Über die Veränderung von Normalität - LSBTI

Autorin: 

Dr. jur. Barbara Degen, Feministische Juristin und Frauengeschichtsforscherin

Für den künftigen Umgang und die wissenschaftliche Auseinandersetzung über die Probleme von LSBTI-Jugendlichen (lesbisch, schwul, bisexuell, trans) sind einige neu erschienene Bücher hilfreich und anregend.

 Claudia Krell/Kerstin Oldemeier, Coming out – und dann…?!, Diskriminierungserfahrungen von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans und queeren Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland, Opladen Berlin Toronto 2017,

260 S. 28.—Euro

 Der Anspruch der Forscherinnen des Deutschen Jugendinstituts e.V. war es, nicht nur statistische Erhebungen über die Jugendlichen vorzulegen, sondern die Meinungen und Positionen der betroffenen Jugendlichen selbst ins Zentrum ihrer Auswertung und der eigenen Überlegungen zu stellen. Die Untersuchung basiert auf einer online-Befragung von 600 Jugendlichen zwischen 14 und 27 Jahren, an die Fragebögen verschickt wurden, und auf 40 Intensivinterviews. Den Online-Fragebogen hatten über 8000 Jugendliche aufgerufen.

Die Forscherinnen kommen zu dem Ergebnis, dass sexuelle und geschlechtliche Vielfalt das gesellschaftliche „Außen/Andere/Abweichende“ mit zahlreichen Defizitzuschreibungen versehen. Darüber hinaus bedarf es nach wie vor eines „Coming-out“ zur Realisierung einer emanzipierten Lebensführung. (S. 10). Diese für alle Teilgruppen gemeinsame Erfahrung führt dazu, dass das Coming-out zu einem zentralen Aspekt der Lebensgeschichte und der eigenen sexuellen Orientierung wird. Zwischen dem inneren und dem äußeren Coming-out vergehen oft mehrere Jahre. Beim ersten äußeren Coming-out sind die meisten, fast ein Drittel, 15 bis 16 Jahre alt. Dabei sind es die Eltern (vor allem die Mütter), die Geschwister, enge Freunde und Freundinnen und danach die Jugendgruppen, die angesprochen werden. Die vorgestellten negativen Erwartungen erfüllen sich häufig nicht. Das schließt jedoch Diskriminierungserfahrungen nicht aus. Sie reichen von dem Nicht-Ernst-genommen-werden, Ignorieren, übermäßiges Interesse an der Sexualität bis zu Beschimpfungen, Beleidigungen, Strafandrohungen und körperlicher Gewalt. (S.102/103).

Kompliziert ist ein Coming-out häufig am Arbeits- und Ausbildungsort, auf dem Land und vor dem Hintergrund von Migrationserfahrungen. Besonders belastete Gruppen sind Trans*Jugendliche und Jugendliche, die es ablehnen, sich in das Mann-Frau-Schema einzuordnen. Die Diskriminierung ist oft geschlechtsspezifisch. Besonders Mädchen und Trans*Frauen werden mit Rollenerwartungen konfrontiert, die ihren Gefühlen und Körperwahrnehmungen völlig entgegenstehen. Jugendliche, die eine  Transition anstreben,  berichten darüber hinaus von regelrechten, oft jahrelangen Kämpfen, die sie mit Behörden ausfechten müssen.

Die Autorinnen verstehen das coming-out nicht als einmaligen Akt, sondern als einen Prozess. Nach ihren Untersuchungen arrangieren sich die Eltern in dem meisten Fällen mit der Situation. Zumindest in den Großstädten gibt es inzwischen Beratungsangebote, die die Jugendlichen unterstützen. Auch das Internet wird genutzt, um Gleichgesinnte zu finden und um sich über die eigenen Probleme auszutauschen.

Die einzelnen Kapitel der Untersuchung werden mit einer Fallgeschichte eingeleitet, immer wieder werden zwischen die Statistiken O-Töne der Befragten aufgenommen. Das macht das Buch lebendig und die Lebenssituation nachvollziehbar. So erfahren die LeserInnen auch viel über die Verteidigungsstrategien, um nicht aufzufallen und um so „normal“ wie möglich durch ihr Leben gehen zu können. Sie sind verknüpft mit einer Vielzahl von Ängsten über negative Reaktionen. Es wird zwar über die Erleichterung und Freude über ein gelungenes coming-out gesprochen. Stolz und Zuversicht über die politisch-gesellschaftliche Entwicklung findet sich in der Untersuchung jedoch nicht. Hier wäre ein genauerer Blick auf die Ressourcen, z.B. in Partnerschaften oder in den Beziehungen zur Familie sicher hilfreich gewesen. Als  unbefriedigend habe ich es auch empfunden, dass die Wandlungen und Veränderungen der Beziehung zu dem eigenen „sexuellen Ich“ und zur Umwelt nicht tiefergehender untersucht worden sind. Haben sich das Leben und die Wünsche an die Zukunft nach dem Coming-out geändert? Gab es Einflüsse auf die eigene Körper- und die Fremdwahrnehmung anderer Menschen? Wie veränderte sich der Blick auf das gesellschaftlich vorherrschende Mann-Frau-Schema? Was tragen die befragten Jugendlichen dazu bei, diesen Blick zu differenzieren und an die Realitäten anzupassen? Wie verstehen sie

ihre eigene Grenzziehung zwischen ihrem privaten und ihrem oft neugierig oder ignorant gespiegelten  „öffentlichen“ Leben, das sie außerhalb einer (geschützten?) Privatsphäre erleben? In welchen Bereichen, bei welchen Gelegenheiten und bei welchen Menschen outen sie sich auch weiterhin nicht?

Möglicherweise hätten solche weitergehenden Fragen den Forschungsansatz gesprengt, der sich vor allem auf die Diskriminierungserfahrungen konzentrierte.

Das Buch endet mit einem Kapitel von O-Tönen, in denen Jugendliche ihre Zukunftshoffnungen formulieren:

 Die ideale Welt wäre für mich, wenn jeder so leben kann, wie er möchte. Und wenn es kein Thema mehr ist, was er eine mit dem Anderen im Bett macht oder sonst was. (Evelyn, 19 Jahre)

 Dass also,  dass halt eben das Menschsein im Vordergrund steht, unabhängig jetzt vom Geschlecht oder sonstigen Dingen. (Franziska, 24 Jahre)

 Dass jeder Mensch gleich ist, egal wie er lebt, welche Hautfarbe er hat, welche Religion er hat, ober er überhaupt eine Religion hat. Die Ansichten sollen sehr unterschiedlich sein, damit die Welt auch sozusagen einen gewissen Reiz hat, damit man zum Beispiel diskutieren kann über gewissen Themen. (Gabriel 16 Jahre)

 

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Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

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Barbara Fischer Reitzer.