Alaaf: Karneval kosmopolitisch (1)

Autorin: 

Barbara Fischer im Gespräch mit der Autorin Vera Zingsem über ihr neuestes Buch

1.      Wenn ich ein Buch über den rheinischen Karneval aufschlage und erst mal seitenlang etwas über die altägyptische Göttin Isis erfahre, wie geht das zusammen?

Das geht damit zusammen, dass ich das Wort Karneval zurückführe auf Car-navalis, das Wagenschiff. Diese These ist umstritten, aber es gibt einige vernünftige Anhaltspunkte dafür. Auf der einen Seite ist Isis die Göttin, die mit dem Schiff bis nach Köln gekommen ist. Das Schiff ist ja ihr Symbol. Und auf der anderen Seite kann man sehen, dass die allererste Karnevalsprozession, die uns schriftlich überliefert ist,  in der Isis-Tradition stattfand. Und das ausgerechnet zum 5. März, nach dem heutigen Kalender, das ist der “Tag der Schifffahrt der Isis“ gewesen. An diesem Tag wurde ihr alljährlich ein Schiff geweiht und die Erstlinge jeglicher Ladung wurden ihr auf einem neugezimmerten Schiff  dargebracht, dass dann später ins  Meer treiben konnte, als Opfergabe an eine glückliche Seefahrt. In diesem Zusammenhang wurden offensichtlich schon karnevalistische Züge aufgeführt, wie bei dem römischen Dichter Apuleius um die Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. beschrieben.  Dort erzählt er höchst anschaulich, die Leute haben eine Prozession zum Meer gemacht, haben dann am Meer ein Schiff beladen, ein kostbares, wunderschön gezimmertes Schiff, das extra mit Zitronenholz gebaut wurde. Es muss also auch ein wunderbarer Duft gewesen sein, der das Schiff umgab, und der Zug, der dahin geführt wurde, die Prozession, die hatte am Anfang einen karnevalistischen Teil. Die Leute haben sich als alle möglichen Tiere oder sonst was verkleidet,  aber sie haben auch Philosophen auf dem Arm genommen, also alles Mögliche wurde da dargestellt. Sie sind so verkleidet zum Strand gezogen und hatten jede Menge Spaß. In diesem Zug selber wurden dann auch heilige Symbole getragen, wie zum Beispiel eine Statue der Göttin Isis oder die Kuh, „das segensvolle Bild der allgebärenden Göttin“, wie es da heißt, oder die sog. mystische Truhe. All das wurde in der Prozession mitgetragen, d. h. sie war halb karnevalistisch-burlesk und halb heilig. Und in dem Sinne kann man dann sagen, wurde das Karnevalistisch-burleske dann zugleich auch als heilig empfunden.

2.      Warum wurde ausgerechnet das Schiff zum Symbol der Isis?

Die Ägypter waren ja ein großes Seefahrervolk. Und ihre Göttin Isis galt als die Erfinderin des ersten Schiffes, als sie auf der Suche nach ihrem geliebten Gemahl Osiris, der von seinem feindlichen Bruder Seth getötet wurde, aufs Meer hinaus fuhr. Osiris war bei dem Mord in eine Lade, sprich einen Sarg hinein verfrachtet worden und dieser Sarg trieb aufs Meer hinaus. Isis ist dieser Lade bis zum Strand nachgegangen in Trauer um den toten Geliebten. Und sie hat in dieser Situation der Trauer und scheinbaren Ausweglosigkeit das erste Schiff der Welt erfunden, so geht der Mythos. Sie ist ihrem Geliebten dann nach Syrien nachgesegelt, als erste  Kapitänin sozusagen, hat Osiris wieder zurückgebracht nach Ägypten, wo sie den Toten durch die Kraft ihres Wortes wiederbelebt und so die Trauer in Freude verwandelt hat. Durch diese ergreifende Geschichte ist Isis unauslöschlich mit dem Schiff verbunden.

3.      Was verbindet aber den Rosenmontagszug in Köln mit der Seefahrt?

Die Seefahrt an sich hat sich ja im Verlauf der Zeit transferiert. Wir haben von ihren Anfängen an sowohl bei Isis als auch in Mesopotamien die Vorstellung, dass ein Schiff, das über den Himmel segelt, auch zu Land fahren kann. Zu dem Bild vom Schiff am Himmel komme ich gleich. Aber dieser Prozess, dass ein Himmelsschiff auch über Land fahren kann, ist sozusagen der Überstieg zum Karneval, zum Wagenschiff. Wenn ich Carnavalis, Wagenschiff sage, dann habe ich ja den Wagen, der über Land gezogen wird und das Schiff steht auf diesem Wagen. Das ist tatsächlich schon eine ganz alte Vorstellung aus dem mesopotamischen Zweistromland, da war eben das Schiff am Himmel die Mondsichel. Und dieses Boot der Mondsichel hängt wiederum mit der Göttin Innana-Ischtar zusammen und bildete gleichzeitig ihre heilige Vulva am Himmel ab. Dass wir also sagen können, das Boot war stets auch mit der Liebe verbunden und sexuellen Riten und Vorstellungen. Dieses Himmelsboot musste ja immer wenn es zum Tempel fuhr, wieder auf die Erde kommen. Und da hat man auch ganz früh schon Darstellungen, wo man das Himmelsboot, also die liegende Mondsichel, als Himmelsboot, als Barke, die auch gerudert wird vom Mondgott oder von der Göttin, dann auf einen Karren gesetzt hat mit Rädern, und der wurde dann von Kühen oder Ziegen gezogen. Also diese Vorstellung, man kann das Himmelsboot auf einen Wagen setzen, um es dann auch auf die Erde zu bringen, wurde schon vor 4000 Jahren kreiert. In Ägypten hat man Isis als die Herrin der himmlischen und irdischen Seefahrt gesehen. Ihr Schiff kann also am Himmel und auf dem Wasser fahren. Und wenn man dann kein Wasser mehr hat, dann zieht man das Schiff über Land.

Schon Jakob Grimm hat in seiner deutschen Mythologie interessanterweise festgestellt, dass in der Kölner Umgebung, etwa in Jülich, Schiffe gebaut wurden, die niemals für die See bestimmt waren, auch nicht für einen Fluss. Ab dem Mittelalter lassen sich diese Schiffstypen gut nachweisen.

Man hat damals Schiffe gebaut allein zu dem Zweck, um sie über Land zu ziehen. Also so, wie man das heute in Karnevalszügen auch macht, manche der Karnevalswagen sind ja im Grunde noch verkappte Schiffe, vor allem die großen Wagen. Und auch die Narrenkappen erinnern sehr an ein Schiff, oder an Wellengang. Und wenn wir das Schunkeln sehen, das Schunkeln ist ja, als wenn die Leute im Boot sitzen würden und von einer Welle zur anderen geschaukelt werden, bzw. das Schaukeln auf einem Kahn nachahmen.

Was auch noch interessant ist zu erwähnen, diese Schiffe wurden nach Art von Pflügen über Land gezogen, zu Anfang des Frühlings, das heißt, dann, wenn man neu ausgesät hat. Und meine These ist auch, dass die Kamelle und Strüßjer, die heute geworfen werden, ursprünglich Saatgut waren, dass man geworfen und über die Erde verteilt hat, in die neu gepflügten Rillen. So dass man eigentlich versucht hat, am Ausgang des Winters zur Begrüßung des Sommers das Schiff über Land zu ziehen, es wie einen Pflug zu benutzen und gleichzeitig auszusäen. Das deutsche Wort „Pflug“ und das altgriechische Wort „Schiff“ haben tatsächlich dieselbe Wurzel, d. h. unser Wort Pflug hat sich aus dem griechischen Wort für Schiff – ploion (bis heute im Neugriechischen ploio) - entwickelt. Das spricht dafür, dass die Wörter Schiff und Pflug inhaltlich zusammenhängen. Das über Land gezogene Schiff wurde in einigen Gegenden Deutschlands zum Pflug. Dort hat man dann Pflüge zur Karnevalszeit herumgezogen, etwa in Nürnberg und Umgebung.

4.      Aber warum die Mühe? Warum nahmen die Leute nicht einfach einen „normalen“ Pflug oder eine  Egge, Ochsen davor gespannt und fertig?

Weil das mit dem  Schiff viel schöner war, weil da nämlich alle Gottheiten mitfahren konnten, was auf einem Pflug schlecht möglich war.  Bei diesen speziellen Schiffen  wurde immer gesagt, da sind Venus, Aphrodite oder die alt deutsche Göttin Holle mit von der Partie, auch Mars und Dionysos waren mit dabei. Auf den Schiffen besuchten die Gottheiten die Menschen und waren dadurch auch den Menschen nahe. Deshalb, wenn das Schiff über Land gezogen wurde, war das ein Riesenevent, wie man heute sagen würde. Da kamen die Leute in Scharen. Und dann gab es Party und auch sexuelle Aktivitäten um die Schiffe herum. Es wurde ja damals auch immer so gesehen, dass die Sexualität der Menschen gleichzeitig die Fruchtbarkeit der Äcker beflügelt. Es war also ein buntes Treiben, in dessen Zentrum die Vereinigung mit den Gottheiten auf dem Schiff stand.

5.      Weder die Ausschweifungen noch die Idee mit dem verstärkten Alkoholkonsum im närrischen Treiben sind also Erfindungen unserer Zeit…

Bestimmt nicht, man muss sich auch überlegen, es war ja nicht immer warm Anfang März, also hat man sich mit dem Alkohol auch innerlich gewärmt. Und gleichzeitig hat man dem Gott Dionysos-Bacchus gehuldigt, dem Gott des Weines, der das griechisch-römische Pendant zum ägyptischen Gott Osiris war. Bacchus bedeutet übrigens „der Lärmende“, und ein weiterer seiner Beinamen war Charma, der Freudebringer, wovon sich bis heute unser Wort Charme herleitet

6.      Warum wurde Dionysos mit Osiris gleichgesetzt?

Die Römer haben das getan. Sie sahen das so,  Osiris ist der Gott des Nils, der im Wasser und auch im Wein aktiv ist. Also wenn wir Dionysos, lat. Bacchus, haben, sind wir letztlich wieder bei Isis und Osiris, dem ägyptischen Götterpaar. Schon im alten Ägypten gehörte zu jedem Osiristempel ein Weinberg dazu. Und wenn wir auf den Wein und dessen Anbau schauen, gerade zwischen Köln und Mainz, den beiden Isis-Hochburgen -  den Rhein entlang gibt es so viele Weinberge. Osiris und Dionysos wurden in Weinbergen verehrt und Weinberge finden wir am Rhein wirklich zuhauf.

Das heißt, das Boot konnte zu Wasser und zu Land fahren und hat für mich den Karneval mitbegründet. Es war das Narrenschiff, das über Land gezogen wurde und gleichzeitig auch wie ein Pflug wirkte. Damit verbunden war immer auch ein geselliges, fröhliches und laszives Treiben. Und das in einer Jahreszeit, in der die Leute kaum etwas zu beißen hatten. Es war ja zum Ende des Winters, die Vorräte waren aufgebraucht und es war ihnen klar, wenn wir jetzt nicht aussäen, wird eine Hungersnot kommen. Und die mit der Aussaat verbundene Erleichterung mit so einem fröhlichen Fest zu versehen, ist eine schöne Vorstellung. Nochmal alles auszugeben, was man hat. Das gefällt mir auch am rheinischen Karneval so gut, das ‚Kamelle werfen‘, die Leute mit Geschenken zu beglücken. Die Vorstellung, wir werfen etwas und wir geben mit vollen Händen aus, bevor wir wieder nehmen. Das kann man durchaus auch als eine religiöse Handlung deuten.

7.      Du nennst den Karneval eine „kosmopolitische“ Veranstaltung. Sicher, in der jecken Zeit kommen immer viele Touristen in die Stadt, aber was genau meinst du, ist an der kölschen Schunkelwut so weltoffen?

 Das Weltoffene kommt eigentlich schon aus der Römerzeit, die die Isis ja mit hierherbrachten. Über die Römer kamen ja auch noch viele andere Gottheiten nach Köln, zum Beispiel die Göttin Kybele, die Große Mutter, darauf komme ich nachher noch bei dem Jungfrauenideal zurück. Die ganzen großen Göttinnen  - und Götter - kamen ja mit den Römern nach Köln und haben für meine Begriffe den Karneval mit beeinflusst, und als der Karneval 1823 nochmal neu konzipiert wurde, da hat man das vor allem auch unter mythologischen Gesichtspunkten getan. Das sieht man an den alten Karnevalswagen, wie zum Beispiel der Wagen, der mein Buch ziert (Foto), das ist ja reine Mythologie: die Sonnengöttin mit ihren Rossen, der Mond vorne auf der Spitze des Wagens, die achtzackigen Sterne der Göttin Ischtar, da sieht man, wie stark der Mythos immer wieder in das karnevalistische Leben eingreift.

 

Teil 2 des Interviews folgt in Kürze

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Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

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Barbara Fischer Reitzer.