafte Masken, dämonische oder hexenhafte Masken. Im Kölner Karneval sind nicht so viele Masken, die das Gesicht entstellen. Er hat ein offenes Gesicht.

...und birgt einen wahrhaft großen mythologischen und kosmopolitischen Schatz. Danke für das Gespräch.

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Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

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Barbara Fischer Reitzer.