Über die Vielfalt von Frauen und Männern - Teil 2

Autorin: 

Gaby Mayr

München-Schwabing: In einem Jugendstil-Mietshaus ist das Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität untergebracht. An den Wänden des Treppenhauses hängen Schwarzweiß-Fotos von Größen des Fachs. Im dritten Stock liegt das Büro von Paula Villa.

Die Soziologieprofessorin hat einen Morgentermin vorgeschlagen - es sind Ferien, Schule und Kita haben geschlossen, die Kinder sind nur für wenige Stunden versorgt. Villa lehrt und forscht zum Verhältnis der Geschlechter. Wer besucht ihre Veranstaltungen?

"Es ist ein Querschnitt aus Studierenden der Sozialwissenschaften, Politikwissenschaft beispielsweise, Kommunikationswissenschaft und Kultur-, Geisteswissenschaften. Ich hab kontinuierlich einen kleinen interessanten Anteil von Studierenden aus den Naturwissenschaften, vorrangig aus der Medizin, immer wieder auch Biologie. Es gibt auch viele Männer, die bei mir studieren, bei uns am Lehrbereich sind's 70/30 weiblich/männlich."

Dass Gender-Themen nur etwas für Frauen seien, behaupten Gegner der Gender Studies gerne. Dabei ist der Männeranteil in Gender-Veranstaltungen ähnlich wie, sagen wir, in Psychologievorlesungen. Und natürlich gibt es auch männliche "Gender-Professoren".

Trotz des hohen wissenschaftlichen Anspruchs: Die Soziologieprofessorin mit Schwerpunkt Gender Studies sieht sich heftigen Attacken ausgesetzt.

"Das wird alles diffamiert und diskreditiert, oder es wird jedenfalls versucht, über eine Sprache, die eben so spricht mit 'Lehrstuhlbesetzerin', und 'sogenannte' Wissenschaftlerin, und wo ich, wie viele Kolleginnen und auch Kollegen, adressiert werde als eine, die eigentlich gar nichts an der Uni zu suchen hat, eigentlich gar nicht Wissenschaft macht."

Die rüdesten Angriffe erreichen die Professorin, oft anonym, auf elektronischem Weg: per Mail, über Blogs und auf Facebook. Aber auch in der realen Welt wird die Wissenschaft, die sich mit den Geschlechterverhältnissen beschäftigt, infrage gestellt - von politischen Gruppen und Parteien. Der Streit ist so zugespitzt, dass die Berliner Landeszentrale für Politische Bildung vor der jüngsten Abgeordnetenhauswahl ihren Wahlomaten mit einer entsprechenden Frage bestückte:

"An Berliner Hochschulen soll es weiterhin Geschlechterstudien (Gender Studies) geben. - Stimme zu - neutral - stimme nicht zu."

Kein anderes Wissenschaftsgebiet polarisiert derart, dass es zur Parteiprofilierung dient.

"Das hat schon viel damit zu tun, dass es kulturell offenbar legitim erscheint, Frauen abzuwerten"

Sabine Hark ist Professorin für Geschlechterforschung an der Technischen Universität Berlin. Wir sind in der Lobby vor einer Bibliothek verabredet. Die Hochschullehrerin ist mit dem Fahrrad durchs dichte Berliner Verkehrsgewühl gekommen. Sie nennt zwei Gründe für die massiven Attacken auf die Gender Studies: "Das hat schon viel damit zu tun, dass es kulturell offenbar legitim erscheint, Frauen abzuwerten. Das übersetzt sich durchaus auch in die Wissenschaft. Dann ist es so, dass viele zunächst glauben, naja, was kann's denn da schon zu wissen geben? Es gibt doch Männer und Frauen, und wie die so sind, das wissen wir doch alle. Bei der Geschlechterforschung kommen die Abwertung von Frauen und die Vorstellung von 'Geschlecht ist so alltäglich, das braucht man nicht wissenschaftlich zu untersuchen', zusammen, die diesen extremen, negativen, abwertenden Beiklang haben."

Als Professorin an einer Technischen Universität bietet Sabine Hark Lehrveranstaltungen an, die etwa den Zusammenhang zwischen Technikentwicklung und Geschlecht behandeln. Auch der Alltag der Studierenden beeinflusst das Lehrprogramm: Informatikstudierende wollen zum Beispiel wissen, warum viele Computerspiele so sexistisch sind - weibliche Figuren kommen entweder gar nicht vor, oder sie sind sehr sexuell aufgeladen.

Zusammen mit Paula Villa hat Sabine Hark das Buch "Anti-Genderismus" herausgegeben, eine Auseinandersetzung mit den Gender-Gegnern in Europa. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit "Männern und Frauen in der Wissenschaft":

"Wir versuchen zu verstehen, warum wir in bestimmten Fächern immer noch so wenige Frauen haben. Warum die Karrierewege zwischen Männern und Frauen in der Wissenschaft so unterschiedlich sind."

Erst seit gut einhundert Jahren dürfen Frauen in Deutschland studieren. Gegen den Widerstand von Männern erkämpften sie sich den Zugang zu den Universitäten. Der Physiker Max Planck, Namensgeber einer führenden deutschen Forschungsgesellschaft, meinte damals:

"Amazonen sind auch auf geistigem Gebiet naturwidrig (...). Im Allgemeinen kann man nicht stark genug betonen, dass die Natur selbst der Frau ihren Beruf als Mutter und als Hausfrau vorgeschrieben hat."

Heute ist die Hälfte der Studierenden weiblich. Studentinnen stellen die Mehrheit in den Kulturwissenschaften, aber auch in Jura, Medizin und Biologie. Und weil weibliche Studierende im Durchschnitt gute Noten erreichen, werden mittlerweile vor allem Frauen als Richterinnen und bei der Staatsanwaltschaft eingestellt. Denn die Justiz besetzt ihre Stellen strikt nach Noten - nach Leistung, könnte man auch sagen.

An den deutschen Hochschulen, in der Wissenschaft ist dagegen spätestens nach dem Doktorgrad Schluss mit dem Aufstieg der Frauen. Nur ein Fünftel der Professuren haben Wissenschaftlerinnen inne, bei den besonders gut ausgestatteten C4-Professuren ist es sogar nur gut ein Zehntel.

"Da stellen wir halt schon sehr deutlich noch fest, dass es Kompetenzvorstellungen, Kompetenzzuschreibungen gibt, die Männer bevorzugen. Dass Männern nach wie vor mehr Kompetenz zugeschrieben wird als Frauen, und das gilt dann eben auch in der Wissenschaft."

In Experimenten wurde nachgewiesen, wie Männer und Frauen ohne jeden sachlichen Grund unterschiedlich bewertet werden: Bewerbungen unter Männernamen wurden eher weiter bearbeitet, identische Bewerbungen unter Frauennamen eher aussortiert.

Entwicklungsbiologin und Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard hat die Folgen der gläsernen Decke für Frauen in der Wissenschaft schon 2004 auf den Punkt gebracht:

"Es ist ja ganz klar, dass Frauen es genauso gut können wie Männer, ich glaub, da gibt´s auch gar keine Debatten mehr. Aber sie haben doch einen etwas erschwerten Zugang, besonders zu leitenden Positionen, und das finde ich sehr schade. Es gehen der Forschung furchtbar viele Talente verloren, wenn Frauen nicht wirklich die gleichen Chancen haben."

Warum der Aufstieg von Frauen in der Wissenschaft so oft scheitert, bleibt also ein Thema für die Genderforschung. Die allerdings wird auch von Wissenschaftlern bekämpft. Zum Beispiel von Axel Meyer, Evolutionsbiologe an der Universität Konstanz. Meyer schreibt in seinem Buch "Adams Apfel und Evas Erbe":

"Dieses Buch [ist] auch ein Plädoyer für rationales, ja materialistisches Denken gegen hierzulande weit verbreiteten Hokuspokus wie etwa Anthroposophie, Homöopathie oder Genderstudies."

Ein Treffen zum Interview klappt nicht, wir müssen uns per Studioleitung unterhalten. Seine Arbeit beschreibt der Mittfünfziger so:

"Uns interessiert, die genetische Basis von Anpassung zu finden und die Genetik von Artenentstehung zu verstehen. Also sequenzieren wir Gene und Genome von Tieren, hauptsächlich von Fischen, machen genetische Experimente undsoweiter."

Zum Thema "Gender" kann der Evolutionsbiologe mit seinen Arbeiten eigentlich keinen Beitrag leisten. Denn selbst bei einfachen körperlichen Merkmalen ist eine Verbindung zu den Genen schwer herzustellen - schreibt Meyer:

"Von unterschiedlichen Gensequenzen bis zur unterschiedlichen Augenfarbe oder Körpergröße ist es ein weiter Weg, der bisher oft nur in Ansätzen verstanden ist."

Trotzdem nutzt Professor Meyer seine Möglichkeiten für Attacken: Gegen Gender Studies. Und gegen Gender Mainstreaming - das ist ein in vielen Ländern angewandtes Verfahren, wonach bei gleicher Qualifikation - und nur bei gleicher Qualifikation - Angehörige desjenigen Geschlechts bevorzugt eingestellt werden sollen, das in dem Bereich unterrepräsentiert ist. So wie es das Gleichberechtigungsgebot im Grundgesetz fordert.

"Frauen sind einfach super darin, sich als Opfer zu verkaufen"

Axel Meyer dagegen ist überzeugt, dass Männer benachteiligt werden - und sich nicht wehren: "Ich glaube, dass es zu wenig Männer gibt, die einfach sagen: Es reicht."

Der Konstanzer Evolutionsbiologe präzisiert: "Frauen sind einfach super darin, sich als Opfer zu verkaufen und Quoten für Aufsichtsratsvorsitzplätze zu haben oder für Professorinnen zu haben. Aber nicht für weibliche Müllfrauen oder für weibliche Soldatinnen. Sie müssen die Schizophrenie in dieser feministischen Ideologie schon sehen. Und die stößt natürlich Männern auf. Nur, die meisten Männer sehen sich nicht gerne als Opfer, und ich würde den Frauen unterstellen, dass sie sich gerne in dieser Opferrolle präsentieren."

Während des Interviews betont der Biologieprofessor mehrfach, wie wichtig ihm Statistiken sind. Hier also eine Zahl. In "seinem" Bundesland Baden-Württemberg sind 85 Prozent der Professuren mit Männern besetzt. Über Meyers Fachbereich Biologie an der Uni Konstanz teilt die dortige Pressestelle mit:

"Von 19 W3-Professuren sind - im August 2016 - gerade nur zwei mit Wissenschaftlerinnen besetzt, und das bei einem Frauenanteil von 59 Prozent bei abgeschlossenen Promotionen."

Über derartige Zahlen geht Axel Meyer flugs hinweg.

"Sie glauben gar nicht, wie viel Druck wir haben von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und von allen Seiten, Frauen einzustellen."

Dorothee Dzwonnek, Generalsekretärin der Deutschen Forschungsgemeinschaft, widerspricht:

"Die Deutsche Forschungsgemeinschaft übt keinen Druck auf die Hochschulen oder Forschungseinrichtungen aus, mehr Frauen einzustellen. Sehr wohl aber - und mit Nachdruck - setzen wir uns für die Gleichstellung in der Wissenschaft ein."

Warum nimmt Evolutionsbiologe Meyer die Realitäten nicht zur Kenntnis? Und warum wird er geradezu ausfällig, wenn er in einer Institution wie dem Bundesforschungsministerium in höheren Positionen offenbar auf mehrere Frauen trifft:

"80 Prozent der Mitarbeiter sind Frauen. Bei Frau Schwesig im Familienministerium, 70 Prozent sind Frauen. Und ich will nicht wissen, welcher Prozentsatz lesbisch ist." 

Auch Meyers eigenes Umfeld, das sogenannte MeyerLab, ist auf den oberen Etagen fest in Männerhand: Als Postdocs, das sind wissenschaftlich Beschäftige mit Doktortitel, arbeiten dort sechs Männer und eine Frau. Die Assistenzprofessuren sind mit zwei Männern besetzt - und Null Frauen.

 

Quelle: http://www.deutschlandradiokultur.de/gender-am-ende-frauen-maenner-und-die-neue-vielfalt.976.de.html?dram:article_id=368585

 

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Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

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Barbara Fischer Reitzer.